Als in Argentinien das Finanzsystem zusammenbrach, war das ein guter Tag für Selvyn Seidel. Als in der japanischen Stadt Fukushima das Kernkraftwerk explodierte, war das auch nicht schlecht. Und als in der kanadischen Provinz Quebec aus einer Vielzahl von Fracking-Anlagen giftiges Gas entwich, war dies ebenfalls ein Ereignis, das Selvyn Seidels Geschäften nützte.

Für Selvyn Seidel ist es eine gute Nachricht, wenn auf der Welt etwas passiert, das den Menschen Angst einjagt. Meist erlassen die Regierungen dann neue Gesetze und Verordnungen.

Argentinien kündigte damals an, seine Schulden nicht länger zu begleichen – eine empfindliche Einbuße für ausländische Banken, die dem Land viel Geld geliehen hatten.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel entschied nach der Katastrophe von Fukushima, aus der Atomenergie auszusteigen – ein harter Rückschlag für die Betreiber der deutschen Kernkraftwerke.

Die Provinz Quebec erließ ein vorläufiges Fracking-Verbot – ein schmerzhafter Verlust für internationale Bergbauunternehmen.

Selvyn Seidel lebt davon, sich einen Teil des verlorenen Geldes zu holen.

Er sitzt an seinem Schreibtisch im 27. Stock eines Wolkenkratzers in der Nähe des Times Square in New York. Seidel kann von hier oben über den Hudson River bis ins verschneite New Jersey schauen. Er hat einen weißen Haarkranz, zum blauen Anzug trägt er eine rote Fliege. Vor ihm steht ein Pappbecher mit Kaffee. Seidel ist 71 Jahre alt. Er hat in seinem Leben genug gearbeitet, aber er will noch nicht aufhören. Das Geschäft läuft bestens. Nie zuvor haben die Konzerne der Welt so viele Konflikte mit Regierungen ausgetragen, es sind Seidels Jahre. An der Wand hinter ihm türmen sich Pappkartons mit Unterlagen seiner Kunden.

Gleich wird Seidels Telefon klingeln. Er wartet auf den Anruf eines niederländischen Finanzdienstleisters. Konkreter will Seidel nicht werden, die Sache sei extrem vertraulich. Nur so viel sagt er: Ein südamerikanisches Land hat kürzlich riskante Finanzgeschäfte verboten. Die dortige Regierung will die Ersparnisse der Privatanleger schützen, das hat dem Finanzdienstleister das Geschäft verdorben. Das Unternehmen verlangt jetzt das entgangene Geld. Seidel soll ihm helfen, es zu beschaffen.

Selvyn Seidel übernimmt die Anwalts- und Prozesskosten für Firmen, die Regierungen in teuren Gerichtsverfahren auf Schadensersatz verklagen. Haben die Unternehmen Erfolg, kassiert Seidel einen Gutteil der eingeklagten Summe, oft mehrere Hundert Millionen Dollar. Das ist sein Geschäftsmodell.

Auf Seidels Schreibtisch steht eine Trophäe, die er in diesem profitablen Kampf der Konzerne gegen die Staaten errungen hat: der Lawyers Award 2013, ein gläserner Kristall für den erfolgreichsten Klage-Finanzierer der USA – Seidels Firma Fulbrook Capital Management.

Seidel sagt, er investiere meist in sechs bis acht Klagen gleichzeitig, zwanzig bis dreißig weitere lägen ihm zur Prüfung vor, es gehe um Gerichtsverfahren gegen Länder in Lateinamerika, Europa, Zentralasien, es gehe um die ganze Welt.

Man könnte diesen Mann für ein Genie halten, einen Experten, der die Gesetze und Rechtssysteme Dutzender Staaten im Kopf hat.

In Wahrheit ist die Sache einfacher. Die meisten der Klagen gegen Staaten rund um die Welt, die Selvyn Seidel finanziert, finden nach demselben Prinzip an nur einem Ort statt, in einem Granit- und Marmorgebäude im Zentrum von Washington, nicht weit entfernt vom Weißen Haus.

Es ist ein Gebäude der Weltbank, einer Institution, deren Aufgabe es ist, verarmten Ländern Geld zu leihen. Hier hat ein merkwürdiges Gericht seinen Sitz: das Internationale Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten, kurz ICSID.

Vor diesem Gericht können Unternehmen gegen ausländische Staaten klagen, und zwar dann, wenn sie der Meinung sind, diese Länder hätten auf unfaire Weise den Wert ihrer Investitionen geschmälert, ohne sie dafür zu entschädigen.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit, ist rund um das Gericht eine ebenso kraftvolle wie profitable Justizmaschinerie entstanden, bedient von Wirtschaftsanwälten international operierender Großkanzleien. Wer sich anschaut, wie diese Maschinerie funktioniert, findet neue Antworten auf die alte Frage, wie viel Macht auf dieser Welt die Staaten haben und wie viel die Konzerne.

Derzeit laufen 185 Verfahren vor dem ICSID. Einer davon ist ICSID-Case ARB/12/12: Vattenfall versus Federal Republic of Germany. Streitpunkt: der deutsche Atomausstieg. Nach Fukushima musste der schwedische Energiekonzern die von ihm betriebenen Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel schließen.

Neben dem ICSID gibt es noch einige kleinere Gerichte für Investitionsstreitigkeiten. Für sie alle gilt: Sie sind keine herkömmlichen Gerichte, wie man sie in Europa und Amerika kennt, sondern sogenannte Schiedsgerichte. Auf den ersten Blick spielt das keine große Rolle. Auch bei Schiedsgerichtsverfahren gibt es Kläger und Beklagte und ihre Anwälte. Es treten Zeugen auf und Sachverständige. Natürlich gibt es auch Richter, es sind immer drei. Aber da beginnen bereits die Unterschiede.

Die Richter arbeiten nicht fest am Schiedsgericht, sie sind keine Beamten, nicht einmal Angestellte. Es sind juristische Fachleute aus vielen verschiedenen Ländern. Sie werden von den Streitparteien für das jeweilige Verfahren berufen und kommen zur Verhandlung in einem der Räume des Schiedsgerichtes zusammen. Es gibt dort keine Zuschauerbänke, denn die Verhandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, das ist der zweite Unterschied.

Jeder Präsident muss sich dem Urteil des ICSID beugen

Vattenfall hat die Bundesrepublik, also sozusagen alle Deutschen, vor dem ICSID auf Schadensersatz in Höhe von mehr als vier Milliarden Euro verklagt. Das entspricht knapp der Hälfte der jährlichen deutschen Entwicklungshilfe. Noch weiß niemand, wie die Schiedsrichter entscheiden werden. Sicher ist nur: Der Beschluss, der erst in zwei Jahren zu erwarten ist, wird wohl unabänderlich sein. Denn gegen ein Urteil des ICSID kann man keine Rechtsmittel vor einer höheren Instanz einlegen, keine Berufung, keine Revision. Das ist der dritte Unterschied.

Grundlage dieser Gerichtsverfahren sind sogenannte Investitionsschutzabkommen zwischen den verschiedensten Staaten der Welt. Es gibt rund 3.000 solcher Abkommen, sie umspannen die Erde wie ein unsichtbares Netz aus Paragrafen.

In diesen Verträgen verpflichten sich die Regierungen, die Urteilssprüche des Schiedsgerichts anzuerkennen.

Vor dem Schiedsgericht ist ein Staat der Beklagte, nicht der Kläger. Er kann nur Geld verlieren, nicht gewinnen. Jeder Kanzler, jeder Premierminister, jeder Präsident muss sich dem Urteil des ICSID beugen. So steht es in den Verträgen.

Es stellt sich die Frage, wie die deutsche Bundesregierung und fast alle anderen Regierungen der Welt auf die Idee kamen, solche Verträge zu unterzeichnen.

Die Antwort: Sie glaubten, davon zu profitieren.

Es gibt diese Verträge schon lange. Das erste Investitionsschutzabkommen schlossen Deutschland und Pakistan, das war 1959. Es ging der Bundesregierung damals darum, deutsche Investoren vor Enteignung zu schützen. Von nun an musste etwa ein schwäbischer Textilunternehmer, dessen Fabrik von einem korrupten pakistanischen Beamten beschlagnahmt wurde, nicht mehr auf die Unparteilichkeit der pakistanischen Justiz hoffen. Er musste sich keiner öffentlichen Verhandlung stellen, musste nicht fürchten, dass sein Gegner das Verfahren unendlich lange verschleppen würde.

Stattdessen konnte er sich an das internationale Schiedsgericht wenden, und wenn sich die Richter auf seine Seite schlugen, musste ihm der pakistanische Staat eine Entschädigung zahlen.

Das Land Pakistan gab ein Stück Macht ab, dafür wurde es attraktiver für deutsche Unternehmen. Das war das Kalkül. Auch Deutschland gab Macht ab, zugunsten pakistanischer Investoren. Auch sie konnten die Bundesrepublik verklagen. Theoretisch. Es gab damals aber keine pakistanischen Investoren.

Ein Land nach dem anderen unterzeichnete in den folgenden Jahrzehnten Investitionsschutzabkommen mit anderen Ländern, allein Deutschland hat mehr als hundert Verträge abgeschlossen. Dennoch erregte das ICSID kaum öffentliche Aufmerksamkeit. Ein deutscher Mittelständler klagte gegen Kamerun, ein amerikanischer Konzern ging gegen Jamaika vor. Es waren nicht viele Fälle, im Jahr 1989 zum Beispiel wurde vor dem ICSID ein einziges Verfahren eröffnet. Nur wenige Unternehmen investierten damals große Summen im Ausland, und nur selten kam es zu unrechtmäßigen Enteignungen.

Mitte der neunziger Jahre aber stieg die Zahl der Schiedsgerichtsverfahren sprunghaft an. Zuerst auf dreißig, fünfzig, achtzig, dann auf mehrere Hundert. Das lag daran, dass nach dem Fall der Mauer europäische und amerikanische Konzerne immer öfter den Sprung nach Asien, Afrika und Lateinamerika wagten. Es lag aber auch an einem Artikel, der 1995 in dem vom ICSID herausgegebenen Foreign Investment Law Journal erschien. Er half mit, unter Wirtschaftsanwälten eine lukrative Idee zu verbreiten: Die Investitionsschutzabkommen und Schiedsgerichte könnten Unternehmen womöglich nicht nur in Fällen von offensichtlicher Enteignung zu Schadensersatzzahlungen verhelfen. Man musste den Begriff der Enteignung nur weit genug auslegen. Dann könnte man öfter klagen.

In dem Artikel stand: "Entdecker sind aufgebrochen, unbekanntes Land für die internationale Schiedsgerichtsbarkeit zu erschließen." Der Autor war ein Anwalt der weltweit tätigen britischen Kanzlei Freshfields. Das Neuland war ein riesiger Markt, der in jenen Jahren für Tausende Anwälte rund um die Welt entstand.

Selvyn Seidel sitzt im abgedunkelten Fischrestaurant eines exklusiven New Yorker Hotels und bestellt gegrillte Garnelen. Bis eben hat er telefoniert, ein Unternehmen hat ihm einen Sitz im Aufsichtsrat angeboten. Morgen will er mit seiner Frau für drei Tage nach Barcelona fliegen, der erste Urlaub seit Jahren, danach wird er sich in London mit Geschäftspartnern treffen.

Seidel erzählt, er sei auf einem Bauernhof in New Jersey aufgewachsen. Als junger Mann lief er in den Semesterferien als Verlagsvertreter mit einer Enzyklopädie von Tür zu Tür. Es gibt einfachere Jobs, doch Seidel schaffte es, den Leuten das schwere Lexikon zu verkaufen. "Ich war einer der besten Vertreter an der amerikanischen Ostküste", sagt er. Später studierte er Jura, aber das Gespür für ein gutes Geschäft hat ihn nicht mehr verlassen.

Zweieinhalb Jahrzehnte lang arbeitete Seidel für die kalifornische Wirtschaftskanzlei Latham & Watkins. Er beriet Großkunden wie die israelische Fluggesellschaft El Al und vertrat Investmentbanken und Versicherungen vor dem ICSID. 2006, im Alter von 65 Jahren, schied Seidel bei Latham & Watkins aus. Als Anwalt wollte er nicht mehr arbeiten, stattdessen gründete er sein eigenes Unternehmen. Seidel hatte weiteres unbekanntes Land für die Schiedsgerichtsbarkeit entdeckt: die Lösung des Kostenproblems.

ICSID-Klagen sind teuer. Die Anwälte verlangen oft Stundensätze von 700 Dollar und mehr. Da es allein Monate dauern kann, die Klageschrift zu formulieren und einzureichen, kommen schnell mehrstellige Millionenbeträge zusammen. Das ist manchen Unternehmen zu viel.

Also bot Seidel ihnen an, das Verfahren zu finanzieren. Wird die Klage abgelehnt, hat er Pech gehabt. Gewinnt das Unternehmen, kassiert er bis zu achtzig Prozent der Entschädigungszahlung.

Selvyn Seidel ist bester Laune an diesem Abend. Immer wieder spricht er davon, dass man schon mit einem einzigen erfolgreichen Schiedsverfahren "big bucks" verdienen könne. Viel Geld.

Bald nachdem Seidel sein Unternehmen eröffnet hatte, gründeten sich weitere Firmen, die im Auftrag von Konzernen ICSID-Klagen finanzierten. Sie alle machten sich auf die Suche nach Geschäftspartnern und neuen Möglichkeiten. In Asien boomte die Wirtschaft, dort waren Großkonzerne entstanden, die nun ihrerseits in Europa und Amerika investierten. Konnten sie nicht gegen die Regierungen des Westens vorgehen? Bot nicht die zunehmend restriktive Anti-Raucher-Gesetzgebung einen Grund zur Klage? Und ließ sich nicht neu interpretieren, was überhaupt ein ausländischer Investor sei?

Selvyn Seidel und die übrigen Prozessfinanzierer kamen genau zur rechten Zeit.

Heute klagt der chinesische Lebensversicherer Ping An gegen das Königreich Belgien auf Zahlung von 1,8 Milliarden Euro. Die belgische Regierung hatte während der Finanzkrise eine Bank mit Steuermilliarden vor der Pleite gerettet und verstaatlicht. Ping An war an der Bank beteiligt.

Warum erhalten Investoren das Privileg der gesonderten Rechtsprechung?

Der Tabakkonzern Philip Morris klagt gegen Australien auf Zahlung einer noch nicht exakt bezifferten Summe von mehreren Milliarden Dollar. Die australische Regierung hatte angeordnet, dass Zigaretten nur noch in neutralen Packungen ohne Markenlogo verkauft werden dürfen.

Der Bergbaukonzern Lone Pine klagt gegen Kanada wegen des Fracking-Moratoriums in Quebec auf Schadensersatz in Höhe von 250 Millionen Dollar. Zwar ist Lone Pine ein kanadisches Unternehmen, und das Schiedsgericht steht nur ausländischen Investoren offen. Aber Lone Pine hat die Klage über seine amerikanische Niederlassung eingereicht.

"Da gibt es Leute, die machen viel Geld damit, dass sie Länder verklagen, die die Umwelt oder ihre Bürger schützen wollen", sagt der Schweizer Schiedsgerichtsanwalt Nicolas Ulmer selbstkritisch über die eigene Branche.

Mittlerweile haben auch deutsche Kanzleien das lukrative Feld der Schiedsgerichtsbarkeit entdeckt. Angeregt von der Euro-Krise, schickte zum Beispiel die in Köln ansässige Luther Rechtsanwaltsgesellschaft im Sommer 2011 ihren Kunden eine neue Ausgabe ihres Newsletters. Darin macht die Kanzlei darauf aufmerksam, dass sich auch ein drohender Staatsbankrott in Geld verwandeln lasse. Europas Regierungen diskutierten damals ein Umschuldungsprogramm als letzte Rettung für das ruinierte Griechenland. Ausländische Banken und Versicherungen, die griechische Staatsanleihen besitzen, sollten demnach auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, um den Griechen etwas mehr finanziellen Spielraum zu geben.

Luther schrieb an seine Kunden, Investoren müssten dies nicht hinnehmen, sie könnten Schadensersatz verlangen. Und weiter: "Unsere Kanzlei kann Ihnen bei diesen komplizierten Fragen mit einem Team qualifizierter Anwälte im Bereich der internationalen Prozessführung sowie im Bereich des Wertpapierrechts mit Rat und Tat zur Seite stehen." Einer der Autoren des Textes war der Anwalt Richard Happ.

Knapp ein Jahr später, Anfang Juni 2012, tauchte sein Name in einem juristischen Nachrichtenportal im Internet in einem anderen Zusammenhang auf. Happ ist der Anwalt, der für Vattenfall die ICSID-Klage gegen die Bundesrepublik führt.

In diesem Konflikt zwischen einer Regierung, die Gesetze machen will, und einem Unternehmen, das Geschäfte machen will, müsste Richard Happ ein guter Gesprächspartner sein.

Happ wurde 1971 geboren, er ist Spezialist für Investitionsstreitverfahren und hat unter anderem Unternehmen bei Klagen gegen Albanien und die Ukraine vertreten. Er hat außerdem den Text einer Broschüre der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing verfasst. Unter dem Titel "Hilfe, ich werde enteignet!" beschreibt er darin verschiedene Situationen, in denen Unternehmen gute Aussichten auf eine erfolgreiche Klage haben: Eine ausländische Regierung könne etwa "durch Absenkung staatlich regulierter Tarife, z. B. im Strom-, Gas- oder Telekommunikationssektor oder bei Mautstraßen, die auf einen konstanten Cash Flow ausgerichtete Finanzierung eines Projekts zerstören". Happ fallen noch andere Vorgehensweisen ein, mit denen eine Regierung den Anlass für eine Klage liefert: "Der Staat kann z. B. neue Steuern einführen, die eine Fortführung des Geschäfts wirtschaftlich sinnlos machen, kann Umweltgesetze einführen, durch die die bisher gefertigten Produkte verboten werden."

Dass Anwälte sich nicht zu laufenden Verfahren äußern, kommt vor. Happ aber war auch zu einem grundsätzlichen Gespräch mit der ZEIT über die Charakteristika von Schiedsverfahren nicht bereit.

Frankfurt am Main, Feldbergstraße 35. Zwischen den Türmen der Banken und dem Palmengarten hat Happs Gegenspielerin im Vattenfall-Verfahren ihr Büro. Sabine Konrad empfängt in einem Raum mit weißen Wänden, weißen Tischen. Auf einer dickwandigen Wasserflasche steht: McDermott Will & Emery.

Es ist der Name einer weiteren dieser Großkanzleien, die wie Konzerne agieren. Rund tausend Anwälte sind rund um den Globus für McDermott Will & Emery im Einsatz, zu ihnen gehört Sabine Konrad.

Als abzusehen war, dass Vattenfall vor dem ICSID klagen würde, hat die Bundesregierung im Wirtschaftsministerium eigens die "Geschäftsstelle Schiedsverfahren 13. Atomgesetznovelle" eingerichtet. Vier Mitarbeiter sind seitdem mit dem Fall betraut, als Anwältin haben sie Sabine Konrad, 40, engagiert. Sie zählt zu den Jungstars der Schiedsgerichtsszene.

Im Bundeshaushalt 2014 sind für das ICSID-Verfahren gegen Vattenfall 2,2 Millionen Euro eingeplant, der Großteil davon sind Anwaltskosten.

Eine Stunde lang spricht Sabine Konrad mit der ZEIT. Sie hat in Schiedsgerichtsverfahren auch schon die Unternehmensseite vertreten. Mal spricht sie für den Kläger, mal für den Beklagten, je nachdem, wer sie engagiert. Zitieren aber darf man nicht aus dem Gespräch beim stillen Wasser.

Wenn es um Investitionsstreitigkeiten geht, finden manchmal nicht nur die Gerichtsverhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Allerdings hat auch Sabine Konrad einige Texte veröffentlicht. Im Oktober 2011 zum Beispiel schrieb sie in einem Kundenbrief ihrer damaligen Kanzlei: "Schiedsverfahren sind eine einzigartige und effektive Alternative, um Schadensersatz zu bekommen."

Man muss an dieser Stelle betonen, dass nichts dagegen einzuwenden ist, wenn Unternehmen gegen Staaten vor Gericht ziehen. Die Frage ist nur, warum manche von ihnen die nationalen Gerichte eines demokratischen, wenig korrupten Landes umgehen dürfen, andere aber nicht.

Auch die deutschen Energiekonzerne RWE und E.on haben wegen des Atomausstiegs eine Klage eingereicht. Während sie jedoch auf eine öffentliche Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht angewiesen sind, darf Vattenfall als ausländischer Investor das geheim tagende Schiedsgericht anrufen.

Während die Verfassungsrichter ihr Urteil auf Basis der in Deutschland geltenden Gesetze fällen müssen, entscheiden die Schiedsrichter nur nach grob definierten Kriterien, ob die Bundesregierung sich unrechtmäßig verhalten hat.

Während die einen Unternehmen also auf die jeweilige staatliche Rechtsprechung vertrauen müssen, gilt für die anderen eine Art Privatjustiz.

Das deutsche Verfassungsgericht urteilt "im Namen des Volkes", aber in welchem Namen urteilen die Schiedsgerichte? Warum erhalten Investoren dieses Privileg der gesonderten Rechtsprechung? Warum nicht auch Umweltschützer oder Menschenrechtler?

Weil die Investoren dringend benötigtes Kapital ins Land bringen und neuen Wohlstand generieren. Deshalb genießen sie ein Sonderrecht. Das ist die Meinung, wie sie aus der Broschüre spricht, die der Vattenfall-Anwalt Richard Happ verfasst hat.

Über das Urteil des ICSID freute sich die Finanzwelt

Weil die Welt zu einem Marktplatz verkommen ist und die Regierungen zu schwach sind, sich gegen das Großkapital durchzusetzen. So sieht Peter Fuchs die Dinge.

Er trägt heute Anzug und Krawatte. Die Krawatte sitzt nicht richtig. Fuchs hat mit so etwas wenig Erfahrung. Normalerweise trägt er Jeans und Pullover, aber heute ist der Anzug wichtig. "Sonst nehmen mich die Leute hier nicht ernst."

Fuchs ist an diesem Februarmorgen mit dem Fahrrad zum Europäischen Haus in Berlin gefahren, Unter den Linden 78, nicht weit vom Brandenburger Tor. Hier ist die Vertretung der EU-Kommission, sozusagen die europäische Botschaft. Gleich soll oben im Konferenzsaal eine Informationsveranstaltung mit Vertretern der EU und des Bundeswirtschaftsministeriums beginnen. Es geht um das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP), über das die Europäische Union und die Vereinigten Staaten in diesen Monaten verhandeln. Der Vertrag soll auch ein Investitionsschutzabkommen beinhalten, das es zwischen Europa und Amerika noch nicht gibt.

Europäische Unternehmen sollen dann die USA vor einem Schiedsgericht verklagen können und amerikanische Unternehmen die Staaten Europas. Die EU-Kommission möchte spanischen Banken, deutschen Maschinenbauern und französischen Pharmakonzernen das Geschäft mit Amerika erleichtern und Europa attraktiver für US-Investoren machen. Das ist ihr Plan. Dafür wirbt die Kommission an diesem Morgen in Berlin.

Rund 150 Besucher haben sich angemeldet. Bundestagsabgeordnete, Industrievertreter, aber auch Umweltlobbyisten, Gewerkschafter. Sie alle müssen an Peter Fuchs vorbei, der vor der Eingangstür des Europäischen Hauses auf dem Gehweg steht. Er drückt jedem ein Flugblatt in die Hand, in dem den Konzernen vorgeworfen wird, die ordentlichen nationalen Gerichte zu umgehen.

Die meisten Besucher nehmen das Flugblatt, ohne hinzuschauen, und eilen weiter. Nur hin und wieder bleibt jemand stehen und stellt ein paar Fragen.

"Wer sind Sie?"

"Ich bin Peter Fuchs von PowerShift."

"PowerShift?"

"Ein gemeinnütziger Verein zur Handels- und Wirtschaftspolitik."

Man muss diesen Verein nicht kennen, es gibt ihn erst seit drei Jahren. PowerShift hat 27 Mitglieder und drei fest angestellte Mitarbeiter. Fuchs ist der geschäftsführende Vorsitzende.

Peter Fuchs, 49, hat als Jugendlicher keine Lexika verkauft wie Selvyn Seidel. Aber er hat ein gutes Abitur gemacht, er hätte Wirtschaftsanwalt werden können. Nur hat ihn das nicht interessiert. Fuchs ging es eher um den Zustand der Gesellschaft als um den Saldo seines Bankkontos.

Also studierte er Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Er arbeitete an der Uni und bei verschiedenen globalisierungskritischen Verbänden, und schließlich beschloss er, seinen eigenen Verein aufzumachen. PowerShift.

Fuchs organisiert Demonstrationen, schreibt kritische Studien zur Politik der EU, versucht mit Bundestagsabgeordneten ins Gespräch zu kommen, er nennt das: "den Diskurs mitbestimmen". Manchmal verteilt er auch nur ein paar Flugblätter, so wie an diesem Morgen.

Als vor dem Europäischen Haus kein weiterer Besucher mehr auftaucht, läuft Fuchs in den ersten Stock, die Veranstaltung hat schon begonnen.

Er betritt den Konferenzsaal, die Leiterin der EU-Vertretung in Berlin spricht gerade von 120 Milliarden Euro Wohlstandsgewinn, den das Handelsabkommen mit den USA den europäischen Ländern in diesen harten Zeiten der Wirtschaftskrise bringen werde. Der EU-Chefunterhändler, ein Spanier, weist darauf hin, dass dies das bedeutendste Handelsabkommen in der Geschichte Europas sei. Ein Staatssekretär aus dem Bundeswirtschaftsministerium sagt, er halte die Sorgen im Zusammenhang mit dem Investitionsschutzabkommen für völlig unbegründet.

Fuchs kichert.

Ginge es nach Peter Fuchs, würde die EU die Verhandlungen mit den USA platzen lassen. Fuchs ist gegen die Investitionsschutzverträge. Egal, was in den vergangenen Jahren in der europäischen Wirtschaftspolitik passiert ist, Fuchs war meistens dagegen. Bevor er PowerShift gründete, war er anderthalb Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter der Linksfraktion im Bundestag.

Peter Fuchs stand immer ziemlich weit außen im politischen Spektrum. Er hat seine Meinungen nicht geändert. Jetzt, beim Streit um den Investitionsschutz, findet er sich eher in der Mitte wieder.

Man erkennt das daran, dass außer bei CDU und CSU bei allen im Bundestag vertretenen Parteien die Zweifel am Investitionsschutzabkommen wachsen.

Man erkennt es auch bei einem Blick auf die Internetplattform Campact. Dort können Bürger online politische Petitionen unterzeichnen. Es geht zum Beispiel um die Energiewende, um Nahrungsmittelspekulation und um Asyl für Edward Snowden. Die Petition gegen das Freihandelsabkommen haben schon 400.000 Menschen unterzeichnet. Es ist die erfolgreichste Kampagne in der zehnjährigen Geschichte der Plattform.

Und man erkennt es an diesem Morgen im Europäischen Haus, als sich Besucher mit Fragen zu Wort melden, die eigentlich Meinungsäußerungen sind. Ein Mann, der sich als Mitglied der Freien Wähler Berlin vorstellt, erntet lauten Applaus, als er sagt, dass ihm schlicht nicht einleuchte, was der gewöhnliche Bürger von solchen Abkommen habe, wofür man sie eigentlich brauche.

Es sind Gedanken, die auch Christian Maaß vor bald fünf Jahren durch den Kopf gingen, als er erfuhr, die Bundesrepublik sei zum ersten Mal vor dem ICSID verklagt worden. Maaß, 41, war damals Politiker der Grünen in Hamburg. Seine Partei war nach der Bürgerschaftswahl eine Koalition mit der CDU eingegangen, und Maaß war zum Umweltstaatsrat aufgestiegen. Er war jetzt zuständig für ein riesiges neues Bauwerk, das gerade am Südufer der Elbe emporwuchs, das Kohlekraftwerk Hamburg-Moorburg – betrieben vom Energiekonzern Vattenfall.

Bis zu 12.000 Tonnen Steinkohle sollten hier einmal täglich verbrannt und in Strom verwandelt werden. Vattenfall wollte die Anlage mit Wasser aus der Elbe kühlen. Weil das aber das Ökosystem des Flusses durcheinanderbringen würde, genehmigte die Stadt Hamburg den Betrieb des Kraftwerks nur unter harten Auflagen.

Vattenfall antwortete mit der ICSID-Klage. Die Schadensersatzforderung an den deutschen Staat, also den Steuerzahler, belief sich auf 1,4 Milliarden Euro.

Die Argumentation des schwedischen Konzerns und seiner Anwälte: Durch die Umweltauflagen sei die Rentabilität des Kraftwerks gesunken, die Investition habe an Wert verloren.

Als Maaß das hörte, konnte er nur ungläubig den Kopf schütteln. Er ist selbst Jurist, Fachmann für Umweltrecht, aber von diesem seltsamen Schiedsgericht in Washington hatte er noch nie gehört.

Das Verfahren endete mit einem Vergleich: Vattenfall verzichtete auf seine Schadensersatzforderung. Dafür lockerte die Umweltbehörde die Auflagen.

Nicht unentschieden, sondern mit einem Sieg des Klägers endete vor anderthalb Jahren der ICSID-Case ARB/09/2, Deutsche Bank gegen Sri Lanka. Die Bank war dort ein komplexes Finanzgeschäft mit einer staatlichen Firma eingegangen, es ging um Ölpreise. Als die Firma ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkam, verklagte die Bank die Regierung von Sri Lanka. Das Schiedsgericht sprach ihr 60 Millionen Dollar zu. Über das Urteil des ICSID freute sich die Finanzwelt. Sie reicht seitdem häufiger Klagen ein.

Was kann sich ein Land noch erlauben, ohne verklagt zu werden?

Ebenfalls auf die Seite des Klägers schlug sich im Herbst 2012 das Schiedsgericht im ICSID-Case ARB 06/11, der amerikanische Ölmulti Oxy gegen Ecuador. Die Regierung des Landes hatte Oxy bereits erteilte Bohrgenehmigungen gestrichen – das Unternehmen hatte die Lizenzen vertragswidrig weiterverkauft. Wegen des Verstoßes gegen die "faire und gleiche Behandlung" ausländischer Firmen sprach das Gericht dem Konzern 1,77 Milliarden Dollar zu. Das bis heute teuerste Urteil eines Schiedsgerichts.

Mit einem Vergleich endete vor dreieinhalb Jahren ICSID-Case ARB 07/1: Um die Folgen der Apartheid zu überwinden, hatte die Regierung Südafrikas verfügt, dass beispielsweise Minenkonzerne einen Teil ihrer Aktien an schwarze Investoren verkaufen mussten. Italienische und luxemburgische Unternehmen verklagten das Land. Das Ergebnis: Südafrika musste keinen Schadensersatz zahlen, aber das Gesetz entschärfen.

Die Frage ist, was sich ein Land noch erlauben kann, ohne verklagt zu werden.

Wenig! Diese Antwort haben die Regierungen von Australien, Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ecuador, Indien, Südafrika und Venezuela gegeben. Sie haben Investitionsschutzverträge aufgekündigt oder gar nicht erst unterschrieben oder zumindest bekannt gegeben, keine weiteren Abkommen zu unterzeichnen.

Inzwischen hat auch die EU-Kommission erkannt, dass eine geheime Sonderjustiz für ausländische Unternehmen den Bürgern Europas schwer zu vermitteln ist. Weil der Protest rasant wächst, hat sie die Verhandlungen mit den USA über den Investitionsschutz für drei Monate ausgesetzt.

Man habe von Anfang an geplant, den Bedenken Rechnung zu tragen, sagt der Chefunterhändler der EU bei der Veranstaltung im Europäischen Haus. Es sei immer das Ziel gewesen, eine neue, reformierte Art von Investitionsschutzvertrag abzuschließen.

Das allerdings ist nicht ganz richtig. Die EU-Kommission weigert sich zwar, ihre Vertragsentwürfe zu veröffentlichen. Doch der ZEIT liegt eine Textfassung vor, mit der die Kommission in die Verhandlungen gegangen ist, in der also ihre ursprünglichen Wünsche stehen. Dort verlangt beispielsweise Artikel 12, Absatz 1 eine "faire und gerechte Behandlung" ausländischer Unternehmen. Das klingt undramatisch, war aber bei anderen Investitionsschutzabkommen die Grundlage vieler ICSID-Klagen – etwa gegen Umweltauflagen.

Ähnliches gilt für ein weiteres Abkommen, das die EU mit Kanada eingehen will. Die Verhandlungen stehen kurz vor dem Abschluss. Auch hier liegen die bisher unveröffentlichten Vertragsentwürfe der ZEIT vor. Riesige Reformen sind nicht zu erkennen. Klagen Unternehmen gegen die EU oder gegen Deutschland, soll die Öffentlichkeit weiterhin ausgeschlossen werden können. Über eine mögliche Berufungsinstanz, die heute noch fehlt, soll erst in Zukunft geredet werden.

Jeden Morgen, wenn Klaus Sachs in sein Büro geht, kommt er an einem Betonklotz vorbei, der vor dreißig Jahren als moderne Architektur galt. Es ist das Münchner Justizzentrum. Hier finden der NSU-Prozess und jeden Tag Dutzende weitere Gerichtsverhandlungen statt. Mit wenigen Ausnahmen werden sie alle öffentlich geführt.

Auch Klaus Sachs, 62, ist Anwalt, einer von rund 160.000 in Deutschland. Was ihn von fast allen Kollegen unterscheidet, ist die Tatsache, dass sein Name auf einer Liste steht, die das Bundeswirtschaftsministerium im vergangenen Herbst veröffentlicht hat: die Liste der offiziellen deutschen ICSID-Schiedsrichter. Sie enthält nur acht Namen.

Sachs hat in neun Schiedsverfahren Recht gesprochen. Mal ging es um die Klage eines französischen Medienkonzerns gegen Polen, mal um den Streit zwischen einem amerikanischen Energieunternehmen und Kasachstan.

Bevor es Schiedsgerichte gab, hätten Enteignungen und Investitionsstreitigkeiten nicht selten zu internationalen Krisen geführt, sagt Sachs, das dürfe man nicht vergessen. Tatsächlich beschossen europäische Kriegsschiffe im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach afrikanische und lateinamerikanische Häfen, um Geldforderungen von Kaufleuten durchzusetzen. Verglichen damit ist es ein großer Fortschritt, dass Streitigkeiten zwischen Unternehmen und Regierungen heute vor Schiedsgerichten ausgetragen werden. Auch ist es unstrittig, dass es nach wie vor Dutzende Länder auf der Welt gibt, deren Rechtsprechung man nicht gerade als unabhängig bezeichnen kann.

Sachs ist Teil des ICSID-Systems, aber er ist keiner, der es stur verteidigt. Er hat einen Lehrauftrag an der Uni München, unter seinen Studenten hat er eine Studie der industriekritischen Organisation Corporate Europe Observatory über Schiedsgerichte verteilt, sie heißt: Profiting from Injustice, "Wie man von Ungerechtigkeit profitiert". Sachs ließ seine Studenten eine Seminararbeit schreiben, die Frage lautete: "Warum wird die Investitionsschiedsgerichtsbarkeit kritisiert?"

Sachs sagt, es sei einerseits schon erstaunlich, dass souveräne Staaten sich darauf eingelassen haben, Privatleute, die Schiedsrichter, über ihre Gesetze und Entscheidungen urteilen zu lassen. Andererseits müsse man betonen, dass sich die allermeisten dieser Privatleute ihrer Verantwortung sehr bewusst seien.

Sachs wägt ab, relativiert. So, als wolle er auch über seine Arbeit ein möglichst gerechtes Urteil fällen.

In einem Punkt allerdings ist er sehr entschieden. Er sagt: "Mehr Transparenz wäre tatsächlich angebracht." Gerichtsurteile, die wie von Geisterhand getroffen werden – das sei nicht mehr zeitgemäß.

Es ist eine Meinung, mit der Sachs längst nicht mehr alleinsteht. Auch der französische Jurist Emmanuel Gaillard, einer der weltweit meistbeschäftigten Schiedsrichter, sagt gegenüber der ZEIT: "Die Verhandlungen sollten öffentlich stattfinden."

Transparente Verfahren, eine Berufungsinstanz, womöglich Klauseln zum Schutz von Umwelt- und Gesundheitsinteressen: Selbst Selvyn Seidel, der New Yorker Finanzier von Unternehmensklagen, tritt jetzt für Reformen der Schiedsgerichte ein. Das Geschäft soll ja weiterlaufen.

"Wissen Sie, was Junkbonds sind?", fragt Seidel auf einmal an dem Abend im Fischrestaurant. Das deutsche Wort ist Ramschanleihen. "Es ist ein verwirrender Name für Wertpapiere, die zwar ein großes Risiko beinhalten, aber auch die Chance auf einen sehr großen Gewinn."

Seidel hat eine neue Idee, wie sich noch mehr Verfahren finanzieren lassen: Er will die Schadensersatzklagen in Wertpapiere verwandeln und auf die Finanzmärkte bringen. Banken, Versicherungen, Investmentfonds, aber auch wohlhabende Privatleute könnten sie erwerben wie Aktien und auf erfolgreiche Klagen spekulieren.

Das Verfahren gegen den Atomausstieg würde damit zu einer interessanten Geldanlage.