Die Nachricht von vergifteten italienischen Lebensmitteln ist nun auch in Deutschland angekommen. Ich wünsche mir, dass meine deutschen Leser die gefährliche Dynamik dieser Geschichte verstehen. Sie sollen begreifen, was sie tatsächlich zu fürchten haben, und gemeinsam mit uns auf die Barrikaden gehen.

Es ist die Geschichte des dramatischsten Selbstmordes, den je ein mediterranes Land begangen hat. Es ist die Geschichte von der umfassenden Vernichtung der kampanischen Obst- und Gemüseproduktion zugunsten der illegalen Abfallwirtschaft.

"Vergiftung" lautete das Thema, das plötzlich für ein paar Tage in sämtlichen italienischen Medien auftauchte. Endlich war eine nationale Debatte in Gang gekommen, die längst überfällig war. Man sah das Banner mit dem Wort "Biocidio" – Biozid. Empörung, Angst und vielstimmige Besserungsgelöbnisse waren die Reaktionen. Jetzt reden alle von der terra dei fuochi, dem Land der Feuer, doch die wenigsten wissen, was es damit auf sich hat.

Seit Jahren versuche ich, auf die Tragödie aufmerksam zu machen. Wer in der Region um Neapel offenen Auges auf den Staatsstraßen zwischen Nola und Villa Literno oder Lago Patria und Acerra unterwegs ist, kann sehen, was gemeint ist: Überall qualmt die Erde. Sobald man das Fenster öffnet, steigt einem beißender Gestank in die Nase, der in der Kehle brennt und einen bitteren Geschmack hinterlässt. Unmöglich, sich daran zu gewöhnen.

Wie konnte es dazu kommen? Wie war es möglich, derartige Unmengen an Giftmüll zu verscharren, dass sich der Boden kaum mehr davon befreien lässt? Da ist zunächst der "legale" Weg. Seit dreißig Jahren beauftragen diverse Unternehmen Norditaliens scheinbar legale Spezialfirmen, ihren Sondermüll zu Dumpingpreisen zu entsorgen. Vor allem in der momentanen Wirtschaftslage kann das die Rettung vor der Pleite bedeuten. 2004 ist es italienischen Stakeholdern durch Vermittlung zwischen Industrie und Entsorgerfirmen gelungen, achthundert Tonnen kohlenwasserstoffverseuchten Boden eines Chemieunternehmens zu einem Preis von 25 Cent pro Kilo loszuwerden, Transport inklusive. Das liegt 80 Prozent unter dem üblichen Preis. Auf diese Weise sein Abfallproblem zu lösen ist zwar schändlich, aber weil die Entsorgerfirmen legale Papiere ausstellen, ist es erlaubt.

Dann ist da das schmutzige Spiel mit falschen Papieren, die belegen, dass der Vorgang völlig rechtens ist. Das ist der zweite Schritt, und der erfolgt bei der Lagerung: Die Sonderabfälle werden mit normalem Müll gemischt, bis die toxische Konzentration auf ein mit den Vorgaben des Europäischen Abfallartenkatalogs EAK zu vereinbarendes Level gesunken ist.

Und dann gibt es den kriminellen Weg: Müllentsorgung durch Verbrennung. Reifen, Bekleidung, jegliche Sorten Plastik, ummantelte Kupferkabel, alle Arten von normalem Müll und Sondermüll werden einfach verbrannt. Das ist der irrwitzige Shortcut, um saftige Entsorgungskosten zu umgehen. Man verbrennt, um die Abfallmenge zu reduzieren, und stampft die Asche in den Boden. Die dazu missbrauchten Gelände gelten als Freiflächen, die man füllen und mit denen man absahnen kann.

Ist man im Umland von Neapel und Caserta unterwegs, stößt man alle Nase lang auf restlos zugemüllte Rastplätze. Man denkt, dass Kampanien von Barbaren bevölkert ist, die ihren Müll, statt ihn zu trennen, in den hauseigenen Müllcontainer werfen, diesen ins Auto wuchten und auf der Straße entleeren. Doch dem ist nicht so. Diese Rastplätze sind Freiraum, Flächen, die man verseuchen kann. Hier geht es nicht um Barbarei, sondern um Kriminalität, besser gesagt, um die organisierte Form von Profitmacherei.