Beate Schücking, Rektorin der Leipziger Universität, hat zum Gespräch in ihr Amtszimmer geladen. Der Anlass dafür ist ernst: Ihre Hochschule begehrt auf gegen die Streichpläne, die Schücking gerade verkündet hat. Zwei ganze Institute sollen für immer schließen; als Folge der Sparpolitik der Landesregierung. Aber die Rektorin will nicht etwa reden, weil sie daran denkt, ihre Pläne zu revidieren. Sondern weil sie die nächsten Einschnitte schon absehen kann. Und die dürften noch deutlich schlimmer werden

DIE ZEIT: Frau Schücking, hat sich die Bundeskanzlerin schon bei Ihnen beschwert?

Beate Schücking: Nein, warum sollte sie?

ZEIT: Angela Merkel studierte in Leipzig Physik, sehr wahrscheinlich hat sie hier auch Vorlesungen in Physikalischer Chemie besucht. An diesem Institut streichen Sie jetzt heftig.

Schücking: Bei mir hat Frau Merkel nicht angerufen. Aber wenn Sie das Institut schon ansprechen: Wir haben die Physikalische Chemie ja nicht gestrichen, wie ich jetzt immer lese, sondern sparen dort nur eine von mehreren Professuren ein. Wir setzen um, was der Freistaat von uns verlangt. Jahr für Jahr müssen wir Dutzende Stellen aufgeben. Unsere Hochschule muss darben, weil das Geld fehlt. Da hilft es leider auch nicht, dass eine unserer Absolventinnen heute die Kanzlerin ist.

ZEIT: Eine andere Absolventin ist heute Bundesforschungsministerin. Vielleicht könnte sie helfen?

Schücking: Stimmt, Johanna Wanka hat in Leipzig Mathematik studiert. Glauben Sie aber nicht, dass wir uns regelmäßig zum Kaffeekränzchen treffen! Es gibt keinen Leipzig-Bonus oder so etwas. Den will ich auch nicht.

ZEIT: An Ihrer Hochschule wird gerade so heftig über Sparmaßnahmen diskutiert wie an keiner anderen deutschen Uni. Worauf würden Sie die beiden Politikerinnen gerne aufmerksam machen, wenn Sie könnten?

Schücking: Die ostdeutschen Länder können ihrer Verantwortung für die Wissenschaft kaum noch nachkommen. Von Rostock bis Freiberg sind sämtliche Universitäten unterfinanziert. 2019 läuft der Solidarpakt aus. Das macht sich bereits bemerkbar. Ich würde unsere beiden Absolventinnen dazu aufrufen, den Hochschulen endlich so zu helfen, wie sie es verdienen – insbesondere denen in Ostdeutschland. Im Koalitionsvertrag steht jetzt immerhin, dass die neue Regierung sich intensiver um die Forschung und um die Hochschulen kümmern will. Das will ich gern glauben.

ZEIT: Mehr als 1000 Stellen will der Freistaat Sachsen bis 2020 an seinen Hochschulen einsparen, so hat es der Landtag beschlossen. Etwa ein Fünftel davon muss wohl die Uni Leipzig beitragen. Welche Bereiche es trifft, sollen die Rektoren selbst entscheiden. Sie haben nun vor zwei Wochen bekannt gegeben, zwei Institute komplett schließen zu wollen – die Archäologie und die Theaterwissenschaft. Haben Sie den heftigen Protest, der dagegen losgebrochen ist, einkalkuliert?

Schücking: Ich bitte Sie! Kalkuliert ist da gar nichts. Wir kürzen auch nicht gezielt dort, wo der lauteste Protest zu erwarten ist, nur um die Staatsregierung zu erpressen – selbst wenn uns das mancher jetzt vorwerfen möchte. So denke ich nicht, so denkt mein Rektorat nicht. Aber jeder Fachbereich würde protestieren, wenn er erfährt, dass er an seiner Hochschule keine Zukunft hat. Wir hatten die Vorgabe, voriges Jahr in einem ersten Schritt 48 Stellen zu streichen ...