Meine gelähmte rechte Hand liegt gut versteckt unter dem Tisch in meinem Schoß. Sechs Leute sitzen mir in Hufeisenform gegenüber. Wasser wird gereicht, Floskeln werden ausgetauscht. Das Vorstellungsgespräch nimmt seinen üblichen Lauf, Frage-Antwort-Spiel. Doch etwas ist anders: Aus meiner Bewerbung ging hervor, dass ich behindert bin. Und nun, da die begutachtenden Blicke der Runde auf mir ruhen, frage ich mich: Werde ich gerade zu einer Schmarotzerin? Zu einer, die glaubt, Karriere machen zu können, weil sie krank ist? Will ich aus Mitleid genommen und auf einen Quotenjob gehievt werden?

Mein Leben als Behinderte ist noch frisch. Vor etwa einem Jahr erhielt ich die Diagnose ALS: Amyotrophe Lateralsklerose. Die Krankheit lähmt die Nerven und endet tödlich. Um auch offiziell auf die Seite der Kranken zu wechseln, genügte der eilige medizinische Befund der Ärztin. "Dann können Sie wenigstens mal kostenlos ins Museum gehen", sagte sie und lächelte. Nur wenige Wochen später lag ein Schreiben des Sozialamtes mit dem Aufdruck "Feststellungsverfahren über das Vorliegen einer Behinderung" auf meinem Schreibtisch. Es bescheinigte mir einen Behindertengrad von 30, nicht üppig, aber genug, damit der Gleichbehandlungsgrundsatz im Bewerbungsverfahren gültig wird. Ein vollmundiges Versprechen leuchtet mir da entgegen: "Bei gleicher Eignung werden schwerbehinderte Bewerber bevorzugt eingestellt."

Seit 2006 schreibt das Antidiskriminierungsgesetz diesen Passus bei Stellen im öffentlichen Dienst vor. Neuerdings sprechen Politiker und Verbände auch gerne von "beruflicher Teilhabe", ein wohlklingender Begriff aus der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland im März 2009 unterzeichnet hat. Behinderte sollen es seitdem besser haben: mehr Rechte, mehr Normalität, mehr Chancen – auch in der Berufswelt. Das klingt nach einem ernst gemeinten Angebot, also habe ich mich auf eine Redaktionsstelle in einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt beworben. Einen tadellosen Lebenslauf und die Kopie der neutralen Feststellung meiner Behinderung habe ich beigelegt.

Diesen Bewerbungsversuch überhaupt erst zu wagen, dazu hat mich die Geschichte von Saskia Gomer ermutigt, deren echter Name hier nicht stehen soll. Es ist die Geschichte einer Nutznießerin. "Zweihundert Bewerber hab ich ausgestochen", erzählt sie, "für einen Ausbildungsplatz bei den Grünen." Gomer hat nur eine Niere, dafür einen Schwerbehindertenausweis. Sie ist Mitte zwanzig – hübsch, mit Berliner Schnauze, keine Fehltage in der Ausbildung, einen Einser-Abschluss als politische Verwaltungsangestellte – und arbeitet jetzt im Bundestag. Sie hat keinen Rollstuhl, keine Missbildungen, sie ist cool und sexy, nichts deutet bei ihr auf ein Handicap hin, stattdessen: Vorzeigekarriere.

Ich frage mich, ob Personalchefs bei einer jungen, scheinbar kerngesunden Saskia Gomer wohl gnädiger sind als bei mir, einer 40-jährigen Mutter von drei kleinen Kindern. Bald wird man mir die Krankheit ja auch ansehen. Ob die verantwortlichen Entscheider in gute und schlechte Behinderte einteilen? Offiziell verneinen Betriebsräte und Pressesprecher, die ich um ihre Meinung bitte. Ich höre viel politisch Korrektes, Abgegriffenes – immer wieder das Gerede von sozialer Verantwortung und gelebter Toleranz. Niemand will zu den 37 000 deutschen Unternehmen gehören, die noch nie einen Behinderten eingestellt haben.

Nur, wo sind sie denn alle, meine behinderten Kollegen? Und ich meine nicht jene, die jeden Morgen in die Behindertenwerkstatt gefahren werden, sondern hoch qualifizierte Arbeitnehmer wie Gomer und mich. Es gibt sie, aber sie sind selten im Job, meistens arbeitslos.

Eine Pilotstudie des Lehrstuhls für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität Köln zeigt erstmals das Ausmaß. Die Verlierer des momentanen Aufschwungs sind Akademiker mit Handicap. Unter ihnen ist die Arbeitslosigkeit in den vergangenen vier Jahren um 17 Prozent gestiegen, wohlgemerkt bei Arbeitnehmern unter fünfzig.

Wir brauchen keinen Spucknapf, sondern einen anspruchsvollen Job

Wem immer ich während meiner Recherche erzähle, dass ich ebenfalls zu diesen Akademikern mit Handicap gehöre – die Reaktion ist stets ähnlich: Mitleid schlägt mir entgegen, hastig wird beteuert, dass es sicher auch Ausnahmen gebe. Beim Coming-out als Behinderte endet man immer als Opfer. Das Missverständnis in den Köpfen scheint nicht korrigierbar. Das ist deprimierend, denn wir sind keine Krüppel – wir sind normal. Dreitausend Behinderte mit Abitur, Hochschulabschluss oder Promotion brauchen derzeit in Deutschland keinen Spucknapf und kein Lätzchen, sondern einen ernst zu nehmenden Job, der ihrer Qualifikation entspricht.

"Behindert zu sein hieß jahrelang: Karriere in der Sonderschule. Das ist noch nicht aus den Köpfen draußen", kommentiert Mathilde Niehaus, Leiterin der Kölner Studie, die anhaltend geringe Akzeptanz von hoch qualifizierten Behinderten in der Arbeitswelt. "Studienergebnisse zeigen: Wenn Unternehmen gute Erfahrungen mit behinderten Arbeitnehmern machen, ändern sie ihre Vorurteile, aber das dauert einige Zeit, bis sich der Geist hier wirklich wandelt."

Mathilde Niehaus ist eine besonnene Wissenschaftlerin, sie vertraut auf die Inklusion. So lautet ein weiteres Zauberwort aus der Behindertenrechtskonvention, das alles richten soll: diesmal in der Schule, beim gemeinsamen Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten. Falls diese Idee funktioniert, wird es in Zukunft mehr Abiturienten mit Handicap geben – und irgendwann hoffentlich auch mehr Jobs für sie. Was aber ist mit den Ungeduldigen von heute, mit uns?