DIE ZEIT: Herr O’Neill, Sie haben vor 13 Jahren als Chefvolkswirt von Goldman Sachs den Aufstieg der Schwellenländer prophezeit. Jetzt stecken viele der Hoffnungsträger in der Krise: Waren Sie zu optimistisch?

Jim O’Neill: Nicht im Geringsten!

ZEIT: Weshalb nicht?

O’Neill: Nehmen Sie China. Ich habe damals vorhergesagt, dass das Land im Jahr 2015 wirtschaftlich betrachtet genauso bedeutend sein werde wie Japan. Die jährliche Wirtschaftsleistung Chinas beträgt heute 9200 Milliarden Dollar – das entspricht etwa dem Doppelten des Bruttoinlandsprodukts von Japan. Meine Erwartungen sind also sogar übertroffen worden.

ZEIT: Damals haben Sie für die aus Ihrer Sicht wichtigsten Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China den Begriff BRIC geprägt. Würden Sie heute noch dieselben Länder auswählen?

O’Neill: Ja. China ist sicher eine Ausnahme und steht ganz klar an erster Stelle. Aber obwohl die vergangenen beiden Jahre für die anderen drei Staaten zum Teil enttäuschend liefen, sind sie heute bedeutender, als ich damals annahm. Brasilien ist die achtgrößte Volkswirtschaft – und es hat diesen Rang zehn Jahre früher erreicht als von mir vorhergesagt. Russland nimmt Platz neun ein und Indien Platz elf.

ZEIT: Viele Experten fürchten, dass in China die nächste Blase platzt.

O’Neill: Mich verwundert diese Debatte etwas. Das Land zeigt keins der üblichen Symptome einer Blasenbildung wie eine hohe Inflationsrate oder hohe Defizite im Staatshaushalt oder in der Leistungsbilanz. Natürlich gibt es Probleme, etwa im Finanzsektor oder auf den städtischen Immobilienmärkten, aber die chinesischen Behörden verleugnen diese Probleme nicht, sondern gehen sie an. Das ist in anderen Ländern nicht immer so.

ZEIT: Das Wachstum hat sich dennoch abgeschwächt.

O’Neill: Doch das ist von der Regierung so gewollt, weil sie auf einen nachhaltigeren Kurs einschwenken will. Und China wächst noch um 7,5 Prozent pro Jahr – in den USA sind es nur 3,75 Prozent.

ZEIT: Trotzdem: Die Währungen und Aktienmärkte vieler Schwellenländer sind in den vergangenen Wochen geradezu abgestürzt.

O’Neill: Der Aktienmarkt in Jakarta etwa verzeichnete mit die größten Kursgewinne in diesem Jahr. Es ist also Unsinn, von einer allgemeinen Schwellenländerkrise zu sprechen. Es gibt aber Länder mit hausgemachten Problemen.

ZEIT: Welche Länder sind das?

O’Neill: Thailand, die Ukraine und Argentinien sind offensichtliche Beispiele. Mit Abstrichen auch die Türkei.

ZEIT: Die Türkei wurde als Boomland gefeiert. Sie steht auf einer von Ihnen zusammengestellten Liste von Staaten mit vermeintlich hohen Wachstumschancen. Wie kam es zu dieser Einschätzung?

O’Neill: Wir haben uns im Jahr 2004 angeschaut, welche Länder ein ähnliches Potenzial wie die BRIC-Staaten haben. Die Türkei gehörte dazu.

ZEIT: Waren Sie zu blauäugig?

O’Neill: Nein. Das Hauptproblem der Türkei ist das hohe Defizit in der Leistungsbilanz – die heimischen Ersparnisse des Landes reichen also nicht aus, um die Ausgaben zu finanzieren, weshalb es auf Kapital aus dem Ausland angewiesen ist. Dieses Problem ist aber nicht unterschätzt worden. Man hat es an den Finanzmärkten immer wieder thematisiert – und wir haben das auch getan.

ZEIT: Was lief also schief?

O’Neill: Die politischen Risiken wurden unterschätzt. Die Unruhen im vergangenen Sommer und die Reaktion der Regierung haben viele überrascht. Der Machtkampf zwischen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und der Gülen-Bewegung ...

ZEIT: ... der Gruppierung um den ehemaligen Weggefährten und jetzigen Widersacher Fethullah Gülen ...

O’Neill: ... ist ein großes Problem. Dieses Problem wird sich erst nach den Wahlen im Frühjahr lösen lassen.

ZEIT: Stoßen Ökonomen an ihre Grenzen, wenn es um Politik geht?

O’Neill: Es ist auf jeden Fall nicht einfach, politische Entwicklungen vorherzusagen, und im Fall der Türkei haben viele – mich eingeschlossen – die Probleme nicht erwartet. Aber solche Probleme kommen und gehen. Den längerfristigen Trend beeinflussen sie in der Regel nicht.