Flughafen Ben Gurion, Tel Aviv, März 2011. Der Komponist Mark Andre wird aus der Warteschlange gewinkt und nach dem Grund seines Aufenthalts befragt: die alltägliche Sicherheitsroutine in einem Land wie Israel. "Wir haben Aufnahmen gemacht", antwortet er wahrheitsgemäß. "Fotos also? Oder Filme?", will der Beamte wissen. "Akustische Fotos, wir haben Klangspuren gesammelt", korrigiert Andre und fügt hinzu: "Es geht um die Erscheinungsformen des Heiligen Geistes." Israelische Sicherheitsbeamte sind einiges gewohnt, der schmale Mann aber mit seiner aufrichtigen Höflichkeit und dem ernsten, stets ein wenig sorgenvollen Blick spricht ganz klar und passt nicht ins Bild der üblichen Zumutungen. Weitere Kollegen werden hinzugerufen, um Andres Ausführungen über live-elektronische Faltungen und die Metaphysik des Verschwindens auf ein Gefahrenpotenzial hin abzuklopfen. Erst ein Blick auf die Homepage der Edition Peters bestätigt die Identität des Komponisten, der dann in letzter Minute seinen Flug doch noch erreicht.

Die szenische Probe zu Andres Oper wunderzaichen, die am Sonntag an der Staatsoper Stuttgart uraufgeführt wird, erlebt man nach dieser Erzählung als Déjà-vu. Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat die Flughafenhalle mit ihren Passkontrollhäuschen fast originalgetreu nachgebaut. Allerdings hängt der Raum jetzt in der Luft, eine Etage tiefer wird das Gemäuer der Grabeskirche in Jerusalem sichtbar. Dort verhört gerade ein Grenzpolizist den Protagonisten Johannes, der einreisen möchte, aber seine Identität nicht belegen kann. Der Grund dafür ist, dass ein fremdes, transplantiertes Herz in seiner Brust schlägt – eine Idee, die Andre und sein Co-Librettist Patrick Hahn dem Essay Der Eindringling des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy entnommen haben. Zugleich aber steckt in dem Israeltouristen Johannes (wie Moses in Schönbergs Opernfragment Moses und Aroneine Sprechrolle) die Identität des 1455 geborenen Humanisten, Hebraisten und christlichen Kabbala-Forschers Johannes Reuchlin, von dessen fiktiver Reise ins Heilige Land die Oper handelt. Im ersten Bild wird Johannes von der Grenzbeamtin gefragt, ob es sich bei seinem Reisevorhaben um ein metaphysisches Abenteuer oder um eine technische Angelegenheit handele. Die Antwort könnte auch als Erklärung für Andres Ästhetik taugen: "Beides", sagt er, "das eine und das andere, das eine im anderen."

Mark Andre schreibt aus tiefreligiösem Antrieb heraus eine vollständig säkularisierte Musik. Der bekennende Protestant stellt den Glauben ins Zentrum seines Schaffens. Das Ergebnis hat weder etwas von einer musikalischen Bebilderung religiöser Gehalte, noch lässt es sich als postparsifaleske Kunstreligion abtun. Es geht vielmehr um den genuin musikalischen Vollzug eines Gedankens, den Andre für sich mit allen Facetten der Christologie deutet, der aber auch rein ästhetisch absolut elektrisierend wirkt. Immerhin war es die Kunst, die, nach der Aufhebung des Transzendenzmonopols der Kirche, deren Erbe antrat. Oder um mit Claude Lévi-Strauss zu sprechen: "Wenn die Religion stirbt, dann hört die Kunst auf, einfach nur schön zu sein, und wird selber heilig."

In diesem Sinn richtet Andre ein Arsenal feinster kompositionstechnischer Lupen auf die Grenzbereiche des Erfahrbaren: auf Prozesse des Übersteigens, Erahnens, Verschwindens. Seine Musik unternimmt den Versuch, das Metaphysische hier und jetzt, in Echtzeit und ganz physisch vor unsere Ohren zu stellen. Andre verkündet keine frohen Botschaften, sondern sieht seine Aufgabe in der radikal gedankenstrengen Erforschung der letzten Dinge mit musikalischen Mitteln. Ein Drahtseilakt – endlich!, möchte man ausrufen. Denn wann begegnet man im Elfenbeinturm der Neuen Musik schon einmal jemandem, dessen Musik etwas zu sagen hat, ohne in platte Inhaltsästhetik zu verfallen? Und bei dem sich, umgekehrt, der Einsatz technisch höchst avancierter Mittel nicht bloß als leerlaufende Spielastik entpuppt?

So liebevoll besessen wie der 1964 in Paris geborene Mark Andre verfolgt kaum ein Komponist heute das Wahrhaftigkeitsideal einer Kongruenz von musikalischem Material und ästhetischem Gehalt. Studiert hat er in Paris bei Claude Ballif und Gérard Grisey, entscheidende Impulse erhielt er außerdem von Helmut Lachenmann in Stuttgart: Klänge in ihrer Fragilität und Begrenzung begannen ihn zu interessieren, das Ausreizen geräuschhafter Extreme, am renommierten Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWR erlernte er dafür das elektronische Handwerkszeug und entwickelte es weiter.

Für wunderzaichen ist Andre mit seinem Toningenieur Joachim Haas nach Israel gereist, um jahrtausendealten Denkmälern wie der Grabeskirche, der Klagemauer oder der alten Synagoge in Kapernaum am See Genezareth akustische "Spuren" des Heiligen abzulauschen, das sich einmal in oder vor ihnen zugetragen haben mag – technisch gesprochen also: um "Klangfotografien" dieser Orte anzufertigen. Damit sind nicht etwa tönende Schnappschüsse gemeint, die in die Komposition eingeklebt würden wie in ein Album, sondern Aufnahmen, die am Ende die Grundlage für ein komplexes live-elektronisches Verfahren namens "Faltung" bilden. Dazu wird der Raum mit Mikrofonen bestückt und durch einen akustischen Impuls zu einer "Antwort" provoziert, die man aufzeichnet. Diese Aufzeichnung hält also nichts anderes fest als die spezifische Beschaffenheit der Resonanzverhältnisse des jeweiligen Raumes. Was nun genau während des computergesteuerten Prozesses der "Faltung" eines (Live-)Klanges passiert, ist für Nicht-Akustiker kaum nachvollziehbar. Entscheidend ist, dass der live gespielte Ton dabei mit einer Resonanz oder "Antwort" versehen wird, die von einem anderen akustisch erzeugten Impuls herrührt. Die "Faltung" des Klanges ist diesem, bildlich gesprochen, genauso wesensfremd wie dem Israeltouristen Johannes die Identität Reuchlins.