Blick in die Haupthalle der alten Ford-Fabrik © Isabela Pacini

In der Abflughalle des Flughafens von Rio de Janeiro, kurz vor Mitternacht, durchkreuzten die Launen des Dschungels zum ersten Mal unsere Pläne. Der Flug nach Belém wurde gestrichen, in der 3.000 Kilometer entfernten Amazonasstadt hatte eine Regenflut die Landepiste in eine Rutschbahn verwandelt. Morgen würde es weitergehen – vielleicht, je nach der Wetterlage.

Mit solchen Unterbrechungen muss man rechnen, wenn man sich aufmacht, Fordlandia zu suchen, das größenwahnsinnige Projekt des amerikanischen Automagnaten Henry Ford aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Mitten im brasilianischen Urwald, in einem der entlegensten Dschungelgebiete überhaupt, wollte er gigantische Mengen Kautschuk anbauen und zu Gummibällen kochen, um Rohmaterial für Reifen, Scheibenwischer und Fußmatten zu beschaffen. Und um nebenbei den gesamten Urwald von seiner Wildheit zu befreien und in ein prosperierendes Wirtschaftswunderland zu verwandeln. "Der ganze Dschungel soll industrialisiert werden", sagte Ford damals.

Zu Beginn der dreißiger Jahre lebten um die 5.000 Menschen in Fordlandia. Sie bewirtschafteten 10.000 Quadratmeter Dschungel, pflanzten Millionen von Kautschuksetzlingen, errichteten Fabrikanlagen und eine komplette Siedlung nach amerikanischem Vorbild.

Am nächsten Morgen fliegen wir über Belém weiter nach Santarém, wo die Schiffe nach Fordlandia ablegen. Das blau-weiß gestrichene Boot im Hafen hat zwei Etagen: die obere, besser ventilierte, und die untere, die vollgestellt ist mit Motorrollern, eingeschweißten Baumaterialien, Orangen und Reisekoffern. Bis zur Abfahrt sind es noch drei Stunden, aber das Schiff ist längst dicht vernetzt mit schweren Baumwoll-Hängematten, eifersüchtig bewacht von den Reisenden, deren Köpfe und Füße und geblümte Kopfkissen über die Hängemattenkanten ragen. Irgendwie gelingt es uns, auch noch unsere hauchdünnen Hightech-Exemplare aus dem großstädtischen Abenteuershop an den Eisenstreben zu verknoten. Dann steigen wir zum Test hinein, was schon mal gar nicht leicht ist, ohne auf der anderen Seite wieder rauszufallen. Wüst schwingen wir nach links und rechts, rammen die Mitreisenden in der Beckengegend, aber zu kümmern scheint das niemanden. Es wird ohnehin die ganze Nacht so gehen.

Die Schiffsglocke klingelt, wir legen ab. Die Reise in das verheißene Land des Henry Ford, der die Wildnis bezwingen wollte, hat begonnen.

Dona Nazaré, 89, auf der Veranda ihres Holzhäuschens im alten Arbeiterviertel © Isabela Pacini

1928 traten in Detroit zwei riesige Schiffe mit Dieselmotoren ihre Fahrt an: mit Baggern, einem Hospital, einer Bibliothek, einem Betonmischer, Fertighausteilen und dem kompletten Material für eine Lagerhalle, mit Asbestplatten zum Schutz vor der gleißenden Sonne und gefrorenem Rindfleisch. Sogar eine große Eismaschine war mit an Bord.

"Finde heraus, wo auf der Welt der beste Ort ist, um Kautschuk zu pflanzen", hatte Ford einige Jahre zuvor seinen engsten Vertrauten Ernest Liebold angewiesen, und der befand, die Bäume des Hevea brasiliensis, die bis zu 30 Meter hoch wachsen, "sollen angebaut werden, wo sie herkommen". Also im Amazonaswald. Während die Lastschiffe Ormoc und Farge noch die amerikanische Ostküste hinabfuhren, begann vor Ort bereits ein Pioniertrupp mit der Rodung des Dschungels. Daheim in den USA schwang Henry Ford große Sprüche. "Es wird keine großen Schwierigkeiten beim Erreichen unserer Ziele geben", sagte er. Die Washington Post kommentierte, jetzt komme "die Magie des weißen Mannes" zu den Wilden. Mit solchen Geschichten im Kopf reisen wir nach Fordlandia, Geschichten vom maßlosen Machbarkeitswahn des frühen amerikanischen Kapitalismus.

Das Problem war von Anfang an, dass man bei Ford nicht allzu viel von Experten hielt und daher weitgehend auf den Rat qualifizierter Botaniker, Mikrobiologen und Tropenmediziner verzichtet hatte. Ein Drittel des frühen Fordlandia-Bautrupps war deshalb meistens krank, geschunden von Ameisen, Skorpionen, Hornissen und Moskitos. Malaria grassierte im Baucamp, Vipernbisse forderten Todesopfer.

Ausgewiesene Fachleute hätten den Ford-Verantwortlichen vermutlich auch geraten, das Areal während der Trockenzeit zu brandroden, um Platz für die Firmenanlagen zu schaffen. Das Management beschloss, es in der Regenzeit zu tun. Und weil das anfangs nicht klappte, goss man gewaltige Mengen Kerosin auf den Wald. Hunderte Hektar brannten damals tagelang, Vögel und wilde Tiere wurden in den Tod gerissen, die Stichflamme war viele Kilometer weit zu sehen. Die Eingeborenen, denen man viel von den Wundern des Herrn Ford aus Amerika erzählt hatte, schüttelten ungläubig die Köpfe.