Während Baden-Württemberg noch erregt über den neuen Bildungsplan der grün-roten Regierung diskutiert, der die Akzeptanz sexueller Vielfalt zum schulischen Lernziel erklärt, ist an Berliner Schulen gerade still und friedlich der Queer History Month zu Ende gegangen, der das nämliche Erziehungsprojekt zum Inhalt hat. "Berlin setzt sich ein für die Akzeptanz sexueller Vielfalt" lautet das Motto, das der Bildungssenat dazu ausgab. Wir sprachen mit Martin Lücke, Professor für Didaktik der Geschichte an der FU Berlin, der das Unterrichtsprogramm entworfen hat.

DIE ZEIT: Hat der Queer History Month, der Berliner Schüler über die Geschichte der Homosexualität und ihrer Diskriminierung informieren sollte, eine aktuelle Dringlichkeit?

Martin Lücke: Ich kenne zwei oder drei Studien über Homophobie, und aktuell beobachte ich auch die Konjunktur bestimmter Redeweisen unter Schülern – zum Beispiel alles, was irgendwie untüchtig erscheint, als schwul zu bezeichnen. Selbst einen Bleistift, wenn er abbricht. Aber ich glaube, dahinter steckt keine konkrete Homophobie, es ist eher im Rückschluss diskriminierend.

ZEIT: Indem schwul mit schwächlich gleichgesetzt wird? Könnte das mit der Machokultur der Migrantenkinder zu tun haben?

Lücke: Denkt man gerne – weiß aber tatsächlich nur ganz wenig drüber. Die Studien über Männlichkeitsbilder bei, sagen wir, islamischen Jugendlichen lassen immer außer Acht, dass es sich, verglichen mit deutschen Mittelschichtskindern, auch um dramatisch andere soziale Hintergründe handelt. Natürlich gibt es Lehrer, die sagen, bei mir in Neukölln kann ich den Queer History Month nicht machen, weil das Migrantenproblem nicht mitbedacht wurde. Ich glaube, das ist nur eine Schutzbehauptung, weil so manchem die ganze Richtung eines queeren Unterrichtsprojektes missfällt.

ZEIT: Die Gegner des Bildungsprogramms in Baden-Württemberg haben sich auch nicht direkt homophob gezeigt, sondern am Unterschied von Akzeptanz und Toleranz ereifert. Toleranz gegenüber Homosexualität dürfe man fordern, Akzeptanz aber nicht.

Lücke: Mich hat die Dramatisierung des Unterschieds überrascht – aber natürlich könnte man sagen, Toleranz sei eher gleichgültig, während Akzeptanz eine gewisse Wertschätzung einschließe.

ZEIT: Ein Moment von Anerkennung?

Lücke: Wenn das gemeint wäre, würde ich sagen: Wenigstens ein kleines Moment der Anerkennung sollte man fordern dürfen.

ZEIT: Aber wäre es nicht eher ein Kennzeichen liberaler Gesellschaften, vor allem Gleichgültigkeit zu produzieren?

Lücke: Aber nur, wenn es Gleichgültigkeit in einem grundsätzlichen Klima von Toleranz wäre. Meistens ist es eher eine Art feindselige Abwendung, die aus einem christlich-fundamentalistischen Standpunkt heraus sagt: Homosexualität ist nicht Teil unserer Schöpfungsordnung; und daraus folgt dann eine fundamentale Ausgrenzung, die – wenn überhaupt Toleranz – eine Toleranz durch Exklusion meint.

ZEIT: Kann man Anerkennung als gesellschaftliche Norm einklagen? Sollte man überhaupt eine Diskussion um Norm und Normalität riskieren? Man könnte ja auch sagen: Lebe jeder, wie er will, ist mir doch egal?

Lücke: Mindestens sollte man sagen: Wir wollen eine friedliche Koexistenz, bei gegenseitiger Wertschätzung, wohlwollender Wertschätzung.

ZEIT: Mindestens? Wertschätzung ist doch mehr als Anerkennung: eine positive innere Haltung. Kann man das erreichen – durch Didaktik?

Lücke: Ich hoffe. (lacht) Ich hoffe.

ZEIT: Aber ist es Aufgabe des Staates, mithilfe der Schulen so etwas Privates wie Wohlwollen und Wertschätzung einzufordern und einzulernen?

Lücke: Was heißt hier privat? Schule hat die Aufgabe, gesellschaftliche Brüche zum Thema zu machen und zu bearbeiten. Das hört sich schrecklich nach Indoktrination an, aber wenn es um Grundwerte geht und um Neben- und Miteinander, dann, finde ich, darf Schule das.