50 Jahre nachdem Philomena (Dame Judi Dench) beobachten musste, wie Nonnen ihr Kind weggaben, sieht sie noch einmal durch die Tür des Klosters. © Universum Filmverleih

Alles ist wahr, Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, willkommen in der bösen Wirklichkeit. Dieser Film erzählt von Philomena und Anthony, ihrem Kind, es ist die Geschichte einer jungen Irin und ihres unehelich geborenen Sohnes, die Geschichte ist so traurig, dass man sie kaum erträgt.

Ein Mädchen verliebt sich auf einer Kirmes und wird schwanger. Weil der kurze Liebestaumel sich im Irland der fünfziger Jahre ereignet, wird daraus ein Abstieg in die Hölle. Das junge, hübsche Ding landet, von der Familie verstoßen, in einem Nonnenkloster, wie Tausende Mädchen in ihrer Lage entbindet Philomena unter unsäglichen Bedingungen, leistet jahrelang Sklavenarbeit in einer Wäscherei, man entreißt ihr das Kind und verkauft Anthony, wie Abertausende von Kindern unehelicher Mütter, nach Amerika, da ist er vier. Für tausend Pfund, Erlös an die Nonnen. Wie der Regisseur Stephen Frears aus diesem Stoff einen Film macht, in dem man nicht nur mit den Tränen kämpft, sondern auch ziemlich viel lacht, grenzt an ein Wunder.

Nun ist Frears natürlich unter anderem der Regisseur von Mein wunderbarer Waschsalon (1985) und The Queen (2006). Das Drehbuch zu Philomena, auf den Filmfestspielen in Venedig schon ausgezeichnet, stammt von dem britischen Komiker Steve Coogan (mit Jeff Pope), Steve Coogan spielt den Journalisten Martin Sixsmith, der 2009 das Buch Philomena vorlegte. Sixsmith ist einer der bösen Spindoktoren von Tony Blair, Autor noch böserer Politsatiren. Dann wäre da Dame Judi Dench. Sie spielt die alte Philomena, die sich ein Leben lang nach ihrem Kind sehnt und sich mit über 70, mit arthritischen Knien und neuer Hüfte sowie mit Sixsmith, auf die Suche nach ihrem Sohn begibt, bis nach Amerika. Ein Roadmovie mit Slapstickszenen erster Güte, für ihre Rolle ist Judi Dench für den Oscar nominiert, zu Recht.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Philomena, griechisch, hat eine schöne Bedeutung – die, die der Liebe treu bleibt. Genau das verkörpert Sophie Kennedy Clark in einer frischen, kraftvollen Weise als junge Philomena. Und ebenso Judi Dench als eine vom Leben Ungebeugte, in ihrer nachdrücklichen und sanften Art. Nicht nachlassen. Weder in ihrer Erinnerung an den Reiz des jungen Mannes, die Lust des erotischen Abenteuers noch in der Sehnsucht nach Anthony, auch nicht im Glauben an ihren Gott. "Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm", wie der Psalm sagt. Darauf beharrt jede ihrer Gesten, all das leuchtet aus dem gefälteten Gesicht, etwa wenn sie sich in die Sean-Ross-Abtei zurückwagt, wo sie die Hölle erlebte, und dort durch das Gitter blickt, von dem aus sie zusehen musste, wie ihr Kind von Fremden in ein Auto gestopft und abtransportiert wurde. Bodenloser, gefasster kann Schmerz nicht aussehen. Und es ist nicht wenig, wogegen sich Philomena stemmt. Sie wurde überrollt von einem perfiden System, in dem sich Sadismus und Habgier zu teuflischem Vernichtungswillen verschränkten.

In den sogenannten Magdalenenhäusern landeten Mädchen, Ausgestoßene einer Gesellschaft, die sich hinter moralischem Hochmut verschanzte. Die jungen Frauen wurden mit System zerstört. Kleidung konfisziert, Brüste abgebunden. Haare geschoren. Der persönliche Name ausgelöscht, ein Deckname verpasst. Jedwede Kontakte, zur Familie, zu Freunden, auch untereinander – verboten. Allein der Umgang mit ihren Babys war erlaubt. Eine Stunde am Tag! Für ein paar Jahre. Was das Leid vertiefte, wenn den Müttern dann, ohne Warnung, die Kinder entrissen wurden. Eine Strafe Gottes für die Wollust! So frohlockten die Täterinnen, die ihrerseits irreführende Namen trugen: Sisters of Mercy, Schwestern des Mitleids et cetera.