Journalisten kennen das: Man kann jede Geschichte zu Tode recherchieren. Das gilt auch für Polemiken: Wenn man allzu sauber und genau die Lage beschreibt, dringt man nie zu dem Punkt durch, an dem es wehtut, an dem aus einem klugen Text ein Fehdehandschuh wird, den andere auch aufnehmen. Seit seiner berühmten Kolumne 100 Zeilen Hass aus seligen Tempo-Zeiten gelingt es Maxim Biller, sein Publikum bis aufs Blut zu reizen. Nicht so sehr durch den Inhalt seiner Thesen als durch die Grobschlächtigkeit, mit der er sich seine Argumente und Reizvokabeln zurichtet.

Deshalb ist die zweite Reaktion auf eine Biller-Polemik immer der Selbstaufruf zur Affektkontrolle: Nur nicht aufregen! Man möchte Biller diesen Triumph, das Anschwellen der eigenen Halsschlagader, nicht gönnen. Man möchte nicht in die Falle dieses Reiz-Reaktions-Schemas treten, sondern lieber in erhabener Schläfrigkeit diese groben Klötze nicht mal ignorieren, wie man in Bayern sagt. Doch Maxim Biller hat den Dreh raus, direkt auf unser vegetatives Nervensystem einzuwirken: Man muss dann aufstöhnen. So wie man lachen muss, wenn man mit einer Feder an der Fußsohle gekitzelt wird, obwohl es definitiv nicht komisch ist.

Dieser Punkt geht also an Maxim Biller: Mein Stoizismus geht an seinem Spielaufbau zuschanden. In der vergangenen Woche hat Maxim Biller in dieser Zeitung einen rasanten Text publiziert, in dem er einer eigenen alten These ein aktuelles Update verpasste: Schon 1992 gab es einmal eine Literaturdebatte, in der neben Matthias Altenburg vor allem Maxim Biller der deutschen Gegenwartsliteratur vorwarf, öde und langweilig zu sein. Das Argument damals: Die Schriftsteller seien "Systemopportunisten", die sich den "Machtgesetzen der Feuilleton-Machiavellis" anpassten und deshalb in Innerlichkeitsliteratur à la Handke flüchten würden. Knapp zehn Jahre später, bei einer Tagung in Tutzing, griff Biller auf seine alte These zurück. Er beklagte die "öde, kompromisslerische, inzestuöse Homogenität" der deutschen Gegenwartsliteratur. Was die Kollegen produzierten, sei "Schlappschwanzliteratur". In der Welt, wie Biller sie sieht, gibt es immer das Ideal existenzieller Heftigkeit, vor dessen Gefährlichkeit nur ganz harte Burschen, die dem Leben ins Auge geblickt haben, nicht einknicken. Der deutsche Normalo-Autor gehört für ihn in den von den Feuilletons domestizierten Streichelzoo.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Autoren dürfen sich treu bleiben: Im Jahr 2014 erfahren wir also von Biller, dass die deutsche Gegenwartsliteratur langweilig und selbstbezogen sei, weil sie nur "müde Innerlichkeitsprosa" hervorbringe statt wilder, ehrlicher, authentischer Texte. Man darf sich aber schon fragen, welche Tiefenschärfe eine Beobachtung hat, die über 25 Jahre so selbstidentisch geblieben ist, als wäre die Zeit stillgestanden. Selbst wenn es das metaphysische Los der deutschen Literatur sein sollte, immer langweilig zu sein, hätte man doch zu hoffen gewagt, dass sie dies wenigstens aus je anderen Gründen, den gewandelten Zeitläuften entsprechend, sei.

Auch Biller schwant, dass er seine Frontlinie ein wenig arrondieren muss. Die einschüchternde Prämisse seines Verdikts lautet ja seit je: Wie sollte die deutsche Literatur lebendig sein, nachdem die Deutschen das Lebendigste ihrer Literatur, die deutsch-jüdische Kultursymbiose von Kerr bis Joseph Roth, vernichtet haben? Seither seien die deutschen Schriftsteller, Verleger und Kritiker unter sich geblieben – und Unter-sich-Bleiben, da sind wir uns einmal einig, ist dröge.

Weil aber nicht mehr zu übersehen ist, dass die deutsche Literatur schon seit Längerem nicht mehr nur von Nazienkeln repräsentiert wird, passt Biller seinen alten Vorwurf an: Ja, es gebe mittlerweile zahlreiche nicht deutsche Schriftsteller. Doch der Anpassungsdruck, der vom deutschen Literaturbetrieb ausgehe, sei so stark, dass diese schüchternen Neuzugänge alle eingeknickt seien. Sie haben den Schwanz eingezogen, als ihnen klar wurde, dass sie – ich mache hier nur die implizite Logik von Billers Argument explizit – als Schriftsteller in Deutschland nur eine Chance haben, wenn sie genauso langweilig über langweilige deutsche Themen schreiben wie ihre langweiligen deutschen Kollegen.