Unterwäsche spielt in der Mode zurzeit eine besondere Rolle. So werden zum Beispiel bei Prada große Bustiers wie eine Rüstung über die Kleider geschnallt. Bei Michael Kors blitzt ein blauer BH unter einem Cardigan hervor. Bei Gucci wird Chiffon in mehreren Lagen über einem Chiffon-BH getragen. Bei Burberry kombiniert man hellblaue, taillenhohe Panties mit einem durchsichtigen Spitzenkleid – und Dolce & Gabbana lässt traditionell eine ganze Riege von Models derart knapp bekleidet über den Laufsteg huschen, dass man sich jede Victoria’s-Secret-Show sparen kann. Was ist bloß los hier? Bleibt Sex eben doch das beste Verkaufsargument?

Unterwäsche hatte schon mehrere große Stunden in der Mode. Ursprünglich trug man sie ausschließlich darunter, doch im Laufe der Zeit wurde sie zunehmend selbst Teil der Mode. Etwa bei Jean Paul Gaultier, der Madonna in den achtziger Jahren in ein skandalöses Korsett mit spitzen Brüsten steckte. Oder bei Martin Margiela, der ein Oberteil entwarf, auf das ein schwarzer BH aufgenäht war. Mit Sexiness hatte dies wenig zu tun – eher mit dem offenen Herauskehren der letzten Intimität, die dem Menschen unter all seinen Kleidungsschichten noch bleibt.

Vor dem 19. Jahrhundert existierte Unterwäsche, wie wir sie kennen, gar nicht. Man trug Höschen, die praktischerweise unten offen waren. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich jene Form von Unterwäsche, die heute geläufig ist. Weißer Stoff galt dabei als Statussymbol, weil er aufwendig und oft gewaschen werden musste, was ein gewisses Einkommen voraussetzte.

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Das andere Statussymbol (des Mannes) war die Frau. Denn in der bürgerlichen Gesellschaft schmückte sich nicht mehr, wie noch in der Aristokratie üblich, der Mann – jetzt wurde Wohlstand an der Frau ausgestellt. Über ihre Unterwäsche markierte sie sich selbst als Besitz ihres Mannes – was sie trug, galt ausschließlich ihm. Dass Unterwäsche jetzt nach oben gekehrt wird, erzählt damit auch etwas über den Wandel im Verhältnis zwischen Frau und Mann.

Und dass Unterwäsche in allen möglichen Farben auftaucht, nur nicht mehr in Weiß, belegt die Wirkungskraft auch der billigsten Waschmittel. Saubere Wäsche allein taugt nicht mehr als Statussymbol.