Als in Argentinien das Finanzsystem zusammenbrach, war das ein guter Tag für Selvyn Seidel. Als in der japanischen Stadt Fukushima das Kernkraftwerk explodierte, war das auch nicht schlecht. Und als in der kanadischen Provinz Quebec aus einer Vielzahl von Fracking-Anlagen giftiges Gas entwich, war dies ebenfalls ein Ereignis, das Selvyn Seidels Geschäften nützte.

Für Selvyn Seidel ist es eine gute Nachricht, wenn auf der Welt etwas passiert, das den Menschen Angst einjagt. Meist erlassen die Regierungen dann neue Gesetze und Verordnungen.

Argentinien kündigte damals an, seine Schulden nicht länger zu begleichen – eine empfindliche Einbuße für ausländische Banken, die dem Land viel Geld geliehen hatten.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel entschied nach der Katastrophe von Fukushima, aus der Atomenergie auszusteigen – ein harter Rückschlag für die Betreiber der deutschen Kernkraftwerke.

Die Provinz Quebec erließ ein vorläufiges Fracking-Verbot – ein schmerzhafter Verlust für internationale Bergbauunternehmen.

Selvyn Seidel lebt davon, sich einen Teil des verlorenen Geldes zu holen.

Er sitzt an seinem Schreibtisch im 27. Stock eines Wolkenkratzers in der Nähe des Times Square in New York. Seidel kann von hier oben über den Hudson River bis ins verschneite New Jersey schauen. Er hat einen weißen Haarkranz, zum blauen Anzug trägt er eine rote Fliege. Vor ihm steht ein Pappbecher mit Kaffee. Seidel ist 71 Jahre alt. Er hat in seinem Leben genug gearbeitet, aber er will noch nicht aufhören. Das Geschäft läuft bestens. Nie zuvor haben die Konzerne der Welt so viele Konflikte mit Regierungen ausgetragen, es sind Seidels Jahre. An der Wand hinter ihm türmen sich Pappkartons mit Unterlagen seiner Kunden.

Gleich wird Seidels Telefon klingeln. Er wartet auf den Anruf eines niederländischen Finanzdienstleisters. Konkreter will Seidel nicht werden, die Sache sei extrem vertraulich. Nur so viel sagt er: Ein südamerikanisches Land hat kürzlich riskante Finanzgeschäfte verboten. Die dortige Regierung will die Ersparnisse der Privatanleger schützen, das hat dem Finanzdienstleister das Geschäft verdorben. Das Unternehmen verlangt jetzt das entgangene Geld. Seidel soll ihm helfen, es zu beschaffen.

Selvyn Seidel übernimmt die Anwalts- und Prozesskosten für Firmen, die Regierungen in teuren Gerichtsverfahren auf Schadensersatz verklagen. Haben die Unternehmen Erfolg, kassiert Seidel einen Gutteil der eingeklagten Summe, oft mehrere Hundert Millionen Dollar. Das ist sein Geschäftsmodell.

Auf Seidels Schreibtisch steht eine Trophäe, die er in diesem profitablen Kampf der Konzerne gegen die Staaten errungen hat: der Lawyers Award 2013, ein gläserner Kristall für den erfolgreichsten Klage-Finanzierer der USA – Seidels Firma Fulbrook Capital Management.

Seidel sagt, er investiere meist in sechs bis acht Klagen gleichzeitig, zwanzig bis dreißig weitere lägen ihm zur Prüfung vor, es gehe um Gerichtsverfahren gegen Länder in Lateinamerika, Europa, Zentralasien, es gehe um die ganze Welt.

Man könnte diesen Mann für ein Genie halten, einen Experten, der die Gesetze und Rechtssysteme Dutzender Staaten im Kopf hat.

In Wahrheit ist die Sache einfacher. Die meisten der Klagen gegen Staaten rund um die Welt, die Selvyn Seidel finanziert, finden nach demselben Prinzip an nur einem Ort statt, in einem Granit- und Marmorgebäude im Zentrum von Washington, nicht weit entfernt vom Weißen Haus.

Es ist ein Gebäude der Weltbank, einer Institution, deren Aufgabe es ist, verarmten Ländern Geld zu leihen. Hier hat ein merkwürdiges Gericht seinen Sitz: das Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten, kurz ICSID.

Vor diesem Gericht können Unternehmen gegen ausländische Staaten klagen, und zwar dann, wenn sie der Meinung sind, diese Länder hätten auf unfaire Weise den Wert ihrer Investitionen geschmälert, ohne sie dafür zu entschädigen.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit, ist rund um das Gericht eine ebenso kraftvolle wie profitable Justizmaschinerie entstanden, bedient von Wirtschaftsanwälten international operierender Großkanzleien. Wer sich anschaut, wie diese Maschinerie funktioniert, findet neue Antworten auf die alte Frage, wie viel Macht auf dieser Welt die Staaten haben und wie viel die Konzerne.

Derzeit laufen 185 Verfahren vor dem ICSID. Einer davon ist ICSID-Case ARB/12/12: Vattenfall versus Federal Republic of Germany. Streitpunkt: der deutsche Atomausstieg. Nach Fukushima musste der schwedische Energiekonzern die von ihm betriebenen Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel schließen.

Neben dem ICSID gibt es noch einige kleinere Gerichte für Investitionsstreitigkeiten. Für sie alle gilt: Sie sind keine herkömmlichen Gerichte, wie man sie in Europa und Amerika kennt, sondern sogenannte Schiedsgerichte. Auf den ersten Blick spielt das keine große Rolle. Auch bei Schiedsgerichtsverfahren gibt es Kläger und Beklagte und ihre Anwälte. Es treten Zeugen auf und Sachverständige. Natürlich gibt es auch Richter, es sind immer drei. Aber da beginnen bereits die Unterschiede.

Die Richter arbeiten nicht fest am Schiedsgericht, sie sind keine Beamten, nicht einmal Angestellte. Es sind juristische Fachleute aus vielen verschiedenen Ländern. Sie werden von den Streitparteien für das jeweilige Verfahren berufen und kommen zur Verhandlung in einem der Räume des Schiedsgerichtes zusammen. Es gibt dort keine Zuschauerbänke, denn die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, das ist der zweite Unterschied.