DIE ZEIT: Herr Sloterdijk, Herr Schmidt, Sie sind fast 30 Jahre befreundet. Und haben auch zusammengearbeitet. Unter anderem waren Sie, Herr Schmidt, Sloterdijks Produzent für das Philosophische Quartett im ZDF.

Felix Schmidt: Zuletzt gab es den Plan, eine filmische Bestandsaufnahme von Sloterdijks Leben für Arte zu verwirklichen. Das Vorhaben endete im Desaster, weil die zuständige Redakteurin auf dem vereinbarten Abgabetermin bestand. Das hatte unter anderem zur Folge, dass wir vor einigen Monaten die Proben zu Jörg Widmanns Oper Babylon, für die Peter Sloterdijk das Libretto geschrieben hat, zwar gefilmt haben – aber der Vertrag wurde vorher gekündigt.

ZEIT: Dann sprechen wir eben hier, in der ZEIT, und nicht im Film über Ihr Leben, Herr Sloterdijk.

Schmidt: Ich war beim Filmen der Proben von deinem Wissen um musikalische Zusammenhänge beeindruckt. Kann es sein, dass du da etwas von deiner Mutter mitbekommen hast, die eine sehr musikalische Frau gewesen sein soll?

Peter Sloterdijk: Meine Mutter hat als junge Frau Klavier spielen gelernt und hat es nie aufgegeben. Obwohl wir eine relativ arme Familie waren, hat sie für 20 Mark Monatsmiete ein Klavier ins Haus geholt. Sie hatte bei Kameradschaftsabenden Schlager gespielt. Sie hat auch französische Chansons gesungen, die französische Verehrer ihr beigebracht hatten. Ja, ich habe von meiner Mutter einiges mitbekommen, das ist richtig vermutet. Meine Mutter war eine Spieluhr voller Bildungsfragmente, sie hatte das humanistische Gymnasium besucht. Sie konnte den Anfang der Odyssee rezitieren. Sie war eine klassische bildungsbürgerliche Mutter, die wollte, dass ihr Sohn dies übernimmt. Ich glaube, ohne jede Ironie, durch eine Art osmotischer Beziehung zu meiner Frau Mama habe ich mitbekommen, dass da noch mehr ist im Leben.

Schmidt: Welcher Art waren diese osmotischen Prozesse?

Sloterdijk: Osmotisch meint hier, ich habe die angefangenen Bildungsprozesse, die bei ihr als junge Frau stattgefunden hatten, ständig gespürt. Deren Fragmente und Reste waren ja immer da, und ich sollte sie weiterführen. Man muss sich vorstellen, was das heißt, wenn eine Frau mittleren Alters, bevor sie in die Arbeit geht, dem Herrn Sohn einen Teller Haferflocken hinstellt und sich dabei anhört, was ihr Kind über die Schule und über die schwere Schulaufgabe sagt. Dann lachte sie und sagte: "Ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται." Das ist das Motto, das Goethe seiner Dichtung und Wahrheit vorangestellt hatte, was so viel heißt wie: "Der nicht geschundene Mensch wird nicht erzogen." Sie war als junges Mädchen auf dem Luisen-Gymnasium in München gewesen und hat da Latein und Griechisch von Grund auf gelernt. Weil sie im Jahr 1934, glaube ich, Abitur gemacht hat, fiel ihre Entwicklung in eine nicht so günstige Epoche, was Chancen für junge Frauen anging. In ganz Bayern durften damals nur sechs oder acht Abiturientinnen studieren. Meine Mutter war eine von den wenigen, aber sie hat diese Chance nicht genutzt, sie wollte arbeiten.

Schmidt: Sie hat auf den Sohn übertragen, was ihr nicht gelingen konnte?

Sloterdijk: So waren die seelischen Erbgänge im Bürgertum. Es gibt noch einen anderen Aspekt meiner musikalischen Vita, der nicht auf meine Mutter zurückgeht. Ich hatte auf dem Gymnasium einen sehr guten Bariton kennengelernt, der uns im Fach Musik unterrichtete. Der hat mich als junges Musiktalent entdeckt. Wäre meine natürliche Stimmlage um anderthalb Ganztöne höher gewesen, wäre meine Lebensgeschichte anders verlaufen. Eigentlich bin ich ja ein in die Literatur verschlagener Musiker. Ich nehme alles, was unter dem sprachlichen Aspekt erscheint, daraufhin wahr, ob es Prägnanzqualität besitzt. Wenn es die besitzt, kann ich es mir sofort aneignen.

ZEIT: Warum hat Ihre Mutter Sie eigentlich in ein Internat gesteckt?

Sloterdijk: Sie fühlte sich, glaube ich, zeitweilig überfordert mit ihrer Erziehungspflicht. Es gab ja keine haltbare Ehe, und so waren meine Schwester und ich teilweise für sie eine Last. Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich in ein Internat am Ammersee kam. Aber bereits nach einem halben Jahr bin ich mit einer kleinen Freundin und ihrem Bruder abgehauen. Wir wurden von der Polizei eingefangen, zurückgebracht und waren für zwei Tage Helden des Heims. Daraufhin hat meine Mutter, wahrscheinlich auch unter dem Zureden meiner Großeltern, zugelassen, dass ich wieder nach Hause durfte. Dafür musste dann meine Schwester in ein Internat.

Schmidt: Lag der Widerwillen gegen das Internat auch daran, dass es dir schwerfiel, dich in eine Klassengemeinschaft zu integrieren?

Sloterdijk: Ich war jedenfalls nie desintegriert. Im Gegenteil, ich hatte Freude daran, mit den Klassenkameraden in die Tanzschule zu gehen oder auf Partys. Es war ein normales Jungenleben.

Schmidt: Nur dass der Vater keine sonderliche Rolle in der Erziehung gespielt hat.

Sloterdijk: Wir gingen davon aus, dass er existiert, er war ja ein regelmäßiger Gast. Zumindest bis zu meinem zehnten Lebensjahr gab es immer wieder Situationen, die man familienähnlich nennen könnte. Im Wesentlichen hat er auswärts gearbeitet, vor allem als Fernfahrer. Der Familie war das durchaus recht, weil er ja ein Fremdkörper geblieben ist. Vor allem bei meinem Großvater mit seinem ausgeprägten Beamten-Bildungsdünkel. Für ihn war mein Vater einfach ein ungebildeter Kerl, ein grober Klotz. Ich habe ihn eher in Erinnerung als einen vitalen Koloss mit einem gewissen virilen Charme.

ZEIT: Ihr Vater hat diese Ablehnung sicher mitbekommen?

Sloterdijk: Ja, er hat die Verachtung gespürt, die ihm entgegengebracht wurde, und sich zurückgezogen. Wenn er nach Hause kam und von dem erzählte, was er draußen erlebt hatte, habe ich immer gespürt – und das ist für einen Jungen beklemmend –, dass er Anerkennung suchte. Er erzählte in seinem Holländer-Deutsch und in einer Weise, die offenbarte, dass er im Interesse seiner Selbsterhöhung erzählte. Das habe ich später bei Erzähltheoretikern wie Julien Greimas und Juri Lotman wiedergefunden.