Dezember 1991, in Dresden trifft sich die CDU zum Bundesparteitag. Die Union benötigt frische, ostdeutsche Gesichter. Ihr Vorsitzender Helmut Kohl holt daher zwei junge Frauen zu sich. Sie sehen auf den ersten Blick wie Zwillingsschwestern aus, mit ihren kurzen Haaren, den weiten Röcken, den schlichten Blusen unter ihren Jacketts. Die eine, 37 Jahre alt, stammt aus einer Pfarrersfamilie, ist promovierte Physikerin, seit einem Jahr im Bundestag und Bundesministerin für Frauen und Jugend.

Auch die andere, 33 Jahre alt, ist eine Pastorentochter, die Physik studieren wollte. Dann wurde sie doch lieber Pfarrerin, bis die Wende sie ebenfalls in die Politik spülte. Nun wird sie, Thüringens Kultusministerin, einfach vor vollendete Tatsachen gestellt.

"Mädchen, macht den Mund auf", sagt Kohl zu den beiden. Wenig später ist Angela Merkel stellvertretende Parteivorsitzende und Christine Lieberknecht Mitglied des Bundespräsidiums. Die Quote – jung, weiblich, ostdeutsch – ist damit übererfüllt. Somit berühren sich erstmals zwei politische Karrieren, die beide auf ihre Art einzigartig sind. Aus Merkel wird später die erste Bundeskanzlerin. Und Lieberknecht wird nach einer langen, nie unterbrochenen Karriere als Ministerin, Parlamentspräsidentin und Landtagsfraktionschefin die erste Unions-Ministerpräsidentin eines deutschen Bundeslandes.

So verschieden die beiden Frauen sind und so unterschiedlich die Ebenen, auf denen ihre Karrieren stattfinden – die Frage, die sich stellt, ist dieselbe: Wie konnte das passieren?

Die Parallelen sind unübersehbar. Das erste Leben der Angela M. ähnelt mit seiner evangelisch eingefärbten Mischung aus Anpassung und Distanz jenem der Christine L. Ihre Kindheit beschreiben beide Frauen als geradezu paradiesisch. Beide erhalten die Lessing-Medaille für hervorragende schulische und gesellschaftliche Leistungen, beide besuchen das Lager für Zivilverteidigung, beide werden FDJ-Sekretärin. Beide verbringen die letzten Jahre der DDR in einer Nische: Merkel in der Akademie der Wissenschaften, Lieberknecht in einer Pfarrei nahe Weimar. In den Westen dürfen beide ab 1987 reisen. Schließlich, 1989, zieht es sie gleichzeitig in die Politik.

Dass die eine Frau in der Bundesregierung aufsteigt, derweil die andere auf Landesebene bleibt, lässt sich nicht nur mit Umständen, Zufällen oder Lebensplänen begründen. Merkel ist souveräner, effizienter, abgebrühter als Lieberknecht. Dennoch verstehen beide ihr Geschäft ähnlich. Beide geben sich unaufgeregt, unideologisch und pragmatisch, moderieren, statt zu dirigieren, und praktizieren die hohe Schule der Politikverwaltung.

Und beide folgen einem ausgeprägten Machtinstinkt, jähe Wendungen inklusive.

Eine andere Parallele sind die Etiketten, die man beiden anheftet. Über Merkel wird im Wahlkampf 2013 behauptet, sie sei in der Spätphase der DDR eine Reformkommunistin gewesen. Über Lieberknecht, die "rote Christine", die nicht nur in der FDJ, sondern auch in der Blockpartei war, hat man dies schon immer erzählt. Überhaupt, heißt es, trieben sie die Sozialdemokratisierung der CDU voran.

Die gängigste Einordnung aber hat mit den Männern zu tun, die sie hinter sich zurückließen. Spätestens seit 1992, seit dem Sturz von Ministerpräsident Josef Duchač, verfolgt Lieberknecht das Stigma der Verräterin, das seit ihrer Emanzipation von Helmut Kohl genauso an Merkel haftet. Was später für die eine Wolfgang Schäuble oder Friedrich Merz waren, waren für die andere Dieter Althaus oder Mike Mohring. Das wird die folgende Geschichte zeigen.