DIE ZEIT: Herr Ministerpräsident, warum soll ein Fünftklässler in Baden-Württemberg wissen, was Transgender und Intersexuelle sind?

Winfried Kretschmann: Weil "schwule Sau" auf dem Schulhof eines der beliebtesten Schimpfwörter geworden ist. Ich war selbst Lehrer und weiß: Niemand kann so hart und brutal wie Kinder sein, wenn jemand irgendwie "anders gestrickt" ist. Die zivilisatorischen Hemmschwellen sind da noch nicht ausgeprägt. Wir können aber nicht zusehen, wie jemand diskriminiert wird.

ZEIT: Gegen die Bildungspläne Ihrer Regierung macht eine Gruppe von Bürgern mobil, die Angst hat, Kinder sollten künftig an Schulen zur Homosexualität erzogen werden. Muss der Staat das ernst nehmen, oder ist hier Schluss mit der Politik des Gehörtwerdens?

Kretschmann: Ängste muss man immer ernst nehmen. Und ich werde auch das Gespräch mit ihnen suchen. Ihre Ängste sind allerdings unberechtigt. Der Staat wird niemanden zur Homosexualität erziehen.

ZEIT: Sie waren selbst Biologielehrer. Wie haben Sie die Kinder aufgeklärt?

Kretschmann: Ich habe immer sehr darauf geachtet, das mit den Eltern vorzubereiten. Und ich habe Kollegen anderer Fächer miteinbezogen, denn wir reden hier nicht nur von biologischer Aufklärung. Da werden auch gesellschaftliche, ethische Fragen tangiert. Dann habe ich die Fragestunden mit den Mädchen und Jungen getrennt durchgeführt, weil die sonst nicht frei sind, zu fragen, was sie wirklich wissen wollen. Da kommen immer sehr viele Fragen, über die sich Eltern erschrecken würden.

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ZEIT: Zum Beispiel?

Kretschmann: Ja, alles, was Kinder so aufschnappen und Jugendliche so mitbekommen: Heute mit dem Zugang zum Internet dürfte da nichts mehr fehlen. 90 Prozent der Jungen haben schon Pornos angeschaut. In so einer "Umwelt" ist eine altersgemäße Aufklärung so wichtig wie schwierig.

ZEIT: Nehmen wir den Kindern aus Angst vor Pädophilie immer mehr die Unbefangenheit in Sachen Sex?

Kretschmann: Da es in Sachen Sex auch Kindesmissbrauch gibt, kann es die Unbefangenheit nicht geben, wir müssen Kinder auf die reale Welt vorbereiten. In ihr gibt es von Zärtlichkeit bis zu brutaler Gewalt alles. Darum gilt für Aufklärung im speziellen wie im grundsätzlichen Sinne: Urteilskraft und Persönlichkeit der jungen Menschen zu stärken.

ZEIT: Im kritisierten Lehrplan wird alles gleich gewichtet: Mann-Frau-Kind ist einfach eine von vielen Spielarten des Sexuellen, neben LSBTTI (Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intersexuell). Ist das nicht genau die gleiche Indifferenz, die die Grünen vor dreißig Jahren in Sachen Pädophilie in Bedrängnis gebracht hat?

Kretschmann: Unsinn. Es ist ein riesiger Fortschritt der Moderne, dass der Staat in die persönliche Lebensführung der Menschen nicht eingreift – sofern sie sich im Rahmen unserer Verfassungsordnung bewegt. Dahinter werden ausgerechnet wir jetzt nicht zurückfallen. Aber Pädophilie bewegt sich eben nicht im Rahmen dieser Gesetze. Wer pädophil veranlagt ist, kann das nicht ausleben. Wir halten das für ein Verbrechen und für Kindesmissbrauch.