• 1916 legte Berlins Goethebund ein kiloschweres "vaterländisches Gedenkbuch" auf, eine Art Poesiealbum, in dem Militärs, Politiker, Dichter, Denker und Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich zum Krieg Stellung nahmen: "Das Land Goethes 1914–1916". Hindenburg ist dabei, Schnitzler, Rathenau, Ricarda Huch und Sigmund Freud. Viel martialisches Geschnarr und patriotisches Geplärr findet sich, doch auch sanfteres Gedankengut, oft in ein sinnreiches Goethe-Wort gekleidet. Nur wenige sprechen ihr Entsetzen offen aus, wie die Dramatikerin Elsa Bernstein (Ernst Rosmer): "Gott schuf den Tod, der Mensch den Mord." Nicht minder deutlich antwortete Albert Einstein; sein Beitrag ist zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa (die hier kursiv gesetzte Passage strich er auf Einwand des Goethebundes). Wir danken den Albert Einstein Archives der Jerusalemer Hebrew University für die Nachdruckerlaubnis. (Benedikt Erenz)

Die psychologische Wurzel des Krieges liegt nach meiner Ansicht in einer biologisch begründeten aggressiven Eigenart des männlichen Geschöpfes. Wir "Herren der Schöpfung" sind nicht die einzigen, welche sich dieses Kleinods rühmen dürfen; wir werden vielmehr in diesem Punkte von manchen Tieren, z. B. vom Stier und vom Hahn noch erheblich übertroffen. Diese aggressive Tendenz macht sich überall geltend, wo einzelne Männer nebeneinander gestellt sind, noch viel mehr aber dann, wenn verhältnismäßig eng geschlossene Gesellschaften miteinander zu tun haben. Diese geraten miteinander fast unfehlbar in Streitigkeiten, die in Zank und gegenseitigen Mord ausarten, wenn nicht besondere Vorkehrungen getroffen sind, um solche Vorkommnisse zu verhüten. Ich werde nie vergessen, welch ehrlichen Haß meine gleichaltrigen Schulgenossen gegen die Abc-Schützen einer in einer benachbarten Straße gelegenen Schule Jahre hindurch empfanden. Unzählige Raufereien fanden statt, bei denen es manches Loch in den Köpfen der Knirpse absetzte. Wer möchte zweifeln, daß Blutrache und Duellwesen diesem Gefühl entstammen? Ich meine sogar, daß die bei uns so sorgfältig gepflegte Ehre von ihm ihre Hauptnahrung erhält.

Die neueren staatlichen Organisationen haben begreiflicherweise die Äußerungen der primitiven virilen Eigenart stark in den Hintergrund drängen müssen. Aber wo zwei Staatengebilde nebeneinander liegen, die nicht einer übermächtigen Organisation angehören, schafft jenes Gefühl von Zeit zu Zeit in den Gemütern jene ungeheure Spannung, die zu den Kriegskatastrophen führt. Dabei halte ich die sogenannten Ziele und Ursachen der Kriege für ziemlich belanglos; sie finden sich stets, wenn die Leidenschaft ihrer bedarf.

Die feinen Geister aller Zeiten waren darüber einig, daß der Krieg zu den ärgsten Feinden der menschlichen Entwicklung gehört, daß alles zu seiner Verhütung getan werden müsse. Ich bin auch trotz der unsagbar traurigen Verhältnisse der Gegenwart der Überzeugung, daß eine staatliche Organisation in Europa, welche europäische Kriege ebenso ausschließen wird wie jetzt das deutsche Reich einen Krieg zwischen Bayern und Württemberg, in nicht allzu ferner Zeit sich erreichen lassen wird. Kein Freund der geistigen Entwicklung sollte es versäumen, für dieses wichtigste politische Ziel der Gegenwart einzustehen.

Man kann sich die Frage vorlegen: Wieso verliert der Mensch in Friedenszeiten, während welcher die staatliche Gemeinschaft fast jede Äußerung viriler Rauflust unterdrückt, nicht die Eigenschaften und Triebfedern, welche ihn während des Krieges zum Massenmord befähigen? Damit scheint es sich mir so zu verhalten. Wenn ich in ein gutes normales Bürgergemüt hineinsehe, erblicke ich einen mäßig erhellten, gemütlichen Raum. In einer Ecke desselben steht ein wohlgepflegter Schrein, auf den der Hausherr sehr stolz ist und auf den jeder Beschauer sogleich mit lauter Stimme hingewiesen wird; darauf steht mit großen Lettern das Wort "Patriotismus" geschrieben. Diesen Schrank zu öffnen ist aber für gewöhnlich verpönt. Ja der Hausherr weiß kaum oder gar nicht, daß sein Schrank die moralischen Requisiten des tierischen Hasses und Massenmordes birgt, die er dann im Kriegsfalle gehorsam herausnimmt, um sich ihrer zu bedienen. Diesen Schrein, lieber Leser, findest Du in meinem Stübchen nicht, und ich wäre glücklich, wenn Du Dich der Ansicht zuwenden möchtest, dass in jene Ecke Deines Stübchens ein Klavier oder ein kleiner Bücherkasten besser hineinpasste als jenes Möbel, das Du nur darum erträglich findest, weil Du von Jugend an daran gewöhnt worden bist. –

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Es liegt mir ferne, aus meiner internationalen Gesinnung ein Geheimnis zu machen. Wie nahe mir ein Mensch oder eine menschliche Organisation steht, hängt nur davon ab, wie ich deren Wollen und Können beurteile. Der Staat, dem ich als Bürger angehöre, spielt in meinem Gemütsleben nicht die geringste Rolle; ich betrachte die Zugehörigkeit zu einem Staate als eine geschäftliche Angelegenheit, wie etwa die Beziehung zu einer Lebensversicherung.