Wer die Zukunft sehen will, muss sich nur umschauen auf den Straßen von San Francisco. Oder im Starbucks an der Ecke. In den Hörsälen von Stanford und Berkeley. In den lichtdurchfluteten Büros von Google und Facebook. Überall sieht man der Zukunft Kaliforniens ins Gesicht. Und dieses Gesicht ist nicht mehr nur weiß oder schwarz oder braun gebrannt vom Surfen, sondern mehr und mehr so, wie der Schriftsteller Wesley Yang sich selbst beschreibt: "Pechschwarzes Haar. Schräge Augen. Das Gesicht flach wie ein Pfannkuchen, gelbgrün getönte Haut. Die Miene fast reptilienhaft in ihrer Unbeweglichkeit."

Wie asiatisch ist San Francisco?, fragte unlängst ein Stadtmagazin, und die Antwort ist kurz: sehr asiatisch.

Der Bürgermeister der Stadt, Edwin Lee, ein liberaler Demokrat, hat chinesische Vorfahren, spricht fließend Mandarin und Kantonesisch. Der Büroleiter der New York Times in San Francisco, Norimitsu Onishi, wurde in Japan geboren und ist in Kanada aufgewachsen. Der hippste Koch der Stadt, Charles Phan, betreibt eine Kette von vietnamesischen Restaurants, in denen kaum je ein Platz zu bekommen ist.

Bereits heute haben fast vierzig Prozent der Bürger von San Francisco einen asiatischen Hintergrund. Manche leben seit Generationen hier, aber viele sind gerade erst angekommen. Und in ein paar Jahren werden sie in der Mehrheit sein: San Francisco wird voraussichtlich die erste Großstadt in Nordamerika mit einer überwiegend asiatischstämmigen Bevölkerung.

Die Vereinigten Staaten erleben derzeit die größte Zuwanderungswelle ihrer Geschichte, und von nirgendwoher kommen so viele Menschen nach Amerika wie aus Asien. Menschen aus Indien, Pakistan, Vietnam, den Philippinen, aus Korea, Taiwan und Kambodscha. Aus Samoa und Nepal. Viele haben einen College-Abschluss. Sie drängen in die Hightechindustrie, an die Universitäten, in die Politik. Und sie werden die USA verändern, in jeder erdenklichen Weise, politisch, ökonomisch, kulturell, bis in die feinsten Verästelungen der Gesellschaft.

Einer dieser Zuwanderer ist Jingjing Duan. Er hat in Boston studiert, hat dort seine Frau kennengelernt, eine Chinesin aus Shanghai, die beiden haben eine zweijährige Tochter, sie ist in Amerika geboren. Mittlerweile ist er Softwareingenieur beim Kurznachrichtendienst Twitter in San Francisco. Wir treffen uns im neunten Stock der Firmenzentrale, in der riesigen Kantine. Rund um die Uhr gibt es hier Sushi und Salat und Kurzgebratenes, Nudeln, vegetarische Menüs, Kaffee, Softdrinks. Kostenlos für die Mitarbeiter und ihre Gäste. Wir laden uns die Tabletts voll und gehen hinaus auf die Dachterrasse, in die Sonne.

Jingjing hat ein rundes, offenes Gesicht, schwarze Stoppelhaare, eine schmale Metallbrille. Er ist erst ein paar Wochen in San Francisco. Vorher hat er in Seattle gearbeitet, bei Amazon und bei Hulu, einem Videoportal.

Und, wie gefällt ihm die Stadt?

Großartig, viel besser als Seattle.

Warum?

Jingjing lacht und zeigt mit der Hand in den Himmel. "Erstens ist hier das Wetter viel besser, in Seattle regnet es ständig."