Dass Zurückhaltung die wichtigste Tugend in der Bildungspolitik ist, hat Doris Ahnen (SPD) aus Rheinland-Pfalz bewiesen. Sie hat als einzige westdeutsche Kultusministerin nicht mitgemacht, als zwischen der Nordsee und den Alpen die Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre verkürzt wurde. Und sie muss nun nichts wieder zurückdrehen.

Ganz anders ihre Kollegen in den anderen alten Bundesländern. Mit Niedersachsen vollführt dieser Tage erstmals ein ganzes Bundesland die Rolle rückwärts zu G 9. G 9 – so wird der im Westen vertraute Weg zum Abitur genannt, weil die Schüler neun Jahre auf dem Gymnasium verbringen. Bayern erlaubt seinen Gymnasiasten seit Kurzem ein individuelles Bummeljahr auf dem Weg zur Reifeprüfung. In Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Hessen entscheiden die einzelnen Schulen über die Lerngeschwindigkeit. Und in Hamburg will eine Elterninitiative G 9 per Volksentscheid erzwingen.

In Westdeutschland ist die flächendeckende Verkürzung der Gymnasialzeit gescheitert. Das viel geschmähte Turbo-Abitur (G 8) ist auf dem Rückzug.

Wenn eine derart kraftraubende Schulreform wie das Kürzen der Gymnasialzeit in den Sand gesetzt wird, dann muss man innehalten und nach Lehren für die Bildungspolitik suchen.

Die wichtigste Lektion heißt: Schulreformen von oben sind passé. Das deutlichste Zeichen dafür haben die Hamburger im Jahr 2010 gesetzt. Mit einem Volksentscheid verhinderten sie eine längere Grundschulzeit – gegen eine Allparteienkoalition im Landesparlament. Wer heutzutage als Kultusminister an den Schulen herumbasteln will, der muss Eltern und Lehrer dafür gewinnen. Bei G 8 aber galt das Motto: Friss oder stirb.

Das schnelle Abitur wurde politisch viel zu schnell durchgedrückt

In Bayern etwa zauberte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) das Thema nach der gewonnenen Landtagswahl 2003 aus dem Hut, nachdem seine Partei sich bis dahin stets als Hüterin des Abiturs nach 13 Jahren geriert hatte. Das deutsche Bildungssystem, so Stoiber damals, raube den Jugendlichen wertvolle Zeit, die ihnen für Familie und Beruf fehle. Die Kultusbürokratie musste diese Wende binnen Kurzem exekutieren.

Stoibers Effizienzpostulat entsprach dem Zeitgeist. Studien hatten gezeigt, dass es lange Phasen am Gymnasium gibt, in denen die Schüler nichts dazulernen. Tests ergaben, dass Schüler nach 13 Jahren keine besseren Leistungen zeigten als nach 12 Jahren. Ebenso zeigte sich, dass die Gymnasiasten in Ostdeutschland, wo G 8 Tradition hat, keinem stärkeren Stress ausgesetzt sind als ihre Altersgenossen im Westen. Hinzu kam die Sorge um die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, weil junge Menschen in anderen Ländern früher arbeiten gehen als hierzulande.

Von Pädagogik war – eine Parallele zur Diskussion um die Versorgung mit Kita-Plätzen – dagegen fast nie die Rede. Zudem wurde kaum zusätzliches Geld investiert, um die Lehrer, denen die Politik die Last der Umsetzung aufbürdete, weiterzubilden und zu unterstützen.

So überfiel G 8 die Gymnasien als technokratisches Monster. Eltern und Lehrer, die an G 9 festhalten wollten, weil sie den Kindern mehr Zeit fürs Lernen, für Spiel, Sport und Muße am Nachmittag gönnen oder weil ihnen das Familienleben wichtig ist – sie wurden ignoriert.

Ihr Protest jedoch verstummte nicht. Umfragen unter Eltern ergeben stets satte Zweidrittelmehrheiten gegen G 8. Oder wie es Heinz-Peter Meidinger, der Chef des Philologenverbands, ausdrückt: "Das Turbo-Abitur ist nie in der Mitte der Gesellschaft angekommen."

Deshalb wäre es töricht, auf einem obligatorischen G 8 an den Gymnasien zu beharren. Zumindest als Wahlmöglichkeit sollte das längere Lernen überall möglich sein.

Die Gymnasien dürfen sich nun aber nicht darauf beschränken, langsamer zu werden; vor allem müssen sie besser werden. In der Breite sind sie schon jetzt sehr erfolgreich. Waren 1952 lediglich 15 Prozent der Achtklässler Gymnasiasten, so sind es heute 37 Prozent. Allen Vorurteilen zum Trotz konnte das Leistungsniveau dabei recht gut gehalten werden. Inzwischen wechseln mancherorts mehr als die Hälfte der Kinder nach der Grundschule aufs Gymnasium. Längst ist die einstmalige Eliteschmiede zur Gesamtschule des Mittelstands mutiert.

Das ist gut so. Was aber ist mit Jungs und Mädchen, die sich schon in der Grundschule langweilen? Die wissbegierig sind und mit zu klugen Fragen den Unterricht stören? Die Rede ist hier nicht nur von den wenigen Hochbegabten, sondern von den 15 bis 20 Prozent besonders intelligenten und interessierten Kindern.

Ausgerechnet beim Fördern dieser starken Schüler ist das Gymnasium schwach, wie der Vergleich mit Ländern wie Finnland oder der Schweiz zeigt. Die Starken dabei zu unterstützen, über sich hinauszuwachsen, auch das gehört zu den Aufgaben der Lehrer – gerade am Gymnasium, das immer noch das Privileg einer ausgesuchten Schülerschaft hat.

Der Nimbus des Gymnasiums basiert darauf, dass es die Schule der Besten ist. Daher rührt auch seine Anziehungskraft. Eine längere Zeit bis zum Abitur mag vielen gefallen und die Überforderten entlasten. Nun müssen auch die Unterforderten zu ihrem Recht kommen. Sonst wird das Gymnasium zur Mogelpackung.

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