Nie kamen in Deutschland so viele Kinder zur Welt wie in dem Jahr, in dem ich geboren wurde. Ich gesellte mich erst im Dezember dazu, einen Tag vor Ilse Aigner und drei vor Johannes B. Kerner. Da waren wir schon über 1,3 Millionen, wir 64er. Jeden Monat kam eine Stadt wie Göttingen dazu, heute gibt es nicht mal halb so viele Geburten.

Wir waren durch schiere Masse eine Zumutung für Schulen, Vereine, Universitäten. Schon zittern die sozialen Sicherungssysteme vor dem Ansturm unserer Kohorte. So war es immer: Wir mussten uns durchsetzen, auch gegeneinander. Im Rückblick scheint mir, es ist uns nicht schlecht bekommen.

Wir 64er waren noch keine Selbstverwirklichungsprojekte unserer Eltern. Das schlug sich schon in der einfallslosen Namensgebung nieder. All die Jörgs, Michaels, Thomasse, Sabines und Susannes – mindestens fünf von ihnen saßen in jeder Klasse. Wir standen als Kinder nicht im Zentrum, wir liefen irgendwie mit im Leben unserer Eltern. Wohlwollende Vernachlässigung war der natürliche Erziehungsstil. Wenn man nach dem Spielen brav nach Hause kam, die Hausaufgaben gemacht waren und die Noten stimmten, wollten die Eltern erstaunlich wenig über einen wissen.

Akademikerschwemme an den Universitäten

Über 40 Schüler saßen in meiner Grundschulklasse 1a, an die 200 Studenten im Proseminar "Neuere amerikanische Geschichte" des Wintersemesters 1983/84, als ich in Bochum zu studieren anfing. "Schön, dass Sie so zahlreich erschienen sind", begrüßte uns der junge Professor, ein 68er, voller Sarkasmus: "Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich feststelle, dass Deutschland gar nicht so viele Historiker braucht."

So viele wie uns brauchte niemand. Ich habe darauf mit Trotz reagiert, wie die meisten anderen aus meinem Jahrgang: Das werden wir ja sehen! Historiker sind dann tatsächlich die wenigsten von uns geworden. Aber irgendwie haben wir es fast alle zu etwas gebracht. Nicht zuletzt, um es den 68ern zu zeigen, die – selbst gerade frisch verbeamtet – uns nun als lästige "Akademikerschwemme" abqualifizierten, die ihre schöne linke Uni-Welt überflutete. Sie nervten uns ziemlich mit ihrem ideologischen Getue, diese progressiven Professoren. Interessierte man sich für "unzuverlässige" Denker wie etwa den Soziologen Niklas Luhmann, stand man schnell unter "Neokonservatismus"-Verdacht.

Wie fern das ist! Unvorstellbar für meine Kinder, in einer politisch so brav nach rechts und links geordneten Welt zu leben. Drei biedere Fernsehkanäle, zwei Deutschländer mit einer Mauer dazwischen, von der wir sicher waren, dass sie ewig stehen würde. Und unser "soziales Netzwerk" bestand aus richtigen Freunden, bei denen wir unangemeldet vorbeischauten.

Wie erstaunlich zuversichtlich die frühen siebziger Jahre in der westdeutschen Provinz waren! Meine Eltern glaubten, dass es weiter stetig aufwärtsgehen werde. Sie sollten recht behalten. Aber irgendwo auf dem Weg ist das Vertrauen in die Zukunft verloren gegangen. Ich beneide sie um die – ja, zärtliche Gleichgültigkeit, mit der sie uns erzogen. Ich hätte selbst gerne mehr davon, mehr Gelassenheit gegenüber meinen Kindern.

Das Leben wurde wirklich immer besser. Wir 64er wuchsen in beispiellosem Wohlstand auf. Unsere spätere Konsumkritik (die uns keinen Tag vom Konsumieren abhielt) mochte unserer Angst geschuldet sein, dass wir selber nicht in der Lage sein würden, den Wohlstand so erfolgreich herzustellen, wie unsere arbeitswütigen und lebenshungrigen Eltern es getan hatten. Sie waren aus den Schützengräben und Luftschutzkellern gekrochen und von Flüchtlingswagen gesprungen. Dass die Deutschen damals so viele Kinder zeugten, war ein Akt des trotzigen Weitermachens. Wir sind die Kinder jener Davongekommenen, die im Wirtschaftswunder die Erinnerung an Bomben, Massenmord und Vertreibung hinter sich lassen wollten.

Jazz-Messe und Dritte-Welt-Laden

Ach, die Siebziger! Woher kam bloß dieser Mut, mitten in der Provinz so absolut modern zu sein – mit all den grellorangefarbenen Vorhängen und den kühnen Tapetenmustern! Wenn nicht "autofreier Sonntag" war, fuhren wir mit unserem undeutsch eleganten Citroën DS durchs Dorf zur Jazz-Messe in der kleinen Pfarrkirche. Ich war, bis in die Pubertät, begeisterter Messdiener. Wir bekamen einen progressiven jungen Pfarrer, der aufwühlende Nachtwallfahrten organisierte. Der linkskatholische Lehrer und seine Hippiefreunde verkauften im Pfarrgemeindehaus fair gehandelte Dritte-Welt-Waren. Der Fortschritt machte selbst vor unserer Zwergschule nicht halt. Mengenlehre und Sexualkunde wurden an uns ausprobiert. Letzteres unter großem Hallo.

Wer als Heranwachsender nichts ahnte von den Kassandrarufen des Club of Rome, den ersten Schüssen im "Kampf in den Metropolen", von Rasterfahndung und Psychoboom, dem musste die Bundesrepublik als das beste Land der Welt erscheinen. Sexuelles und politisches Erwachen – Testosteron und Terrorismus – haben bei mir erst Ende des Jahrzehnts dieses Gefühl der Geborgenheit zerstört. Bis dahin war die Bundesrepublik für mich wirklich jenes "Modell Deutschland", das Kanzler Helmut Schmidt proklamierte.