DIE ZEIT: Herr Lörscher, es heißt, Sie gingen nie ohne Stift und Skizzenblock aus dem Haus ...

Sebastian Lörscher: Ich zeichne eigentlich immer. Zuerst war das ein Hobby, während meines Studiums wurde dann ein Beruf daraus. Wenn mir eine Situation bemerkenswert vorkommt, mache ich eine Zeichnung. Gerade habe ich in der S-Bahn in Saarbrücken eine ältere Dame skizziert, weil sie so zufrieden aus dem Fenster schaute. Die hat mich gar nicht bemerkt.

ZEIT: Das ist doch gut so – oder?

Lörscher: Ja, aber das ist auf meinen Reisen ganz anders. Als Zeichner war ich bisher vor allem in Indien und Haiti unterwegs, also in Ländern, in denen man als Weißer sowieso schon auffällt. Hinzu kommt, dass es in diesen Ländern die Tradition des Straßenmalers nicht gibt. Ein Weißer, der sich in Bangalore oder Port-au-Prince mit Skizzenbuch und Stift auf die Straße setzt, ist also eine doppelte Sensation. Binnen Kurzem stehen 20, 30 Leute um einen herum und wollen wissen, was man da macht und warum. Anschließend haben sie mir oft ihre Stadt gezeigt oder mich nach Hause eingeladen.

ZEIT: Sie nennen Ihre Methode "gezeichnete Reportage". Making Friends in Bangalore, der Titel Ihres im März erscheinenden Indien-Buchs, klingt aber eher nach einem sehr persönlichen Blick.

Lörscher: Ich zeichne in meinen Büchern, was mir unterwegs begegnet. Das ist natürlich subjektiv. Aber in Bangalore haben mir meine Begegnungen geholfen, ein Land zu entdecken. Als Reisezeichner bin ich mehr als ein Tourist, der schnell mal ein Foto macht und dann wieder abhaut.

ZEIT: Bangalore ist die indische IT-Stadt schlechthin und nicht gerade eine Touristenhochburg. Was hat Sie ausgerechnet dorthin verschlagen?

Lörscher: Meine ehemalige Kunsthochschule in Berlin Weißensee und eine Designschule aus Bangalore kooperieren. Ich habe mich einer Studienreise angeschlossen – und fand die Stadt sofort faszinierend. Bangalore erlebt gerade einen wahnsinnigen Aufschwung, überall schießen neue Büro- und Wohntürme aus dem Boden. Und daneben gibt es dieses sehr einfache, oft auch sehr arme traditionelle Indien. Diesen Widerspruch ins Bild zu bekommen hat mich gereizt.

ZEIT: Die meisten Strips beginnen mit einer Szene, die erst mal verstörend wirkt. Besonders bizarr die Episode, in der dieser Mann vor Ihren Füßen eine Kokosnuss zerschmeißt.

Lörscher: Das hat sich auch genau so zugetragen: Ich sehe auf der Straße eine Gruppe bunt gekleideter Menschen, ein Mann wiegt eine Kokosnuss hin und her, murmelt irgendwas und kracht sie plötzlich auf dem Boden. Später erfahre ich: Das ist ein Hochzeitsritual, das dem Brautpaar eine friedvolle Ehe bescheren soll. Der Mann lädt mich ein, am nächsten Tag mitzufeiern.

Sie empfinden Indien ganz anders als er selbst. © Sebastian Lörscher/Edition Büchergilde

ZEIT: Und?

Lörscher: Ja, aufregend. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass das eine Hochzeitsgesellschaft ist, wäre ich auch nicht drauf gekommen. Eine riesige Mehrzweckhalle, Tische voller Essen, an denen die Leute auf Plastikstühlen saßen. Zwischendurch gab es Musik, dann wurde wieder gegessen, und vorne saß die ganze Zeit das Brautpaar, während ein Priester eine Zeremonie nach der anderen absolvierte. Irgendwann sollte ich nach vorne kommen, dem Brautpaar Kokosmilch über die Hände gießen und es anschließend mit Reis bestreuen. Später erzählte mir eine indische Bekannte, dass auch Leute, die sonst ein sehr westliches Leben führen, an die Kraft solcher Rituale glauben.

ZEIT: Sie dagegen nicht?

Lörscher: Ich hatte vor allem wahnsinnige Angst, etwas falsch zu machen und dem Paar die Ehe zu ruinieren. Obwohl ich gar nicht begriff, was die Kokosnuss genau bedeutete. Aber nach einer Weile hört man in Indien sowieso auf, alles verstehen zu wollen. Man ist schon froh, wenn man weiß, wie man ohne Ampel eine sechsspurige Straße überquert und dass man auch als Linkshänder wirklich nur mit der rechten Hand essen darf. Den Rest akzeptiert man irgendwie. Das Nichtverstehen hat ja auch seinen Reiz.

ZEIT: Wie die Voodoo-Zeremonie aus Haiti, die man sich auf Ihrer Website anschauen kann. Haben Sie eine Vorliebe für die exotischen Seiten des Lebens?

Lörscher: Mich interessiert der Alltag der Menschen. Wenn ich losfahre, habe ich keinen konkreten Plan von den Dingen, die ich hinterher im Skizzenbuch haben will. Es ist eher so, dass die Menschen, denen ich mich nähere, irgendwann ein Interesse haben, ihr Leben in meinem Block zu sehen. Und dabei überrascht mich immer wieder, wie viel Vertrauen sie mir entgegenbringen.