Es gibt einen Moment, in dem jeder sich eingestehen muss: Du bist nicht mehr jung. Diese Einsicht kann einen im Sprechzimmer des Arztes ereilen oder am Rand eines Grabes. Sie kann am Morgen vor dem Spiegel neben dich treten oder dich abends im Auto einholen.

Bei mir war es im Auto. Ich hatte mich verfahren, irgendwo auf dem Weg zu einem Termin. Das Navi war ausgefallen, also griff ich zum Stadtplan im Handschuhfach. Und plötzlich verschwammen die Linien der Straßen und die Buchstaben ihrer Namen zu einem unleserlichen Durcheinander. Da konnte ich die Hand mit der Karte noch so weit von den Augen weghalten, im Schummerlicht der Wagenbeleuchtung war dem Stadtplan keinerlei Information mehr zu entlocken. Und niemand in der Nähe, der mir hätte helfen können. Für einen allerersten Augenblick fühlte ich mich verloren. Wie früher als Kind – oder wie ein alter Mann. Dabei brauchte ich bloß eine Lesebrille. Wie die meisten jenseits der vierzig. Irgendwie fängt es eben an.

Jetzt werde ich fünfzig und frage mich: Soll ich das wirklich feiern? In diesem Jahr werden sich eine Menge Deutsche diese Frage stellen, so viele wie nie zuvor und niemals wieder. 1.357.304 "Lebendgeborene" zählt das Statistische Bundesamt für das Jahr 1964. Der geburtenstärkste Jahrgang der Bundesrepublik vollendet 2014 ein halbes Jahrhundert.

Rückenschmerzen, Lungenrasseln und Haarausfall

Ein seltsames Alter. Einerseits sind die meisten von uns auf dem Gipfelpunkt ihrer Laufbahn. In Unternehmen, Politik oder Journalismus besetzt die Generation Fünfzig-plus-minus die Spitzenpositionen. Ob Beruf, Familie oder Freunde: Jetzt weiß man, was man hat, und man weiß, wie es geht. Gleichzeitig registriert man, es geht eben nicht mehr alles. Eine Nacht im Zelt auf der Isomatte wird am nächsten Tag mit Rückenschmerzen bestraft, ein Abend mit ein paar Bieren bringt Kopfdröhnen. Man entdeckt: Ich habe einen Körper, und der hat Grenzen. Männern ist das nicht unbedingt klar, solange alles funktioniert. Doch plötzlich stellt sich dieses Lungenrasseln ein nach dem Kurzsprint zum Bus. Die Haut hält der Schwerkraft nicht mehr stand. Die Haare fallen aus an den Stellen, wo man sie gern hatte, wachsen aber dafür an Stellen, wo sie nicht hingehören.

In nicht weit zurückliegenden Zeiten wäre ich mit fünfzig längst tot gewesen, statistisch betrachtet. Zwar gab es immer Einzelne, die alt wurden. Doch von allen Menschen, die auf unserem Planeten Erde jemals über 65 Jahre wurden, lebt die Hälfte – jetzt. Noch 1900 lag die Lebenserwartung in Deutschland bei 46 Jahren, heute liegt sie bei über achtzig.

Wer in der Generation unserer Eltern fünfzig wurde, bereitete sich mental auf den Ruhestand vor. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter lag damals bei 58 Jahren. Wir Vierundsechziger dagegen sind der erste Jahrgang, der voll bis zum 68. Lebensjahr arbeiten muss – und wahrscheinlich auch kann. Keine Generation vorher war mit fünfzig körperlich so gesund und geistig so wendig wie die heutige. Die meisten von uns Vierundsechzigern fühlen sich den Dreißigjährigen näher als den Siebzigjährigen.

Letzte Chance für einen Neuanfang

Deshalb empfindet kaum einer die Jahre um die fünfzig als Anfang vom Ende. Einen Wendepunkt stellen sie aber doch dar, zum Beispiel in der Zeitorientierung. Denn plötzlich überrascht man sich dabei, dass man anders rechnet. Nicht nur die gelebten Jahre werden überdacht, sondern auch die Spanne, die noch bleibt. Die Zukunft wird kürzer sein als die Vergangenheit. Die Zahl der Optionen schrumpft. Gerade im mittleren Lebensalter wird das Dilemma modernen Lebens sichtbar: Ich muss mich entscheiden.

Das Glück über Erreichtes verbindet sich mit dem Bedauern über Verpasstes – abgelehnte Jobs, verschmähte erotische Gelegenheiten, nicht bekommene Kinder. Das Tolle am mittleren Alter: Für kaum etwas ist es zu spät. Man kann beruflich neu anfangen, die Stadt wechseln, eine fremde Sprache erlernen, einen neuen Partner finden, sogar eine neue Familie kann man gründen – als Mann jedenfalls. All das aber nur noch ein einziges Mal. Dann sind die Weichen gestellt.

Die Erkenntnis der Knappheit macht wählerisch. Ich überlege mehr denn je, wofür ich meine Zeit nicht verschwenden will: mittelmäßige Bücher, belanglose Zeitungsartikel, Menschen, an denen mir nicht wirklich liegt, öde Fernsehrituale. Geschwätzigkeit in Redaktionssitzungen geht mir mehr denn je auf die Nerven. Auf Zeitvernichtungsprogramme wie Facebook kann ich verzichten. Ich muss mir und anderen nicht ständig versichern, dass ich da bin. Ich weiß es. Man kann diese Haltung spießig nennen oder souverän. Studien über uralte Menschen zeigen, dass Skepsis gegenüber modischen Marotten anscheinend die Langlebigkeit fördert. Über Hundertjährige haben das Leben nicht als Produkt der Umstände betrachtet, sie haben sich schon lange frei gemacht von den Erwartungen anderer.

Bestes Alter für Entscheider

Für uns Mittelalte interessiert sich die Wissenschaft erst langsam. Was sie herausfindet, darf uns aber freuen. So ist die Vorstellung von der Midlife-Crisis falsch. Nicht ganz falsch aber ist es, den Fünfzigjährigen möglichst viel Verantwortung zu übertragen. Das Vermögen, richtige und gute Entscheidungen zu treffen, befindet sich in jenen Jahren im Zenit. Wahrscheinlich stehen Risikobereitschaft und Vorsicht aus Erfahrung in trefflichem Gleichgewicht. Dazu passt die Erkenntnis aus den USA, dass Menschen in der Lebensmitte doppelt so oft mit Unternehmensgründungen erfolgreich sind wie 20- bis 34-Jährige.

Fünfzigjährige dürfen sich also feiern. Trotz Brille und steiferem Rücken. Zumal es für sie keine großen Festlichkeiten mehr geben wird; Kommunion, Konfirmation, Hochzeit oder die Kindstaufen sind vorbei. Und das einzige noch anstehende Zeremoniell, bei dem man selbst im Mittelpunkt steht, erlebt man nur noch passiv.

Neuerdings begehen in Amerika, so liest man, Frauen das Ausbleiben der Menstruation mit einer Art Unfruchtbarkeitsfest. Diese Übung scheint mir als Mann wenig zukunftszugewandt. Da ist es doch für beide Geschlechter vergnüglicher, den runden Geburtstag zu feiern. Nur muss die Musik nicht mehr so laut sein wie früher. Bevor man die Regler wieder ganz aufdreht, damit man etwas hört, darf es ruhig noch etwas dauern.