Wie grausam muss ein Mensch sein, um Kuscheltiere verbrennen zu wollen? Wie herzlos muss eine Mutter sein, die ihre Tochter mit dieser Drohung zum Klavierüben zwingt? Wie brachial muss eine Kultur sein, die so sehr auf Drill, Gehorsam und Leistung setzt?

Die Rede ist von der chinesisch-amerikanischen "Tigermutter" Amy Chua, die vor drei Jahren einen Bestseller über ihre asiatischen Erziehungsmethoden schrieb. Zigtausende Menschen in den USA, aber auch in Deutschland, lasen mit einer Mischung aus Schaudern und Faszination, wie Chua ihre beiden Töchter zu Höchstleistungen in der Schule, im Tennis und in klassischer Musik drillte. Natürlich wurde sie dafür von vielen Eltern, Kulturredakteuren und Bildungsexperten verdammt, aber in den Reaktionen schwang noch etwas anderes mit: eine Kränkung.

Offenbar hatte Chua einen wunden Punkt getroffen. Offenbar gibt es in den hoch pädagogisierten Gesellschaften eine Unsicherheit darüber, ob wir unsere Kinder richtig erziehen. Ob wir sie zu viel loben und zu wenig bestrafen, ob wir ihnen zu viel durchgehen lassen und zu wenig erwarten; ob diese Erziehung dazu führt, dass aus den Kindern Erwachsene werden, die nicht nur selbstbewusst sind, sondern auch selbstgefällig. Ob sie und wir nicht etwas mehr Drill vertragen könnten.

Es geht nicht nur um Kindererziehung und Schulnoten, sondern um östliche und westliche Kultur. Und um eine unangenehme Frage: Gibt es etwas, das am autoritären Denken gut ist – und am Individualismus schlecht?

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Möglich, dass die Antwort zweimal Ja lautet. Der Erfolg von Chua und ihren Töchtern ist ein Beispiel dafür. Nun hat Amy Chua ein neues Buch geschrieben, in zwei Wochen erscheint es in Deutschland. Wieder geht es um Leistung, wieder will sie provozieren. Alle Menschen sind gleich – erfolgreiche nicht lautet der übersetzte Titel. Sie hat es zusammen mit ihrem Mann Jed Rubenfeld verfasst, der aus einer jüdischen Familie stammt. Seit Langem wollten sie gemeinsam etwas über Chinesen und Juden schreiben.

Doch es geht nicht nur um Juden und Chinesen, sondern auch um Mormonen, Kubaner, Nigerianer, Inder, Iraner und Libanesen. Sie alle, schreiben Chua und Rubenfeld, seien statistisch gesehen erfolgreicher als weiße Durchschnittsamerikaner. Und das läge an einem sogenannten Dreierpack: All diese Gruppen hätten das Gefühl, einer ganz besonderen Kultur zu entstammten (Überlegenheitskomplex). Doch würden sie von der Mainstreamgesellschaft nicht anerkannt oder sogar diskriminiert (Unsicherheit). Um sich dennoch zu beweisen, arbeiteten sie härter und seien eher bereit, auf Freizeit und Vergnügen zu verzichten (Impulskontrolle).

Chua und Rubenfeld wissen, dass sie sich mit ihren Thesen dem Rassismusvorwurf aussetzen, vielleicht haben sie deswegen den Kreis ihrer "Hochleistungskulturen" so weit gefasst. Seitenlang betonen sie, dass sie die Erfolgreichen nicht für intelligenter oder genetisch überlegen halten; bei den Juden könne man zum Beispiel einen Leistungsabfall in der dritten Generation feststellen. Warum? Weil die Jungen sich zu sehr an die amerikanische "Gesellschaft der sofortigen Belohnung" angepasst hätten.

Es sind die Beschreibungen der amerikanischen Kultur, die dieses Buch trotz seines "Gute Kulturen, schlechte Kulturen"-Schemas interessant machen. Die milde Verachtung für Selbstentfaltung, Wohlbefinden und das Leben im Hier und Jetzt. Ursprünglich, klagen die Autoren, seien die USA auf den drei oben genannten Eigenschaften aufgebaut worden. Aber je mehr sich die Selbstwert-Ideologie verbreitete, desto schwächer wurden Unsicherheit und Impulskontrolle. Letzten Endes habe der hedonistische Lifestyle sogar zur Finanzkrise geführt.

Da schimmert das asiatische Denken wieder durch: die Aufteilung der Gesellschaft in Oben und Unten; die Vorstellung, man müsse Menschen nur richtig formen; die Definition von Erfolg im konventionellsten, streberhaftesten Sinn: Gut ist, wer auf einer Elite-Uni war, viel Geld verdient und/oder eine Führungsposition besetzt. Man kann das neue Buch als eine Fortsetzung des "Tigermutter"-Buches lesen, nur dass Chua diesmal nicht ihre Kinder, sondern die Vereinigten Staaten von Amerika erziehen will, um sie vor einem Untergang als Schluffi-Nation zu bewahren.

Viel interessanter als die Frage danach, was Erfolg ausmacht, ist die Frage, wofür man ihn erreichen will. Leider vertiefen die Autoren nicht wirklich, dass hierin der große Unterschied zwischen etablierten Amerikanern und den eingewanderten Amerikanern besteht: Im Vergleich zur westlichen Welt spielt die Familie praktisch überall eine größere Rolle. Man lebt nicht für sich, sondern für die Seinen. Man arbeitet nicht für das eigene Ego, sondern für das Ansehen der Eltern. In Asien ist dieses Denken besonders ausgeprägt.