Maxim Biller hat zu einem Rundumschlag gegen die deutsche Gegenwartsliteratur ausgeholt: Sie sei selbstbezogen, provinziell, sterbend. Dabei habe sich die Gesellschaft radikal gewandelt, 20 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln lebten in Deutschland. Die literarische Stimme aber fehle. Er ruft "nach dem Chor der vielen nicht deutschen Schriftsteller, der sich zu einer einzigen lauten Stimme vereinigt".

Maxim Biller will nicht mehr und nicht weniger, als die Migranten auf ihren Migrationsbezug in ihren Themen und Positionen festzunageln. Jeder antibiografische Themenwechsel sei Verrat oder Anpassung. Er konstruiert einen grundlegenden, fast feindlichen Gegensatz zwischen Migranten und Deutschen. Hier nimmt er den Adelbert-von-Chamisso-Preis ins Visier, der deutsch schreibende Autoren ehrt, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Den Preisträgern wirft er Liebsein, Selbstverleugnung, braves Deutsch-Lernen vor, letztlich Bestechlichkeit, um erfolgreich zu sein. Doch lässt man einige der Preisträger der letzten Jahre Revue passieren, widerlegt das sehr eindrucksvoll Billers These. Wie verschieden ist eine Ann Cotten von Saša Stanišić, Abbas Khider von Marjana Gaponenko, Terézia Mora von Feridun Zaimoglu. Diese Autoren sind Chamisso-Autoren, und sie sind wichtige prominente literarische Stimmen der deutschsprachigen Literatur. Als solche ist es ihr gutes Recht, selbst zu entscheiden, wie sie schreiben wollen und wie sehr sie ihre eigene Migrationsgeschichte oder ihre Probleme in Deutschland thematisieren – oder eben auch nicht.

Der Chamisso-Preis hat seit 1985 eine wechselvolle Geschichte. Zu Beginn stand sehr stark der biografische Hintergrund der Autoren im Fokus, die sich dem "Multikulturellen" nur langsam sich öffnende Gesellschaft war das zentrale Thema. Anfang der neunziger Jahre kam mit der größeren Sichtbarkeit dieser Literatur der Begriff der "Migrantenliteratur" auf. Schon damals wurde aber daran Kritik geübt, weil den Autoren damit ein Etikett verpasst wurde, das sie ausgrenzte. Will Maxim Biller jetzt wieder "Migrantenetiketten" verteilen?

Das Goethe-Institut hat die Bereicherung, die Chamisso-Autoren der deutschsprachigen Literatur bieten, erkannt und lädt sie deshalb überproportional häufig zu Lesungen und Veranstaltungen ins Ausland ein. Autoren, die 2012/2013 für das Goethe-Institut unterwegs waren, sind unter anderem Zsuzsa Bánk, Ann Cotten, Léda Forgó, Marjana Gaponenko, Ilija Trojanow, Olga Grjasnowa, Anna Kim, Yoko Tawada und Sevgi Özdamar. Gerade der Prozess, den diese Autoren für sich gestaltet und entschieden haben, erlaubt ein kritisches und fantasievolles Gespräch mit der Welt, das unsere starren Klischees hinterfragt und Dialoge glaubwürdig öffnet. Es sind eigenwillige und eigenständige Autoren, die den Chamisso-Preis erhalten.

Klaus-Dieter Lehmann ist Präsident des Goethe-Instituts und Juror des Adelbert-von-Chamisso-Preises