Wie übergibt man fast eine Milliarde Euro, ohne diese durch die Gegend tragen zu müssen? Und wie stellt man sicher, dass die andere Seite ihre Gegenleistung erbringt und nicht einfach abhaut? Als die Deutsche Bank und die Erben von Leo Kirch in der vergangenen Woche ihren fast epischen Streit beilegten, glich das einem Deal unter Drogenhändlern.

Zunächst trafen sich die Anwälte im Oberlandesgericht München, im selben Raum, in dem sie sich viele Gefechte geliefert hatten. Sie legten dem Gericht den Vergleich vor, dann fuhren Vertreter von Kirch aus der City in die Filiale der Deutschen Bundesbank draußen an der Leopoldstraße.

Dort nahmen die Juristen drei Schecks in Augenschein: einen über 766,25 Millionen Euro, einen über 8,75 Millionen Euro – jeweils plus Zinsen und minus Steuern, grob gesagt – sowie einen über eine Kostenpauschale von 40 Millionen Euro. Es handelte sich um "bestätigte Bundesbankschecks" – Schecks der Bundesbank, bei denen diese sich zur Einlösung binnen acht Tagen verpflichtet.

Als sie sich der Existenz der drei Schecks vergewissert hatten, riefen Kirchs Juristen im Oberlandesgericht an und gaben grünes Licht. Dann wurden die anhängigen Klagen zurückgezogen. Es folgte ein Bestätigungsanruf in der Bundesbank, sodass dort die Schecks auch tatsächlich übergeben und eingelöst werden konnten. Kirchs Leute kehrten zurück ins Gericht, wo der Vergleich genehmigt wurde. Kurz nach 13 Uhr trennte man sich.

Es war das Ende eines gewaltigen Kampfes, der mehr als zehn Jahre lang Horden von Juristen, die Medien und auch Aktionäre in Atem gehalten hat. Am 3. Februar 2002 hatte Rolf-Ernst Breuer, damals Vorstandssprecher der Deutschen Bank, sich kritisch zur Kreditwürdigkeit des Unternehmers Leo Kirch geäußert – der oft "Medienzar" genannt wurde, sich aber übernommen hatte und zu diesem Zeitpunkt finanziell stark angeschlagen war. In dieser Lage sagte Breuer im Hotel Interconti in New York zu einem Reporter von Bloomberg TV: "Was alles man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen."

Die Aussage machte Furore – da sprach der Chef der Deutschen Bank, die zudem zu Kirchs Kreditgebern zählte. Zwei Monate später meldete das Medienimperium Insolvenz an. Der Streit um Breuers Rolle dabei begann. "Erschossen hat mich der Rolf", klagte Kirch auf die ihm eigene Art.

Der juristische Feldzug gegen Breuer und die Deutsche Bank ist vorbei. Laut Beteiligten führte er über die Jahre zu mehr als 50 Verfahren, darunter viele Niederlagen, aber auch wichtige Etappensiege für Kirch. Breuers Worte gehen nun als teuerstes Interview in die Wirtschaftsgeschichte ein.

Und das Geld? Das fließt der Familie und den Gläubigern zu. Die Beträge und die Wege, die sie nun nehmen, geben ein kompliziertes Bild ab.

Es beginnt schon mit der Frage, wie viel Geld insgesamt geflossen ist.

"Knapp unter 900 Millionen Euro", sagt einer, der es wissen sollte.

"Knapp über 930 Millionen Euro", sagt einer, der ebenfalls mit dem Vergleich befasst war.

"Die Schecks summieren sich auf 925 Millionen Euro", sagt ein Dritter.

Die Unterschiede entstehen wahrscheinlich je nachdem, ob man nur die Vergleichsbeträge oder auch die Kostenpauschale berücksichtigt, ob man die Zinsen gleich berechnet und ob man die auf die Zinsen fälligen Steuern abzieht, wie es die Deutsche Bank getan hat – natürlich nicht ohne der Gegenseite eine Steuerbescheinigung auszustellen.

Wer alle genannten Elemente und Schritte nachvollzieht, kommt überschlägig auf eine Summe von rund 900 Millionen Euro, die effektiv fließen dürfte.

Was geschieht mit dem Geld?

Auf der Kirch-Seite war eine Gesellschaft namens darpar Teil des Vergleichs. Das ist die Rechtsnachfolgerin des 2011 verstorbenen Leo Kirch. Auch die KGL Pool GmbH war dabei. Beide Gesellschaften haben ihren Sitz in München, unter derselben Adresse wie der Rechtsanwalt Hans Erl, der laut Vergleichstext auch die drei Schecks in den Räumen der Bundesbank entgegengenommen haben muss.

Anruf bei Hans Erl: Was geschieht mit dem Geld? Nein, er werde sich nicht äußern, kommt Erls Antwort, er sei zur Geheimhaltung verpflichtet: "Ich kann es nicht sagen. Ich darf es nicht sagen."

Bleibt also nur, der Spur des Geldes selbst zu folgen. Da sind zunächst die 40 Millionen Euro, die als Erstattung für die im Streit aufgelaufenen Ausgaben Kirchs gedacht sind. Der Unternehmer, seine Familie und seine Gesellschaften haben über all die Jahre neben den Anwälten Hans Erl und Bernd Kuhn vor allem auch die Dienste der Münchner Anwaltskanzlei Bub, Gauweiler & Partner genutzt. Zu dieser Kanzlei gehören Peter Gauweiler, jener streitlustige CSU-Politiker, der gegen den Euro wetterte und zuletzt als Landwirtschaftsminister im Gespräch war, sowie Franz Enderle, ein Mann, der oft Fliege trägt und auf den Aktionärstreffen der Deutschen Bank meist Kaskaden von Fragen stellte. Neben diesen Juristen, die beim Vergleichstermin anwesend waren, arbeitete Norbert Essing für das Kirch-Lager, ein PR-Berater, der zu den gewieftesten Vertretern seiner Zunft zählt – und gewiss nicht günstig ist.

Ob die 40 Millionen Euro der Summe entsprechen, die an all diese Helfer Kirchs sowie an die zahllosen Gutachter geflossen ist, bleibt zwar offen. Die Größenordnung aber dürfte stimmen. Eine Erfolgsbeteiligung für die Armada von Helfern gibt es angeblich nicht.

Bleiben 860 Millionen übrig. Diese fließen je zur Hälfte an das Lager Kirch sowie an die Gläubiger des zusammengebrochenen Medienimperiums. Letztere schlossen sich sehr früh dem juristischen Feldzug von Leo Kirch an, in der Hoffnung, im Erfolgsfall zu profitieren, aber im Bewusstsein, dass es ohne das Privatvermögen und das Wissen Kirchs keine Aussicht auf Erfolg gab. Daher akzeptierten Insolvenzverwalter und Gläubiger eine Aufteilung von fifty-fifty.

Was aber heißt das genau? Im Lager Kirch sollen die 430 Millionen Euro angeblich von darpar und KGL Pool an KF 15 gehen, eine Gesellschaft mit Sitz in der Kardinal-Faulhaber-Straße 15 in München. In dieser bündeln Kirchs Familie sowie deren Getreue mehrere Firmenbeteiligungen, wiederholt hat sie als unternehmerische Plattform gedient. Eine Auflösung scheint daher weniger wahrscheinlich als eine Ausschüttung des Geldes. Anteilseigner von KF 15 ist dem Vernehmen nach aktuell zu 47,5 Prozent die 86 Jahre alte Witwe Ruth Kirch, die mit Leo Kirch ein Kind hat, den Sohn Thomas. Zu 42,5 Prozent ist demnach Dieter Hahn beteiligt, Kirchs engster Weggefährte, die restlichen zehn Prozent gehören einem Team weiterer Manager. Sollte es zur Ausschüttung kommen und diese dem gleichen Schlüssel folgen, erhielte die Familie 204 Millionen Euro, Hahn 183 Millionen Euro und das Managerteam 43 Millionen Euro.

Dies alles sind Näherungswerte, die auf vereinfachenden Annahmen fußen. Ob das Geld exakt diesen Weg nimmt, wann exakt wie viel wo ankommt, ist selbst im Lager Kirch noch nicht allen klar – zu frisch ist der Vergleich, zu komplex alles Weitere.

Gleiches gilt auch für die überschlägig 430 Millionen Euro, die den Gläubigern zufließen dürften. Es gibt mehrere Insolvenzverwalter, und nur vom wichtigsten, Michael Jaffé, ist bekannt, dass er mit Gläubigern einst die Vereinbarung mit der Familie getroffen hat. Immerhin kümmert Jaffé sich um den Großteil des einstigen Imperiums, vor allem um den zentralen Teil: KirchMedia. Diese Gesellschaft bestand einst aus 17 Ebenen und mehreren Hundert Untergesellschaften, sie beschäftigte mehr als 11.000 Menschen, hielt die Mehrheit an der ProSiebenSat.1 Media AG sowie die Senderechte für die Fußballweltmeisterschaften 2002 und 2006. Über Jaffé und KirchMedia kann man sich der Realität daher annähern: Es wird ein großer Teil der 430 Millionen Euro sein, der an Jaffé, KirchMedia und deren Gläubiger geht.

Der weitere Geldfluss ist verzweigt: Allein KirchMedia sieht sich, Stand Oktober, rund 1300 Forderungen über insgesamt 4,6 Milliarden Euro gegenüber. Größte Gläubiger sind, wie Insider sagen, die Commerzbank, die BayernLB, die HypoVereinsbank sowie mehrere Hollywoodstudios. Bisher hat Insolvenzverwalter Jaffé rund 19 Prozent der 4,6 Milliarden Euro auszahlen können, dem Vernehmen nach hat er eine Befriedigung von 25 bis 30 Prozent der Ansprüche in Aussicht gestellt – eine hohe Quote, in der das Geld aus dem Vergleich noch nicht eingerechnet sein soll. Ganz leer werden die Gläubiger also nicht ausgehen.

Zu den Gewinnern des Vergleichs dürfen sich auch die Aktionäre der Deutschen Bank zählen. Man musste nur einmal eine Hauptversammlung erleben, um eine Ahnung zu bekommen, wie lästig die Kirch-Truppe der Bank fiel: Ihre Anwälte lieferten sich Wortgefechte mit der Führung, nutzten zahllose juristische Winkelzüge und beschworen 2013 sogar eine außerordentliche Hauptversammlung herauf. Teil des, so offiziell, "auf Initiative von Frau Ruth Kirch" zustande gekommenen Vergleichs ist nun die Zusage der Kirch-Seite, alle Aktien der Deutschen Bank zu verkaufen und auf weitere Klagen zu verzichten. Das Ende des Streits erlaubt "eine angemessene Würdigung des unternehmerischen Lebenswerks von Herrn Dr. Leo Kirch", wie es im Vergleich heißt. Von Triumphgeheul will Kirchs Lager dennoch nichts wissen. Dort heißt es, man hätte sich gewünscht, "dass Leo es noch erlebt hätte".

Die Deutsche Bank ist zufrieden, der Deal von München ist ein echter Meilenstein beim Abarbeiten ihrer Altlasten. Doch sie muss zum einen wohl ihren Ex-Chef für den Schaden in Regress nehmen und sich – möglichst leise – mit Breuer einigen. Zum anderen droht die Münchner Staatsanwaltschaft, den heutigen Co-Chef Jürgen Fitschen und ein paar Ehemalige infolge von Aussagen vor Gericht wegen Prozessbetrugs anzuklagen. Zwischenzeitlich aufgetauchte Dokumente haben die Glaubwürdigkeit mehrerer Manager infrage gestellt und die Position der Bank deutlich verschlechtert – für sie ein Hauptgrund, dem Vergleich zuzustimmen, anders als 2012, als ein Versuch in letzter Minute scheiterte.

Noch vor dem Vergleich hat die Bank zentrale Prozessaussagen korrigiert. Und laut Vergleich zieht das Kirch-Lager seine Strafanzeigen zurück und erklärt gegenüber der Staatsanwaltschaft, dass es kein Interesse an einer Strafverfolgung hat. Die Chancen auf eine Beendigung des Strafverfahrens steigen damit. Doch vorbei ist das Kapitel Kirch noch nicht.