Der kalifornische Autor Don Winslow stand bisher für ganz große Kriminalliteratur. Tage der Toten war und ist der definitive Roman über den US-amerikanischen Krieg gegen die Drogen, ein Meisterwerk, in dem politische Intrige und persönliche Rache in ein präzise recherchiertes Panorama von Gewalt und imperialistischer Machtausübung verwoben sind. Es ist eines der Bücher, aus denen man erfährt, was die Welt von heute zusammenhält und zerreißt. Oder Zeit des Zorns: ein ironisches Spiel mit den glitzernden Facetten des kalifornischen way of life, wo große Wellen von braun gebrannten und dopebeflügelten beach boys und beach girls geritten werden, die Tod und Gewalt als Nebenrisiko ausgeblendet haben. Sprachlicher Witz, dramaturgische Hinterlist, ein karikaturistischer Blick auf das spannende Elend der Triebe und Strukturen machten die Lektüre von Winslows bei Suhrkamp erscheinenden Westküstenthrillern zum intelligenten Vergnügen.

Jetzt, mit seinem neuesten Roman Vergeltung, ist Don Winslow an die Ostküste gewechselt. Und hat sich dabei in einen Autor vom finstersten Redneck-Typ verwandelt, dem urplötzlich die Welt in Gut und Böse, in primitive Feinde und heldenhafte soldiers zerfallen ist. Wäre der Autor nicht Don Winslow, hätte man diese dumpfe Racheorgie stillschweigend im Regal für Technikthriller endgelagert. So aber reibt man sich die müde gelesenen Augen und fahndet nach Ironie, Hintersinn, Doppeldeutigkeit, zweiten Böden: Nix. Nur dröges Technikgeschwafel, Text aus den Katalogen für Waffentechnik. Ein Mann, dessen Frau und Sohn in einem von islamistischen Terroristen abgeschossenen Flugzeug umgekommen sind, heuert eine Söldnertruppe an und zeigt der feigen Washingtoner Regierung, wie man mit solchem Gesocks umgeht: Abknallen! Da rotiert Siegfried Unseld im Grab.