Der Tabakkonzern Philip Morris klagt gegen Australien auf Zahlung einer noch nicht exakt bezifferten Summe von mehreren Milliarden Dollar. Die australische Regierung hatte angeordnet, dass Zigaretten nur noch in neutralen Packungen ohne Markenlogo verkauft werden dürfen.

Der Bergbaukonzern Lone Pine klagt gegen Kanada wegen des Fracking-Moratoriums in Quebec auf Schadensersatz in Höhe von 250 Millionen Dollar. Zwar ist Lone Pine ein kanadisches Unternehmen, und das Schiedsgericht steht nur ausländischen Investoren offen. Aber Lone Pine hat die Klage über seine amerikanische Niederlassung eingereicht.

"Da gibt es Leute, die machen viel Geld damit, dass sie Länder verklagen, die die Umwelt oder ihre Bürger schützen wollen", sagt der Schweizer Schiedsgerichtsanwalt Nicolas Ulmer selbstkritisch über die eigene Branche.

Mittlerweile haben auch deutsche Kanzleien das lukrative Feld der Schiedsgerichtsbarkeit entdeckt. Angeregt von der Euro-Krise, schickte zum Beispiel die in Köln ansässige Luther Rechtsanwaltsgesellschaft im Sommer 2011 ihren Kunden eine neue Ausgabe ihres Newsletters. Darin macht die Kanzlei darauf aufmerksam, dass sich auch ein drohender Staatsbankrott in Geld verwandeln lasse. Europas Regierungen diskutierten damals ein Umschuldungsprogramm als letzte Rettung für das ruinierte Griechenland. Ausländische Banken und Versicherungen, die griechische Staatsanleihen besitzen, sollten demnach auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, um den Griechen etwas mehr finanziellen Spielraum zu geben.

Luther schrieb an seine Kunden, Investoren müssten dies nicht hinnehmen, sie könnten Schadensersatz verlangen. Und weiter: "Unsere Kanzlei kann Ihnen bei diesen komplizierten Fragen mit einem Team qualifizierter Anwälte im Bereich der internationalen Prozessführung sowie im Bereich des Wertpapierrechts mit Rat und Tat zur Seite stehen." Einer der Autoren des Textes war der Anwalt Richard Happ.

Knapp ein Jahr später, Anfang Juni 2012, tauchte sein Name in einem juristischen Nachrichtenportal im Internet in einem anderen Zusammenhang auf. Happ ist der Anwalt, der für Vattenfall die ICSID-Klage gegen die Bundesrepublik führt.

In diesem Konflikt zwischen einer Regierung, die Gesetze machen will, und einem Unternehmen, das Geschäfte machen will, müsste Richard Happ ein guter Gesprächspartner sein.

Happ wurde 1971 geboren, er ist Spezialist für Investitionsstreitverfahren und hat unter anderem Unternehmen bei Klagen gegen Albanien und die Ukraine vertreten. Er hat außerdem den Text einer Broschüre der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing verfasst. Unter dem Titel "Hilfe, ich werde enteignet!" beschreibt er darin verschiedene Situationen, in denen Unternehmen gute Aussichten auf eine erfolgreiche Klage haben: Eine ausländische Regierung könne etwa "durch Absenkung staatlich regulierter Tarife, z. B. im Strom-, Gas- oder Telekommunikationssektor oder bei Mautstraßen, die auf einen konstanten Cash Flow ausgerichtete Finanzierung eines Projekts zerstören". Happ fallen noch andere Vorgehensweisen ein, mit denen eine Regierung den Anlass für eine Klage liefert: "Der Staat kann z. B. neue Steuern einführen, die eine Fortführung des Geschäfts wirtschaftlich sinnlos machen, kann Umweltgesetze einführen, durch die die bisher gefertigten Produkte verboten werden."

Dass Anwälte sich nicht zu laufenden Verfahren äußern, kommt vor. Happ aber war auch zu einem grundsätzlichen Gespräch mit der ZEIT über die Charakteristika von Schiedsverfahren nicht bereit.

Frankfurt am Main, Feldbergstraße 35. Zwischen den Türmen der Banken und dem Palmengarten hat Happs Gegenspielerin im Vattenfall-Verfahren ihr Büro. Sabine Konrad empfängt in einem Raum mit weißen Wänden, weißen Tischen. Auf einer dickwandigen Wasserflasche steht: McDermott Will & Emery.

Es ist der Name einer weiteren dieser Großkanzleien, die wie Konzerne agieren. Rund tausend Anwälte sind rund um den Globus für McDermott Will & Emery im Einsatz, zu ihnen gehört Sabine Konrad.

Als abzusehen war, dass Vattenfall vor dem ICSID klagen würde, hat die Bundesregierung im Wirtschaftsministerium eigens die "Geschäftsstelle Schiedsverfahren 13. Atomgesetznovelle" eingerichtet. Vier Mitarbeiter sind seitdem mit dem Fall betraut, als Anwältin haben sie Sabine Konrad, 40, engagiert. Sie zählt zu den Jungstars der Schiedsgerichtsszene.

Im Bundeshaushalt 2014 sind für das ICSID-Verfahren gegen Vattenfall 2,2 Millionen Euro eingeplant, der Großteil davon sind Anwaltskosten.

Eine Stunde lang spricht Sabine Konrad mit der ZEIT. Sie hat in Schiedsgerichtsverfahren auch schon die Unternehmensseite vertreten. Mal spricht sie für den Kläger, mal für den Beklagten, je nachdem, wer sie engagiert. Zitieren aber darf man nicht aus dem Gespräch beim stillen Wasser.

Wenn es um Investitionsstreitigkeiten geht, finden manchmal nicht nur die Gerichtsverhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Allerdings hat auch Sabine Konrad einige Texte veröffentlicht. Im Oktober 2011 zum Beispiel schrieb sie in einem Kundenbrief ihrer damaligen Kanzlei: "Schiedsverfahren sind eine einzigartige und effektive Alternative, um Schadensersatz zu bekommen."

Man muss an dieser Stelle betonen, dass nichts dagegen einzuwenden ist, wenn Unternehmen gegen Staaten vor Gericht ziehen. Die Frage ist nur, warum manche von ihnen die nationalen Gerichte eines demokratischen, wenig korrupten Landes umgehen dürfen, andere aber nicht.

Auch die deutschen Energiekonzerne RWE und E.on haben wegen des Atomausstiegs eine Klage eingereicht. Während sie jedoch auf eine öffentliche Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht angewiesen sind, darf Vattenfall als ausländischer Investor das geheim tagende Schiedsgericht anrufen.

Während die Verfassungsrichter ihr Urteil auf Basis der in Deutschland geltenden Gesetze fällen müssen, entscheiden die Schiedsrichter nur nach grob definierten Kriterien, ob die Bundesregierung sich unrechtmäßig verhalten hat.

Während die einen Unternehmen also auf die jeweilige staatliche Rechtsprechung vertrauen müssen, gilt für die anderen eine Art Privatjustiz.

Das deutsche Verfassungsgericht urteilt "im Namen des Volkes", aber in welchem Namen urteilen die Schiedsgerichte? Warum erhalten Investoren dieses Privileg der gesonderten Rechtsprechung? Warum nicht auch Umweltschützer oder Menschenrechtler?

Weil die Investoren dringend benötigtes Kapital ins Land bringen und neuen Wohlstand generieren. Deshalb genießen sie ein Sonderrecht. Das ist die Meinung, wie sie aus der Broschüre spricht, die der Vattenfall-Anwalt Richard Happ verfasst hat.