DIE ZEIT: Herr Leonhard, war der Krieg eine Strafe der Götter?

Jörn Leonhard: Wie kommen Sie darauf?

ZEIT: Ihre große Gesamtdarstellung der Jahre 1914 bis 1918, die gerade erschienen ist, trägt den Titel Die Büchse der Pandora. Ist ein Ereignis von der Gewalt des Ersten Weltkriegs nur mit mythischen Begriffen zu erfassen?

Leonhard: Nein. Ich bin auf den Titel durch eine Anekdote aus den Erinnerungen der Kinder von Katia und Thomas Mann gekommen. Am 2. August 1914 wollten sie im Ferienhaus in Bad Tölz Die Büchse der Pandora aufführen. Sie waren schon verkleidet, da kam das Kinderfräulein und sagte: Es ist Krieg! Der Pandora-Mythos birgt aber auch eine treffende Metapher dafür, mit welchen Hypotheken der Erste Weltkrieg die Welt ins 20. Jahrhundert entließ. Wie durch die Büchse in der antiken Sage kamen 1914 Schrecken in die Welt, die für lange Zeit nicht mehr zu bändigen waren und erst mühsam wieder eingefangen werden mussten.

ZEIT: Herr Kramer, auch der Titel Ihres jüngsten Buches, Dynamic of Destruction, "Dynamik der Zerstörung", klingt, als seien damals Mächte am Werk gewesen, die sich jeder Kontrolle entzogen. War das so?

Alan Kramer: Diese Dynamik führte so wenig ein Eigenleben, wie der Krieg als Ganzes unausweichlich war. Das mache ich in meinem Buch sehr deutlich. Es waren Menschen, die das Geschehen auslösten und steuerten. Der Erste Weltkrieg war keine Naturkatastrophe.

ZEIT: Schon im Frühherbst 1914 zeigte sich, wie verlustreich die Kämpfe werden würden. Hätte man diesen Wahnsinn nicht frühzeitig stoppen können?

Leonhard: Paradoxerweise waren gerade die enormen Opferzahlen ein Grund, weiterzukämpfen. Nur ein Sieg, glaubte man, konnte rechtfertigen, was auf den Schlachtfeldern geschah. Alles andere hätte man als einen Verrat an den Opfern empfunden.

ZEIT: Hatte man denn 1914 ernsthaft geglaubt, es könne einen schnellen Sieg geben?

Leonhard: Ich würde vielen Beteiligten unterstellen, dass sie wussten: Das wird kein kurzer Krieg. Selbst Alfred von Schlieffen, auf dessen Aufmarschplan man sich in Berlin stützte, ging es nicht darum, die Sache gleich am Anfang zu entscheiden. Er wollte die Deutschen lediglich in eine möglichst gute Ausgangslage bringen. Wie genau sich der Krieg entwickeln und wie zerstörerisch er sein würde, konnte sich im Sommer 1914 aber kaum jemand vorstellen.

Tragen Deutschland und Österreich Hauptschuld am Ersten Weltkrieg?

ZEIT: Herr Kramer, welche Staaten hatten Interesse an einem Krieg? Wer hat die Büchse der Pandora geöffnet?

Kramer: Die Hauptverantwortung tragen Berlin und Wien. Insbesondere die Rolle Österreichs wird noch immer zu wenig beachtet. England behielt stets seine ökonomischen Interessen im Blick. Da war ein Krieg nicht gerade förderlich. Frankreich wusste, es könnte zum Krieg kommen, und hatte deshalb auch einen entsprechenden Plan. Dass in diesem Plan von einem Offensivkrieg die Rede ist, hat viele Historiker verwirrt. Es bedeutete jedoch nicht, dass man einen Angriffskrieg plante, sondern dass man im Fall des Falles einer Offensivstrategie folgen wollte – das war damals überall die herrschende militärische Doktrin.

ZEIT: Ihr britischer Kollege Christopher Clark ist da anderer Ansicht. In seinem Buch Die Schlafwandler versucht er nachzuweisen, dass alle europäischen Staaten gleichermaßen zum Ausbruch des Krieges beigetragen haben.

Kramer: Clark schaut vor allem auf Serbien. Und darüber wurde in der Tat bisher zu wenig diskutiert. Allerdings läuft sein Buch auf eine allzu starke Entlastung des Habsburgerreichs und Deutschlands hinaus.

Leonhard: Es geht in der historischen Diskussion auch nicht mehr primär um die Kategorie der moralischen Schuld. Entscheidend ist die von vielen unterschätzte Frage, wer im Juli 1914 hätte deeskalieren können. Und da haben eben auch die Briten nicht alles getan, was möglich gewesen wäre. Ebenso ist es richtig, dass Clark die französisch-russischen Verhandlungen im Juli 1914 kritisch betrachtet. Denn damals knüpfte auch Frankreich seine Außenpolitik an die Entwicklung auf dem Balkan, nach dem Motto: Wenn ihr Serbien unterstützt und deshalb angegriffen werdet, unterstützen wir euch. Trotzdem bleibt der Blankoscheck vom 5. Juli, die Zusage Berlins, im Kriegsfall voll hinter Wien zu stehen, entscheidend für die Eskalation – was Clark zu wenig herausstellt.

Kramer: Er unterschlägt auch, welch großes Pech Deutschland mit seinem politischen Personal hatte. Einen Bismarck, der ausgleichend hätte wirken können, gab es nicht. Generell mangelte es an einer Kontrolle des Militärs. Insofern ist es schon sonderbar, dass Clark ungewollt das berühmte Wort des britischen Premiers Lloyd George adelt, alle miteinander seien in den Krieg "hineingeschlittert". Man sollte diese Äußerung wirklich mit Vorsicht genießen. Sie stammt aus seinen War Memories von 1933. Lloyd George war damals längst nicht mehr Premierminister und befand sich auf einem Kurs, der immer deutschfreundlicher wurde und Mitte der dreißiger Jahre darin gipfelte, dass er Hitler in Schutz nahm.