Militär-Parade in Sewastopol im Mai 2013 © Pavlishak Alexei/dpa Picture-Alliance

Über die schwere Niederlage russischer Politik in der Ukraine schweigt der Kreml lieber erst einmal. Zu schnell und zu schockartig kam die ukrainische Revolution. In Moskau reden sich andere die Köpfe heiß, vor allem in der Duma, dem Parlament. "Ein politisches Tschernobyl", nennt Gennadi Sjuganow, Führer der Kommunistischen Partei, die Wende in Kiew. "Nicht weniger gefährlich als das atomare Tschernobyl."

Die Ukraine wird in diesen Tagen zum Schreckbild für die russische Elite. Die Revolte dort demonstriert Moskau schmerzhaft, wie sich ein weiterer Staat Osteuropas von Russland abwendet. In Kiew zeigt sich schon zum zweiten Mal in zehn Jahren am gleichen Ort, wie kläglich ein autoritäres Regime scheitern kann. Wehret den Weiterungen: In Moskau wurden zu Beginn dieser Woche mehrere Anti-Putin-Demonstranten zu drei bis vier Jahren Lagerhaft verurteilt. Dort ist die Chaos-Ukraine, hier ist das starke Russland – das ist die Botschaft. Mit der tiefen Entfremdung eines großen Teils der Ukraine von Russland entfernen sich auch Russland und Europa voneinander. Beide sind Nachbarn und Teilhaber an den ukrainischen Wirren. Wladimir Putin muss mit der zornigen Enttäuschung der russischen Elite umgehen, auch darum lotet er aus, wie weit er in der Ukraine gehen kann. Dabei muss er nicht weniger als einen Krieg verhindern.

Wie tief die russische Verletzung geht, zeigt sich, wenn man Putins Berater für die eurasische Wirtschaftsunion anruft. Sergej Glasjew hebt den Telefonhörer ab, doch als er begreift, dass eine deutsche Zeitung anruft, legt er schnell wieder auf. Es herrscht eine Atmosphäre ohnmächtiger Wut – auf die ukrainischen Revolutionäre, auf den gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch und auf den Westen. Die Fernsehsender berichten aus Kiew nur von einer Seite der Barrikade. Wer die Nachrichten sieht, muss glauben, dass in Kiew weiter geschossen wird, obwohl dort in Wirklichkeit Ruhe herrscht. Der einstige Verbündete Janukowitsch gilt den Kommentatoren nun als Verräter. Und dies nicht, weil er auf Demonstranten schießen ließ, sondern weil er die Sache nicht zu Ende geführt hat und feige die Flucht ergriff.

Der größte Zorn ergießt sich jedoch über die Europäer. Ministerpräsident Dmitri Medwedew kritisiert die EU dafür, dass sie die neue Regierung in Kiew anerkennt. Er nennt keine Namen, das tun andere für ihn. Zum Beispiel Konstantin Satulin, Direktor des Instituts für die postsowjetischen Staaten (GUS) und bis vor Kurzem Chef des Duma-Ausschusses für die GUS. Er fragt, warum Außenminister Frank-Walter Steinmeier und seine Kollegen aus Paris und Warschau den von ihnen vor einer Woche ausgehandelten Vertrag mit Janukowitsch und der Opposition nicht achten würden. "Die Tinte war noch nicht getrocknet, da war das Papier vergessen. Sie protestieren nicht gegen den offenen Bruch durch die Putschisten, sondern unterstützen diese noch. Diese Außenminister sollten zurücktreten." Satulin, ein Mann mit breitem Schnauzbart und kantigen Ansichten, spricht mittlerweile für viele. Außenminister Sergej Lawrow erklärte, man halte die ukrainischen Präsidentenwahlen am 25. Mai für illegitim. Im von Steinmeier vermittelten Abkommen sei von Wahlen zum Jahresende die Rede gewesen.

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Wenige Tage nach der Wende in der Ukraine bietet sich ein merkwürdiges Bild: Da prallen die europäischen Gewinner, die lieber keine sein wollten, auf die Moskauer Verlierer, die alles taten, um im geopolitischen Spiel zu siegen. Während die EU-Politiker nun jeden Anflug von Triumphalismus vermeiden und Kiew warnen, auf die russischsprachigen Minderheiten Rücksicht zu nehmen, macht Moskau die EU für die Ereignisse in der Ukraine verantwortlich. Die EU versucht, mit der neuen Regierung in Kiew zu arbeiten, Moskau erkennt sie nicht an. Dies ist die gefährlichste Situation in Osteuropa seit dem Georgienkrieg 2008, und sie könnte sogar explosiver werden.

Für Putin gibt es mehrere Optionen, aber keine davon ist gut. Nach dem Sturz von Janukowitsch ist sein Hauptprojekt in Gefahr: die Eurasische Union, ein Zusammenschluss postsowjetischer Staaten unter Führung Russlands. Die Ukraine war das Herzstück, doch wird sie nun schwerlich dabei sein. Konstantin Satulin sagt voraus, dass die Eurasische Union dennoch kommen werde, nur mit weniger Europa und mehr Asien. Ohne die Ukraine würde sich Russland stärker Richtung Pazifik ausrichten.

Doch ist kaum damit zu rechnen, dass Russland die Ukraine ziehen ließe. Putin könnte Kiew erneut die Instrumente zeigen: das Gas abdrehen oder den Preis erhöhen, die Grenzen für ukrainische Waren sperren, die versprochenen Kredite einfrieren. Doch das würde im Gegenzug auch Russland schaden. Das sibirische Gas fließt auch über die Ukraine nach Europa. Kiew könnte auf die Idee kommen, als Gegenmaßnahme den Transit zu stoppen. Ein russischer Importboykott für ukrainische Waren ist immer eine Möglichkeit für Putin – doch der würde vor allem den industrialisierten Osten der Ukraine treffen, wo die Freunde Russlands leben.