In der Quantenwelt ist bekanntlich alles anders. Auf der untersten Stufe der materiellen Skala, dort, wo sich scheinbar fest gefügte Gegenstände in Atome und subatomare Elementarteilchen auflösen, zerbröseln viele lieb gewordene Vorstellungen. Die angeblich soliden "Bausteine der Materie" entpuppen sich als schemenhafte Gebilde, halb Welle, halb Teilchen, die sich an mehreren Orten zugleich aufhalten können. Ihre Eigenschaften lassen sich nicht mehr klar und deutlich beschreiben, sondern nur noch mit Wahrscheinlichkeiten erfassen. Die Atome selbst bestehen zum größten Teil aus leerem Raum. Selbst die sogenannte Realität ist keinesfalls eindeutig, sondern zeigt – je nach Art der Betrachtung – mal dieses und mal jenes Gesicht. Kurz gesagt: Ausgerechnet die Basis unseres materiellen Weltbilds ist alles andere als stabil.

Angesichts solch wackeliger Zustände verwundert es nicht, dass Physiker schon jubeln, wenn sie nur ein neues "Quasiteilchen" entdeckt haben (quasi, laut Duden: "sozusagen, gewissermaßen, so gut wie"). Diese Woche wird ein solches Pseudowesen auf dem Titelbild der Zeitschrift Nature gefeiert: Ab sofort bereichert das "Dropleton" den physikalischen Sprachschatz, ein Objekt, das die Eigenschaften eines flüssigen Tröpfchens (Englisch: droplet) aufweist und zugleich den typischen Gesetzen der Quantenwelt gehorcht (und deshalb wie ein echtes Elektron, Neutron oder Myon die Endung -on bekommt). Erstmals haben Physiker aus Marburg und Boulder im US-Bundesstaat Colorado dieses Dropleton beschrieben.

Wie die meisten Bewohner des bizarren Teilchenzoos ist auch das "Quantentröpfchen" ein extrem flüchtiges Gebilde. Seine typische Lebenszeit beträgt 25 Billionstelsekunden, seine Größe entspricht etwa dem 2.000-Fachen eines einzelnen Wasserstoffatoms. Allerdings ist das Dropleton ja auch kein echtes Partikelchen, sondern nur ein vorübergehender Zusammenschluss von fünf negativ geladenen Elektronen und fünf positiven "Elektronenlöchern" – welcher sich aber energetisch ähnlich verhält wie ein "richtiges" Elementarteilchen.

Das klingt so bizarr wie es in Wahrheit auch ist. Zur korrekten Erklärung bedürfte das Dropleton eines längeren Ausflugs in die Halbleiterphysik, denn das Quantentröpfchen entsteht nur, wenn Halbleitermaterial aus Gallium-Arsenid mit hochenergetischem, pulsierendem Laserlicht beschossen wird.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Alternativ mag dem Verständnis ein Vergleich aus der Welt des Finanzbetrugs weiterhelfen. Denn dort ist es ja nichts Ungewöhnliches, wenn ein paar negativ geladene Fieslinge willige Nullen um sich scharen, um einen scheinbar stabilen Zusammenschluss zu bilden. Im hell pulsierenden Lichte der Öffentlichkeit kann es dabei so aussehen, als ob es sich um eine seriöse Einheit handele, auch wenn eigentlich nur eine quasihafte Briefkastenfirma ohne echte Substanz dahintersteckt. Auch ist solchen Gebilden häufig eine gewisse Fluidität und Ungreifbarkeit zu eigen. Nichtsdestotrotz können sie kurzzeitig eine erhebliche Energie entwickeln.

Wichtiger Unterschied: Das Dropleton hat – anders als eine Briefkastenfirma – keinen absehbaren praktischen Nutzen. "Niemand wird irgendein Quantentröpfchen-Dingsbums bauen", stellt der Physiker Steven Cundiff mit erfreulicher Deutlichkeit klar. Der Wert der Entdeckung liegt derzeit allein im besseren Verständnis optoelektronischer Prozesse.

So ist das Dropleton ein starker Beleg für die Hypothese, dass die Teilchenphysik die wahre Geisteswissenschaft unserer Zeit ist: Sie behandelt flüchtige Dinge, die eigentlich nicht existieren, frei von praktischem Nutzen sind und nur unsere geistige Vorstellungswelt bereichern. Wie schön!