Bernd Maelicke wäre beinahe selbst einmal ein schwerer Junge geworden. Dann aber war er als Ministerialdirigent 15 Jahre lang in Schleswig-Holstein für die Gefängnisse des Landes verantwortlich. Heute gilt er als einer der führenden Denker in Sachen Strafvollzug. Als Ort des Gesprächs hat er die Jugendanstalt Schleswig vorgeschlagen, einen Jugendknast, den er für vorbildlich hält. Er wird von seiner Vision humanerer Gefängnisse sprechen – und von bestialischen Kriminellen, deren Taten ihn bis heute nicht loslassen.

ZEITmagazin: Herr Maelicke, in Ihrem Berufsleben sind Sie vielen Häftlingen begegnet. An welche erinnern Sie sich?

Bernd Maelicke: Es sind natürlich vor allem die Schlimmsten, die man nie wieder vergisst. Einer war Erbse.

ZEITmagazin: Erbse?

Maelicke: Das war sein Spitzname, er nannte sich auch selber so. Ein kleiner, schmaler Mann, vom Auftreten her total linkisch. Hatte schon viele Jahre Gefängnis hinter sich, durch und durch ein Underdog. Irgendwann saß er in Lübeck ein, dort geschah es, vor etwa zehn Jahren. Erbse arbeitete in dem Hafthaus als Kalfaktor, das ist so eine Art Hausmeister, ein bezahlter Gefangenenjob. Er verteilte in den Hafträumen Toilettenartikel. Er hatte einen kleinen Speicher, wo er diese Waren aufbewahrte. Und dazu gehörten auch diese kleinen Rasierapparate mit den fest integrierten Klingen, damit nichts passieren konnte. Später fand man hinter seinem Spiegel genaue Pläne, mit denen er seine schreckliche Tat und seine Flucht vorbereitet hatte. Und zu dem Plan gehörte auch, dass er aus den Rasierapparaten unbemerkt die Klingen rausnahm und eine Kette bastelte.

ZEITmagazin: Was hat er getan?

Maelicke: Irgendwann war er allein mit der Sozialarbeiterin in deren Büro. Lange Jahre hatten die beiden ein problemloses, fast vertrauensvolles Verhältnis, doch an diesem Tag wartete Erbse darauf, dass sie ihm den Rücken zuwandte. Dann legte er die Rasierklingenkette um ihren Hals und zwang sie, die Tür abzuschließen. Was dann geschah, war ein einziger Horror. Er vergewaltigte sie über Stunden, immer mit der Drohung, er werde sie töten, wenn jemand versuche, die Tür zu öffnen. Dann verlangte er ein Fluchtauto, mit ihr als Geisel.

ZEITmagazin: Sie waren damals im Justizministerium zuständig für diesen Krisenfall. Wie erfuhren Sie davon?

Maelicke: Ich hatte Urlaub, war in einer Skihütte in Österreich und wurde telefonisch informiert. Irgendein Privatsender war live vor dem Gefängnis. Und da sah ich dann auch, wie Erbse mit dem bereitgestellten Wagen wegfuhr. Doch der Wagen war präpariert, nach ein paar Metern blieb er stehen, Nebelkerzen explodierten, dann kam der Zugriff. Die Geisel konnte befreit werden, und Erbse wurde verhaftet. Später hat er sich damit gebrüstet, dass ihm als Einzigem jemals der Ausbruch aus diesem Gefängnis geglückt ist, wenn auch nur für ein paar Meter.

ZEITmagazin: Hätte man an Erbse irgendwie bemerken müssen, dass er diese Tat schon lange plante?

Maelicke: Nein. Alle waren sich sicher, Erbse ist auf einem guten Weg, der macht nichts mehr. Keiner konnte in seinen Kopf schauen. Auch das kann zu einem Menschen gehören: Eben noch sitzt er mit dir beim Kaffee, und plötzlich steht er auf und verwandelt sich in eine Kreatur, der es nur noch um Gewalt und Erniedrigung geht.

ZEITmagazin: Was ist aus Erbse geworden?

Maelicke: Er ist verurteilt worden und kam in Sicherheitsverwahrung. Ich weiß es nicht, aber ich denke, er wird nie wieder ein Gefängnis verlassen.

ZEITmagazin: Man könnte verstehen, wenn aus Ihnen ein Hardliner geworden wäre, einer, der die Häftlinge die Härte des Gesetzes spüren lässt.

Maelicke: Man muss in diesem Job die Distanz wahren. So grauenvoll eine solche Geschichte ist, sie ist ein Einzelfall. Es gibt das Böse, es gibt durch und durch böse Menschen. Die müssen weggesperrt werden, dürfen in diesem Zustand nie mehr auf die Menschen losgelassen werden. Aber man darf sich nicht an diesen wenigen orientieren, wenn man eine Politik für alle machen will.