"Jedes Leben ist von innen gesehen nichts weiter als eine Kette von Niederlagen": Willy Brandt hat sich einmal auf einem Zettel diesen Satz notiert, der von dem Schriftsteller George Orwell stammt. Und in der Tat gehört es für uns Normalsterbliche zu den erstaunlichsten und erschütterndsten, gar nicht tröstlichen Einsichten, dass nicht nur wir, sondern auch die Götterlieblinge heimgesucht werden von bösen Geistern und nachtschwarzen Gedanken. In der Seele lauert der Abgrund – auch bei den Schönsten, Klügsten, Reichsten und Mächtigsten.

Für einen der brillantesten Feuilletonisten unserer Zeit hätte der Orwell-Satz ebenfalls ein Motto sein können. Fritz J. Raddatz, der Autor, Kritiker und legendäre Feuilletonchef dieser Zeitung von 1977 bis 1985, hat über Jahrzehnte hinweg sein Leben von innen betrachtet und dessen Kette von Niederlagen in seinen Tagebüchern notiert. 2010 veröffentlichte er einen ersten Band mit Einträgen aus den Jahren 1982 bis 2001, der zur gierig gelesenen und empört diskutierten Sensation wurde. Jetzt erscheint der zweite Band, der von 2002 bis 2012 reicht (und natürlich kommt Brandt auch vor, wie alle anderen bedeutenden sowie viele weniger bedeutende Figuren). Sehr amüsant ist es dabei, dass der Leser nunmehr also genau mitverfolgen kann, wie allmählich Raddatz’ ungewöhnlicher Entschluss reift, den ersten Band noch zu seinen Lebzeiten zu veröffentlichen, und wie ihm daran fast die Lust vergeht, weil ihm sein Verleger Alexander Fest eine lange Streichliste aus Persönlichkeitsschutzgründen präsentiert. Auch für den zweiten Band waren Streichungen nötig – der unzensierte Raddatz lagert gleichsam mit Zeitzünder in Marbacher Archivkellern.

Der neue Band unterscheidet sich allerdings deutlich von seinem Vorgänger. Vor vier Jahren schilderte uns Raddatz ein atemberaubendes Leben mitten im Kulturbetrieb, in bed with Nurejew, Champagner trinkend und Austern schlürfend im rasenden Jaguar, gleichsam pendelnd zwischen Günter Grass und Susan Sontag – und zugleich einen immerfort von vermeintlichen Zurückweisungen anderer tief verletzten, im Grunde einsamen Star. Die letzten zehn Jahre klingen jetzt anders: Aus dem schwankenden Klagelied wurde der grandiose Altersgesang eines Intellektuellen im achten Lebensjahrzehnt.

Fritz J. Raddatz - Lesetipp von Ijoma Mangold: "Tagebücher 2002 - 2012" Der zweite Band der Tagebücher von Fritz J. Raddatz ist ein klagendes Alterswerk. Darin wird auf brillante Weise gezeigt, wie schwierig das Glücklichsein ist, meint ZEIT-Literaturchef Ijoma Mangold.

"Wieviel Zeit bleibt mir noch? Und WIE richte ich diese Zeit sinnvoll aus bzw. ein?", lautet seine Frage. Zunächst ist man genervt von noch einmal anschwellender Jammerei, denn schließlich merkt Raddatz selbst ab und an, wie gut es ihm noch geht ("da schluchzt einer im gekühlten Jaguar und holt sich 1.000 Euro von der Bank"). Doch irgendwann spürt man, wie existenziell die Nöte sind: "Ein Raddatz ins Altersheim? Wie nur schafft man den Abgang vorher, rechtzeitig?", "Synapsen hängen schlaff" – aber nicht nur das; Krankheit, Krebsdiagnosen, Operationen kommen: "Mein Gehirn ist eine unablässig rotierende Maschine, ratternd im Rhythmus Krebs-Prostata-Schmerz-Tod." Tatsächlich berühren seine umdüsterten Todesgedanken: Dieses Tagebuch ist eine Vanitas-Studie.

Zumal es einsam um ihn wird: Es sterben in diesen Jahren ja nicht nur Rudolf Augstein und Marion Gräfin Dönhoff, die ihm verhasst sind, sondern auch Weggefährten wie Susan Sontag, der Freund Paul Wunderlich, Walter Kempowski, Joachim Fest, den er gerade erst schätzen gelernt hatte, schließlich auf der letzten Seite Peter Wapnewski. Allesamt zeichnet er mit harten Strichen, wohl auch verzerrend – aber eben doch in einem Nahverhältnis. Neben Wunderlich und dem heroisch-wunderbaren Lebensgefährten Gerd gehört zu den Hauptfiguren Günter Grass, mit dem es diverse Zerwürfnisse und Versöhnungen gibt, sowie Joachim Kaiser. Ihnen gelten abgründig-genaue, ungeschönte Zeilen. "Tatsächlich bin ich ja indiskret", räumt der Tagebuchschreiber ein, der andere so verletzt; "kann nicht leugnen, dass mich das quält." Er macht’s trotzdem – und ist verletzt über das wenige, was er seinerseits in den Tagebüchern von Rühmkorf, Kempowski und Grass über sich lesen muss. So tun es alle. Oft beklagt er die Verlogenheiten des Kulturbetriebs, dieses Jahrmarkts der Eitelkeiten – um selber kräftig über Nahestehende zu lästern.

Der 1931 geborene Raddatz fühlt sich allmählich aus der Zeit gefallen: "FJR – der Saurier", "ein Ding aus uralten Zeiten, das man bestaunt" oder "Has-been und Outlaw in einer Person". Und: "Ich bin eine Art Trotzki, dessen Anwesenheit wegretuschiert wurde." Die Gier nach Geld und Gesten hört nicht auf, auch wenn sie nie reichen oder meist unpassend ausfallen – und er sie oft schonungslos an sich geißelt, jene "Nuttentour des Greises, so peinlich-würdelos wie Greise eben sind". Und er fühlt sich stehen geblieben ("Ich habe keine Ahnung, was eine Lady Gaga tut, singt sie?"): "Eine Welt-Schlagzeile Mariah Carey war während Schwangerschaft oft unwohl raubt mir natürlich den Schlaf; was für eine Sensation!! Abgesehen davon aber weiß ich nicht, wer Mariah, die Unwohle, überhaupt ist – muß man das wissen?" Lustig macht er sich über das übliche Raddatz-Klischee: "Wer keinen Rucksack trägt, keinen ausgefransten Pullover zu Fetzenjeans, sondern nur normal angezogen ist, ist eben ein Dandy."

Natürlich ist es ein gutes Leben, zwischen Hamburg, Sylt und Nizza, inmitten einer schönen Kunstsammlung. Aber Glück ist das nicht für ihn – und Raddatz versteht nicht, weshalb das kaum jemand versteht: "Maßanzüge – und lebenstraurig: Das KANN und darf nicht zusammenpassen." Wer seine Biografie kennt, weiß um die Traumata seines Lebens, die hier noch mal reflektiert werden: ein vom Vater initiierter Missbrauch des Elfjährigen durch die Stiefmutter, eine wilde Affäre des Halbwüchsigen mit dem schillernden Bautzen-Pastor Hans-Joachim Mund. "Ich bin in meiner gesamten Kindheit und Jugend nicht EINmal gestreichelt worden, in den Arm genommen, gar geküsst." Wir erfahren auch von seiner Lebenssexbilanz (20 Frauen, circa 1.000 Männer, darunter Klaus Mann).