Der Mann hat 366 Millionen Euro Schulden, scheint davon aber nicht besonders beeindruckt zu sein: Gut gelaunt und fein gewandet, steht Willi Balz im Esslinger Neckar Forum, plaudert hier mit einem Anwalt, winkt dort einem Anleger. Dabei beginnt gleich die Versammlung für Menschen und Organisationen, die seiner mittlerweile insolventen Firma Windreich einst viel Geld geliehen haben.

Das war vor wenigen Wochen. Trotz seiner zur Schau getragenen Zuversicht scheint Balz an einem Tiefpunkt zu stehen. Mit Windreich wollte er mehr Offshore-Windparks bauen als jeder andere Entwickler. Im vergangenen Jahr aber ging ihm das Geld aus. Ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung scheiterte, seit Dezember herrscht ein Insolvenzverwalter über die Firma. Obendrein laufen gegen Balz Ermittlungen wegen des Verdachts auf Bilanzmanipulation, Kapitalanlagebetrug, Marktpreismanipulation, Kreditbetrug und Insolvenzverschleppung.

Die Pleite kostete Balz nach eigenen Angaben viele Freunde und die "attraktive Frau", die er erst vor Kurzem geheiratet hatte. Balz sagt, er habe sein gesamtes Privatvermögen von 250 Millionen Euro als Bürgschaft für Windreich zur Verfügung gestellt.

"Heilig’s Blechle, wenn des funktioniert", sagt Balz

Wenn man Balz lässt, erzählt er die Geschichte vom Bauernsohn aus Wolfschlugen bei Stuttgart, der es zu Geld brachte, mit dem er die Energiewende voranbringen wollte. Geboren im Jahr 1960 als ältestes von drei Kindern, baute Balz als Jugendlicher "mit wenig Geld, aber viel Liebe zum Detail" Modellflugzeuge. Mit 15 Jahren machte er eine Lehre als Elektroniker bei Thyssen Aufzüge. Die Ausbildung schloss er als Kammerbester seines IHK-Bezirks ab.

Balz wechselte zu Daimler, verließ den Konzern aber bald wieder, um die Fachhochschulreife zu erwerben und in Esslingen ein Studium zum Diplom-Wirtschaftsingenieur zu absolvieren. Zugleich lernte er Programmieren und schrieb eine Software "für Steuer- und Finanzoptimierung", die von Bauträgern eingesetzt wurde. 1981 gründete er die Firma Willi Balz Baufinanzierung, und wenig später folgte die Financial Consulting GmbH, die bis heute existiert.

Jahrelang lief das Geschäft gut, doch Balz’ Leidenschaft galt der Windkraft. Als Praktikant beim Segelflugzeugbauer Schempp-Hirth war er 1981 an der Fertigung der Rotorblätter für das damals weltgrößte Windrad Growian beteiligt. "Heilig’s Blechle, wenn des funktioniert!", habe er gedacht, erzählt er in gepflegtem Schwäbisch.

Als in den Neunzigern erstmals feste Abnahmepreise für Alternativstrom vorgeschrieben wurden, gründete Balz eine Firma, die er später für 105 Millionen Euro verkaufte. Dann expandierte er mit Windparks auf See. Zeitweise gehörten Windreich den Marktforschern von wind:research zufolge 35 Prozent aller Offshore-Windprojekte in der Nordsee. Balz war dabei, jedes Jahr einen neuen Windpark zu realisieren. Doch dann, so stellt es Balz dar, habe eine Kampagne mit anonymen Anschuldigungen und hässlichen Presseberichten begonnen. Nur das, sagt er, habe letztlich zur Windreich-Insolvenz geführt.

Balz residiert heute weiterhin in einem Büro in seinem Heimatdorf Wolfschlugen. Vitrinen, Wände und Tische sind voller Pokale und Urkunden, von einer Ehrung für langjährige IHK-Mitgliedschaft bis zu Auszeichnungen für gewonnene Autorennen, Segelregatten und Flugwettbewerbe. Die Erfolge sind verbürgt. Ob aber alles stimmt an seiner Erzählung vom unverschuldet in die Pleite gedrängten Energiewender, ist fraglich. So bestreiten mehrere Personen, die mit ihm gearbeitet haben, sein echtes Interesse an sauberer Energie. "Es ist ihm immer nur ums Geld gegangen", sagt ein früherer Geschäftspartner.

Insgesamt erweckt Balz den Eindruck, er würde die Lage gern besser darstellen, als sie ist – ohne sich dabei aber beim Lügen ertappen zu lassen. So hieß es Ende 2012 in einer Ad-hoc-Mitteilung: "Nordsee-Windprojekt Deutsche Bucht an Finanzinvestor verkauft". Die Erlöse lägen "im dreistelligen Millionenbereich", Windreich erobere "die deutsche Nordsee endgültig" und beeindrucke "auf der ganzen Linie". Das klang nach einem vollen Erfolg, doch heute ist klar, dass man das auch anders sehen kann. Der "Basiskaufpreis" betrug dem der ZEIT vorliegenden Insolvenzgutachten zufolge nur 75 Millionen Euro, von denen 50 Millionen Euro sofort fällig waren. Davon flossen jedoch 35 Millionen Euro direkt wieder zurück an den Käufer des Parks, der Windreich Ende 2010 einen mit 24 Prozent verzinsten Kredit gegeben hatte. Die übrigen 15 Millionen Euro bekam ein weiterer Gläubiger. Weitere Zahlungen – mit denen sich die Aussage vom dreistelligen Millionenbetrag rechtfertigen ließe – wären erst später und nur unter vielen Bedingungen zu leisten gewesen.