Wie kann die Zeitung der Zukunft aussehen? In einem roten, in die Jahre gekommenen Backsteingebäude hockt Rob Wijnberg vor seinem Laptop und glaubt, die Antwort gefunden zu haben. Im Frühjahr 2013 war das, mittlerweile sind auch viele andere davon überzeugt. 29.000 Abonnenten hat sein Magazin heute – jeden Tag kommen zwischen 50 und 60 neue hinzu. Es sind Zahlen, von denen andere Zeitungen in Deutschland, aber auch in den Niederlanden nur träumen können. Der Journalismus-Professor Jay Rosen von der angesehenen New York University nennt Wijnbergs Projekt das interessanteste der letzten Jahre. Wijnberg wird von dem Branchenmagazin Villamedia zum "Journalisten des Jahres" gewählt, internationale Medienblogs wie das Nieman journalism lab der Harvard-Universität feiern sein Projekt als die Zukunft des Journalismus.

Draußen prasselt der Februarregen gegen die Scheibe, und die Arme der gelb-grünen Baukräne kreisen über den halb fertigen Gebäuden. Drinnen tippen Redakteure auf den Laptops, sie telefonieren und laufen mit ihren Headsets auf und ab. Eine Kaffeemaschine blubbert und pfeift, auf einem Tisch steht ein Pott Erdnusscreme. Erst in den letzten Jahren wurden hier vor den Toren Amsterdams die ersten Wohnungen und Bürotürme hochgezogen, das rote Backsteingebäude wirkt dazwischen wie vergessen, wie aus vergangenen Tagen. Früher nutzte der Ölriese Shell das Gebäude als Labor. Dicke, unverputzte Rohre an den Decken erinnern daran, wie der Konzern Flüssigkeiten erhitzte, durch diese Rohre jagte und am Ende zu einem neuen Konzentrat vermischte. Ein altes Labor erschien Wijnberg als ein guter Ort für sein eigenes Experiment, die Zeitung der Zukunft. De Correspondent taufte er sie. Es ist ein optimistischer Name für ein Magazin im 21. Jahrhundert. Die Verlage sparen, Korrespondenten und Reporter, die durch die Welt reisen und ihren Lesern von dem Erlebten berichten, können sich nur wenige Zeitungen noch leisten. Rob Wijnberg, markante Gesichtszüge, verwaschene Baumwollstrickjacke, ist ein optimistischer Mensch. Gerade hat er auch allen Grund dazu.

Zu Beginn, vor knapp einem Jahr, war der Correspondent nicht viel mehr als ein einziges großes, verrücktes Versprechen. Fünf gute Geschichten pro Tag, Hintergrundstücke, Analysen, Reportagen. Ein Magazin, von dem es keine Seiten zum Anfassen gibt, keine Ausgabe am Kiosk, das nur digital im Netz erscheint, das keinen großen Verlag im Rücken und keine Anzeigen auf der Seite hat. Das erste Geld, das Startkapital, sollte über sogenanntes Crowdfunding gesammelt werden, bei dem Unterstützer über eine Onlineplattform Geld spenden. Und über Abos – verkauft, bevor es die Seite überhaupt gibt.

Schwarmfinanzierung - Kurz erklärt: Wie funktioniert Crowdfunding? Künstler und Medienschaffende haben manchmal Schwierigkeiten, für ihre Projekte einen Kredit zu bekommen. Deshalb beschaffen sie sich kleine Beträge von vielen Menschen. Wie genau Crowdfunding funktioniert, erklärt dieses Video von explainity.

In einer der größten Talkshows der Niederlande wirbt Wijnberg damals für sein Projekt. Er trägt ein dunkelblaues, seidig glänzendes Hemd, die obersten Knöpfe sind offen. Er sagt: "Wir brauchen unabhängige Journalisten, die nicht jedem Hype hinterherrennen." Seine Haare rutschen nach vorne, er streicht sie wieder zurück. Er schaut jetzt an dem Moderator vorbei, sucht den Blickkontakt mit den Zuschauern. "Ich brauche keine Investoren, sondern Mitglieder." Und die Menschen glauben ihm. 1,3 Millionen Dollar sammeln er und sein Team allein in den ersten Wochen, am Ende sind es 1,7 Millionen.

Noch nie hat ein journalistisches Projekt durch Crowdfunding mehr Geld eintreiben können. 15.000 Abos werden in dieser Zeit abgeschlossen, für je 60 Euro im Jahr – und das ist in einem kleinen Land wie den Niederlanden mit gerade einmal 16,8 Millionen Einwohnern sehr viel. "A flying start" , ein fliegender Start, sei das gewesen, sagt Wijnberg und lacht. Er läuft jetzt durch das Gebäude, auch hinter den anderen Türen, rechts und links vom Gang, haben Start-ups ihre Büros. Er steuert auf das Café zu. Junge Kreative löffeln hier Ingwer-Möhren-Suppe und essen selbst gebackenen Nusskuchen. "Ist ein bisschen ruhiger hier", sagt er und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Selbst beim Sitzen bleibt er in Bewegung. Sein Knie wippt, seine Hände fahren durch die Luft, durch seine Haare. Seine ganze Energie scheint durch diese Bewegung nach außen zu fließen. Schon immer hatte er viele Ideen, viele unterschiedliche Interessen.

Er wächst in Groningen auf, einer mittelgroßen Stadt im Nordosten des Landes, 180 Kilometer von Amsterdam entfernt. Dort beginnt er, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Ökonomische Zusammenhänge interessieren ihn: Wie funktioniert Wirtschaft, wie baut man ein Unternehmen auf, was bedeutet Globalisierung? Doch das Fach ist ihm zu abstrakt. Er zieht nach Amsterdam, besucht dort eine Schauspielschule, mit Schwerpunkt auf Comedy. Er mag es, Menschen zum Lachen zu bringen, wohl auch das Scheinwerferlicht. Doch die Welt des Theaters ist ihm zu klein. Erst als er anfängt, Philosophie zu studieren, hat er das Gefühl anzukommen. Das Studium prägt ihn mehr als alles andere. Schon damals schreibt er philosophische Essays und Geschichten. Als 19-Jähriger bekommt er seine erste Kolumne beim Telegraaf, der niederländischen Boulevardzeitung. Wenn man ihn heute fragt, was er denn nun sei, Philosoph, Chefredakteur oder Unternehmer, sagt er: "Ich bin ein denkender Journalist", als wäre dies etwas Besonderes.