Serge Dorny, ehemaliger designierter Intendant der Dresdner Semperoper

Serge Dorny, Intendant der Nationaloper von Lyon, hat dort gerade eine bemerkenswerte Premiere gefeiert: Im Stück Le Comte Ory nach Gioachino Rossini geht es um Täuschung und Verführung, Betrug und Hintergehung. Wie passend angesichts der Verhältnisse, Ende Februar 2014 in Dresden: Dort, wo offenbar jeder seinen Nächsten hintergeht, wo man sich enttäuscht und verführt sieht – jetzt, da die Semperoper ohne echten Chef ist.

Ja, die Lyoner Premiere sei gelungen, sagt Serge Dorny am Telefon in Frankreich, in den Tagen danach. "Das hilft mir, mich darauf zu besinnen, dass es doch eigentlich um die Kunst geht." Er, einst Direktor des London Philharmonic Orchestra, ein stolzer Mann von 51 Jahren, hat in Dresden einen Machtkampf verloren. Das macht ihn bitter, das gibt er zu. "Ich bin beleidigt", sagt Dorny. "Das, was da passiert, habe ich noch nicht erlebt." Es ist ein großes Drama.

Dorny sollte eigentlich bald Intendant der Semperoper werden, Chef dieses Prachthauses am Theaterplatz, das Glanz und Grazie mit der Patina von bald 150 Jahren praller Geschichte vereint. Allein, es wird nicht dazu kommen. Dresden will ihn, Dorny, plötzlich nicht mehr.

Man muss sich kurz in Erinnerung rufen, warum er an die Elbe ziehen sollte: Architektonisch genießt die Semperoper Weltrang. Künstlerisch jedoch nicht – einmal abgesehen von ihrem Orchester, der Sächsischen Staatskapelle unter Leitung des Chefdirigenten Christian Thielemann. "Mehr internationale Strahlkraft" verspreche sie sich von Dorny, sagte Sachsens Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) im Herbst 2013, als sie ihn umschwärmte und lobte. Damals saß sie neben ihm im Foyer der Semperoper. Er unterschrieb einen Fünfjahresvertrag, als Nachfolger der verstorbenen Ulrike Hessler. Am 1. September 2014 hätte er anfangen dürfen, die neuen Spielzeiten aber praktisch ab sofort vorbereiten sollen. Eine Zeit lang wollte er die Opernhäuser Lyon und Dresden gewissermaßen parallel leiten.

Der Dienstag dieser Woche, wieder große Pressekonferenz in der Semperoper. Wieder sitzt Sabine von Schorlemer unter der Prunkdecke dieses Hauses – nur diesmal nicht zur Ernennung Dornys, sondern zu seiner Vertreibung. Dorny ist nicht dabei, selbstredend, stattdessen Wolfgang Rothe, als kaufmännischer Direktor der Semperoper der Interims-Intendant. Und auch Christian Thielemann.

Das Trio hat sich erkennbar vorgenommen, Dorny zum Diktator zu erklären – um seinen Rausschmiss irgendwie plausibel zu machen. Und die Härte dieses Rausschmisses.

Dorny hätten die Führungsqualitäten gefehlt, sagt von Schorlemer: Er habe sich nicht als der erwiesen, in den man so große Hoffnungen gesteckt hatte. Er habe sich menschlich höchst unanständig verhalten. Rothe sagt, man müsse Dorny vielleicht nicht als Diktator bezeichnen. "Autokrat" treffe es aber. Man habe sich schrecklich in ihm geirrt. Rothe sagt zum Beispiel, er sei es eigentlich nicht gewohnt, hinterfragt zu werden. Dorny habe das jedoch getan. Dann spricht Thielemann.

Der Maestro sagt, es habe alles gut angefangen mit Dorny. "Wir haben uns Briefe geschrieben, er mir auf Französisch, ich ihm auf Deutsch. Wir unterhielten uns über feine Weine, es war eigentlich allerliebst." Bis er irgendwann eine unfreundliche Mail von Dorny erhalten habe. "Dass er auch meinem Orchester an den Kragen zu gehen drohte", sagt Thielemann. Da hat Thielemann wohl aufgehört, die Personalie Dorny für eine gute Idee zu halten. Erst recht, als er erfuhr, dass der bei der Staatsministerin angefragt habe, ob man nicht Thielemanns Vertrag ändern, die Kompetenzen des Chefdirigenten beschneiden könne. Dorny habe sich geriert wie "Monsieur le Président", sagt Thielemann.

Warum Schorlemer nicht mehr mit ihm plant, hat Dorny ein paar Tage zuvor auf demselben Weg erfahren wie die Presse, per Mitteilung des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, versandt am Freitagmittag vergangener Woche. Die Ministerin hat ihm tatsächlich nicht im persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass sie seinen Vertrag auflöst, schon das macht diesen Fall zur Stilfrage. Ebenso, welche Zeilen Schorlemer da an die Öffentlichkeit gerichtet hat. Es sind Sätze, die wie eine Abrechnung klingen. Dorny habe "leider kein Klima des gedeihlichen und vertrauensvollen Miteinanders" geschaffen, "vorhandenes und entgegengebrachtes Vertrauen" habe er "in kürzester Zeit verspielt". Schorlemer ließ sich zitieren mit dem Satz: "Um Schaden von der Oper im In- und Ausland abzuwenden, sehen wir zu einer sofortigen Kündigung keine Alternative mehr." Ja, das klingt nach Betrug und Hintergehung.

Ein Interessenkonflikt zwischen Dorny und Thielemann

Aber von wem, an wem? Die Frage ist, was Dorny getan haben könnte, dass plötzlich derart mit ihm abgerechnet wird. Fast niemand in der Semperoper hatte mit dieser Kündigung gerechnet. Im Ministerium erzählt man jetzt Schauergeschichten. Verdiente Ensemblemitglieder der Oper habe Dorny im Rahmen seiner Kennlernbesuche antanzen lassen zum Vorsingen, als befänden sie sich bei einem Schülercasting. Den Vertrag für den Semperopernball habe er gekündigt. Und – man hört die Empörung in der Stimme des Informanten aus dem Dresdner Regierungsviertel – dieser Dorny habe die sächsische Reisekostenordnung, an die sich doch sogar der Ministerpräsident halten müsse, "nachhaltig in Frage gestellt". Eine Inszenierung von Wagners Ring, von Thielemann seit Langem geplant, habe Dorny handstreichartig absagen wollen. Und so weiter. Herrisch sei Dorny aufgetreten, machtbewusst, nicht vertraut mit den Befindlichkeiten an einem deutschen Opernhaus, wo er nicht durchregieren könne wie daheim in Frankreich, so der Flurfunk. Dieser Belgier hat sich wie ein Franzose aufgeführt, so liest sich in Wahrheit schon Schorlemers Pressemitteilung; so lautet auch der Subtext dessen, was das Trio Thielemann/von Schorlemer/Rothe auf seiner Pressekonferenz verkündet. Beobachter frotzeln: Man bekomme fast den Eindruck, Dorny habe, bei laufender Vorstellung, von der Bühne aus in den Orchestergraben gepinkelt.

Im Kern, so viel ist klar, geht es nicht um derart Profan-Unappetitliches. Es geht auch nicht in erster Linie um Reisekosten oder eine Sonnenkönig-Attitüde. Es geht um einen Interessenkonflikt zwischen Dorny und Thielemann. Und die Ministerin hat diesen Machtkampf brutalstmöglich entschieden – pro Thielemann, pro Staatskapelle. Man muss wissen: Die Staatskapelle ist als Orchester, als eine von drei Sparten dieses Hauses, eigentlich genauso Teil der Semperoper wie Ballett und Opernensemble. Aber sie führt ein Eigenleben, gilt als Staat im Staate. Das weiß, wer sich intensiver mit dieser Institution beschäftigt. Und es hat durchaus seine guten Seiten: Die Staatskapelle befindet sich künstlerisch dort, wo Dorny das Ballett und die Oper gerne noch hingebracht hätte, in der Spitzengruppe der Champions League. Diese Kapelle, mit Thielemann am Pult, empfindet es mitunter als Zumutung, bei Opernaufführungen im Graben zu sitzen. Sie will selbst auf der Bühne sein. Sie plant eigene Tourneen, hat ein eigenes Budget. Die Haltung der Staatskapelle zum Rest der Oper ist die Haltung von Bayern München: Nur weil wir uns mit 1860 München das Stadion teilen, müssen wir noch lange nicht gegen Greuther Fürth spielen!

Dorny aber wollte genau das – die Staatskapelle erden. Er hielt es für seinen Auftrag, dafür zu sorgen, dass diese sich stärker als Teil der Oper begreift; angefangen hätte das bei so läppischen Innovationen wie einem gemeinsamen Programm-Jahrbuch. Und nicht aufgehört bei Mitspracherechten Dornys in Thielemanns Kerngeschäft: Premierenauftritte, Gastspiele, Solistenauswahl. Dorny behauptet jetzt, niemand habe ihm je erzählt, wie autonom Thielemann seine Entscheidungen treffen dürfe. Wenn er es nicht wenigstens geahnt hätte – immerhin ist Thielemann ein Dirigent von Weltrang –, wäre das natürlich naiv. "Es ist falsch, dass Herr Dorny nicht über die Kompetenzen von Herrn Thielemann informiert gewesen wäre", sagt Sabine von Schorlemer.

In den vergangenen Wochen soll er sie zunehmend bedrängt haben, Thielemanns Rechte zu stutzen. Die Eskalation kam, als Dorny ihr einen Forderungskatalog übersandte, Dear Frau Staatsministerin, ein halbes Dutzend Punkte mit diversen Unterpunkten. Man möge ihm das letzte Wort über alle drei Sparten einräumen, und zwar bis Freitag, den 21. Februar – andernfalls werde er seinen Vertrag kündigen. Am 20. Februar erhielt Dorny eine Mail aus dem Ministerium mit der Bitte, die Frist zu verlängern – die Ministerin sei im Urlaub. Bis zum Abend antwortete er nicht, die Ministerin entschloss sich, seiner Kündigung zuvorzukommen.

Sie feuerte ihn kurzerhand, aus dem Urlaub. Oberstdorf, 20. Februar 2014, so steht es im knappen Kündigungsbrief. Der kam erst nach den ersten Journalistenanfragen bei Dorny an, behauptet Dorny. Er fühlt sich heftig hintergangen.

Nicht restlos klären konnte Schorlemer bisher, warum sie sich so hektisch zum Rausschmiss entschied. Möglich, dass sie dem Freistaat Sachsen damit horrende Abfindungskosten eingebrockt hat, 300.000 Euro Jahresgehalt soll Dornys Vertrag festgeschrieben haben. Auch den Ton ihrer Pressemitteilung hat Schorlemer noch nicht plausibel dargelegt: Dorny, deutet sie vage an, habe sich bei einem Treffen im Ministerium am 11. Februar 2014 danebenbenommen; nach diesem "Auftritt" sei es "ausgeschlossen" gewesen, ihn ehrenhaft zu entlassen. Alles reichlich nebulös, zumal von Schorlemer weitere Erklärungen standhaft verweigert.

Dorny sagt nun, am Telefon in Lyon, er finde den Ton der Ministerin diffamierend. Dass er sich aufgeführt habe wie ein Despot? "Ich bekomme täglich Nachrichten von Mitarbeitern der Semperoper, die meine Kündigung sehr bedauern." Die auch den Ton der Ministerin nicht nachvollziehen könnten. Diese habe ihn abserviert "ohne humanistische Bedenken. Es geht um das Überleben der Ministerin, zu meinen Lasten. Sie musste sich für die Sonderstellung von Thielemann und gegen meine Vorschläge entscheiden", sagt Dorny. Die Semperoper gehörte weiterhin reformiert: "Die Sparten Oper und Ballett haben nur Pflichten, keine Rechte. Das Orchester dagegen hat nur Rechte, wenige Pflichten. Das Orchester sollte Architekt der Renaissance der Semperoper sein! Aber nun will es nicht mitmachen."

Was außerdem noch bleibt, ist dieser Eindruck: Einen Intendanten, der alle drei Sparten der Semperoper leitet, hat der Freistaat Sachsen womöglich nie gesucht. Serge Dorny hätte danach fragen können, man hätte es ihm auch deutlicher sagen können.

Wann wird eine Oper unregierbar? Den Manager von internationalem Ruf, der jetzt noch an die Semperoper will, muss Sabine von Schorlemer erst einmal finden.

Mitarbeit: Stefan Schirmer