Kathmandu, das klingt nach Morgenröte und schneeweißen Gipfeln, nach Selbstfindung bei Sonnenaufgang, nach Cat Stevens in Schlaghosen, der mit einem Haufen kiffender Blumenkinder am Feuer sitzt und an seiner Gitarre zupft, We’ll start a fire, white warm light the dawn, und dann die Hippies im Refrain: Kathmandu, I’ll soon be seein’ you .

Von wegen. Vierzig Jahre nachdem die Regierung von Nepal Cannabis verboten und die Hippies vergrault hat, klingt Kathmandu vor allem nach dem Hupen, das von früh bis spät durch die schmalen Häuserschluchten dröhnt. Unentwegt zwängt sich der Verkehr durch die Gassen – Busse, Taxis, Rikschas, Fahrräder und Tausende Motorräder, im Slalom schlängeln sie sich an Passanten mit Atemmasken oder Reizhusten vorbei. In den kurzen Momenten, in denen sich die Abgase verziehen, steigt ein Gemisch aus Räucherstäbchen, Masala und Kloake in die Nase, je nach Straßenecke variiert mit Fisch, Ziege oder Wildschwein, grob zerteilt und ungekühlt. Vom Himalaya ist durch die blauen Schwaden nichts zu sehen, die Sonne ist kaum mehr als ein Glimmen. Statt sich selbst zu finden, verliert man sich in einem Labyrinth namenloser Gassen; statt Erleuchtung gibt es täglich zwölf Stunden Stromausfall.

Kathmandu, behaupten manche, habe seinen Zauber verloren. Einst Sehnsuchtsort voller Poesie, ist die Hauptstadt von Nepal für viele nur noch ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Himalaya. Kaum ein Tourist bleibt länger als zwei oder drei Tage. Doch einige bleiben hängen, und mancher kommt nie mehr zurück.

"Du wirst keinen Nepalesen finden, der sich über den Verkehr aufregt", sagt Tashi, ein kleiner, sanfter Mann mit Surfermütze und grau meliertem Oberlippenbart. Das Gehupe, sagt er, sei kein Ausdruck des Unmuts, sondern ein Gruß, eine freundliche Bitte um Aufmerksamkeit: Tut, tut, hallo, ich bin hier! Tut, tut, ich komme! Lärm? Gestank? Stress? Alles eine Frage des Geistes, sagt Tashi. "Was draußen ist, muss nicht dasselbe sein wie das, was drinnen ist."

Tashis Großvater war der Lama der Dorfgemeinde, seine Kindheit wurde geprägt von der Lehre des Siddhartha Gautama, der im Kathmandutal genauso verehrt wird wie die achtarmigen und elefantenköpfigen Götter der Hindus. Das stille Lächeln, die sanfte Stimme, die weisen Sätze: Tashi, 37 Jahre alt, hat die Aura eines Mönchs. Doch er ist Tourismusunternehmer.

Tashi gehört die Herberge Alobar1000. © Navesh Chitrakar

Sein Hostel, das Alobar1000, hat es seit der Eröffnung vor eineinhalb Jahren an die Spitze der Buchungsportale geschafft: eine Backpackerunterkunft nach westlichem Vorbild, jung, bunt, billig. Wem Schnarchen, Fußgeruch und Menschenansammlungen nichts ausmachen, der bekommt für drei Euro einen Platz im Zehnbettzimmer. Und – Topargument in Kathmandus Hotelkonkurrenz – rund um die Uhr warmes Wasser.

Tashis zweites Unternehmen, das Reisebüro Dal Bhat Power Adventures, hat seinen Sitz gleich nebenan. Im Raum hinter der Hostelrezeption hängen Panoramafotos von schneeweißen Bergketten: der markante pyramidenförmige Gipfel des Annapurna, 8091 Meter; der zerklüftete Kamm des Lhotse, 8516 Meter; und daneben, halb verdeckt, der dunkle, unscheinbare Mount Everest, 8848 Meter, höchster Berg der Erde. Auf einem Poster stürzt sich eine junge Frau an einem Gummiband in die Schlucht; auf einem anderen rauscht ein Schlauchboot einen tosenden Fluss hinab. Broschüren zeigen Menschen, die an Drachen übers Hochgebirge fliegen, sich an Tiger heranpirschen oder auf Elefanten durchs Wasser reiten.

"Nepal ist der größte Abenteuerspielplatz der Welt", sagt Tashi. Zwischen den Achttausendern im Norden, an der Grenze zu China, und den Dschungelparks im Süden, an der Grenze zu Indien, gebe es alles, was sich die Besucher nur wünschten. Es ist kein ungefährlicher Spielplatz, doch die Nepalesen passen gut auf ihre Gäste auf. Es liege in ihrem Wesen, für andere zu sorgen, sagt Tashi. 15 Jahre lang hat er in Los Angeles gelebt, als Wirtschaftsstudent und Importunternehmer. Die Amerikaner seien vor allem auf ihren Vorteil bedacht, sagt er. Die Nepalesen könnten das gar nicht. Nicht weil sie bessere Menschen seien: Sie lebten einfach so sehr im Jetzt, dass es ihnen schwerfalle, vorauszuplanen.

Hat man gelernt, das Hupen nicht in seinen Geist zu lassen und nicht jedem Motorrad aus dem Weg zu springen, beginnt man, die Schönheit im Chaos zu entdecken. In den Rikschas, die so viele Teppichrollen geladen haben, dass sie in den Gassen stecken bleiben. In den Frauen, die Palmblattschalen mit Reis und Joghurt zu den Tempeln am Straßenrand tragen und heilige Halbelefanten mit Ringelblumenketten behängen. In den Kälbern, die verehrt und abgemagert durch die Menge trotten. Sogar in den Tauben, die den Pagodendächern eine weißgraue Patina geben, aber nicht verscheucht, sondern gefüttert werden, weil das die Chance auf eine günstige Wiedergeburt erhöht.