Wer einen Elefanten berühre, berühre auch das Land, sagen sie hier an der Elfenbeinküste. Wer seine Menschenhand auf die zerklüftete Haut eines Elefanten lege, spüre Magie, behaupten sie. Ihren Kindern werden sie davon erzählen, dass sie einmal Elefanten gesehen haben, ganz in der Nähe ihrer Stadt. Sie werden sich daran erinnern, wie Waldelefanten nach Daloa kamen. Und daran, wie sie wieder verschwanden.

"Willkommen in der Elfenbeinküste", flüstert ein Dorfbewohner. Er strahlt, als er hinter sich deutet: Drei Elefantenbullen stehen zwischen Kakaobäumen und beobachten, wie sich eine Gruppe von Tierschützern im Schatten der Hütten duckt. Den größten Bullen der Gruppe stören die Menschen. Seine Augen sind fest auf die Eindringlinge gerichtet. Diese halten den Atem an. Die Haut der Waldelefanten ist fast schwarz, viel dunkler als die von Savannenelefanten. Der Bulle reißt eine Bananenstaude aus dem Boden und schmettert sie auf den Boden, hebt seinen Rüssel und trompetet. Der Klang ist schrill, metallisch, drohend. Als der Bulle seine Ohren aufstellt und drei Schritte nach vorne macht, flüchten Tierschützer und Dorfbewohner. Der Mann, der eben noch voller Stolz war, hebt hilflos seine Hände: "Sie fressen uns alles weg. Wir haben nichts mehr."

In der Landesmitte der Elfenbeinküste liegt Daloa, die drittgrößte Stadt des Landes und Zentrum des Kakaoanbaus. Hier gibt es ein Problem, schon viel zu lange.

Flüchtlinge besetzen die Nationalparks

Im Sommer 2011 tauchten in Daloa plötzlich rund zehn Elefanten auf. Sie fraßen die Pflanzen der Bauern, trampelten Felder nieder, vernichteten Ernten und Saatgut. Sie brachten Hunger und Leid. Bei einem ihrer Streifzüge stießen die Elefanten bis in die Stadt vor, zogen sich wieder zurück, aber sie verschwanden nicht. Die Monate vergingen, die Tiere blieben. Einige Dorfbewohner beschlossen, das Problem selbst in die Hand zu nehmen. Mit einem selbst gebauten Gewehr schoss ein Teenager auf einen Elefantenbullen. Die Waffe funktionierte nicht, doch die Attacke machte den Elefanten wütend. Er griff den jungen Mann an und tötete ihn. Insgesamt starben in den vergangenen zweieinhalb Jahren drei Menschen.

Die Tiere, die plötzlich in Daloa aufgetaucht sind, haben einst im Marahoué-Nationalpark gelebt, keine 50 Kilometer von der Stadt entfernt. Den darf man nur in Begleitung von Wildhütern betreten, eigentlich. Tatsächlich haben sich in den letzten Jahren Tausende von Menschen im Park niedergelassen, vor allem Flüchtlinge aus Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, und aus dem Bürgerkriegsland Mali. Sie bauten Hütten, schlugen Holz, erschossen Affen, Nilpferde, Antilopen und Elefanten. Je nach Schätzung leben dort heute zwischen 3.000 und 30.000 Menschen, die 80 Prozent des Parks besiedelt haben. Für die Regierung ist das eine Blamage. Für die Natur eine Katastrophe. Als immer mehr Menschen kamen, wichen die Elefanten zurück. In Richtung Westen, bis sie nach Daloa gelangten.

Deswegen ist eine Gruppe des Internationalen Tierschutzfonds IFAW (kurz für: International Fund for Animal Welfare) an die Elfenbeinküste gereist. Zusammen mit örtlichen Behörden und einem südafrikanischen Spezialistenteam wollen sie die Elefanten von Daloa fangen, um sie in den Azagny-Nationalpark im Süden des Landes zu bringen. Diese Aktion ist voller Risiken für Menschen und Tiere. Noch nie hat jemand so etwas mit Waldelefanten versucht, noch nie gab es eine solche Umsiedlung in der Elfenbeinküste.

Ein Knacken im Busch – die Elefanten sind nah

Mit jedem verwüsteten Feld stieg die Anspannung, wurden die Tierschützer dringlicher erwartet. "Es ist ein Wunder, dass die Elefanten überhaupt noch am Leben sind", sagt Céline Sissler-Bienvenu, Direktorin des französischen Ablegers des IFAW und Leiterin der Aktion, "eigentlich hätten wir das schon vor einem Jahr machen müssen." Seit eineinhalb Jahren hat sie auf diesen Tag hingearbeitet, nun steht die zierliche Französin im Tropenhemd unter der afrikanischen Sonne und ist bereit. Da die Tiere im Busch nur schwer zu finden sind, will sie den Tag vor dem ersten Fang nutzen und einem Elefanten ein Satellitenhalsband umlegen. Zu fünft – drei IFAW-Mitarbeiter und zwei südafrikanische Tierfänger – stehen sie am Rand einer asphaltierten Straße und blicken über eine Bananenplantage. In hundert Meter Entfernung wartet der Busch, irgendwo dort sind die Elefanten. Vom Straßenrand aus ahnt man davon nichts. Bis sich ein paar Baumspitzen biegen, das Knacken von brechenden Zweigen herüberschallt. Die Elefanten sind nah.