Wenn draußen dicke Schneeflocken fallen und Kimie Furuuchi mit ihren Freunden im Warmen sitzt und Stoffröckchen für Plüschbären näht, ist alles wie früher. Als sie erzählt, wie schwer in stürmischen Jahren die Reisernte war, bilden sich kleine Lachfalten um ihre Augen. Zufrieden lehnt sie sich gegen die Wand, wenn sie von ihrem Sohn und ihrer Tochter spricht. Und als die 85-Jährige ihr Handy aufklappt, erst ein Foto von ihrem Haus zeigt und danach in spöttelndem Singsang über die moderne Technik schimpft, dann klingt sie genau so, wie man sich alte Leute vorstellt.

Doch das Reisfeld gibt es nicht mehr, auch das Haus nicht und den Sohn. Der Tsunami vom 11. März 2011 hat ihr all das genommen. Als dann das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi havarierte, dort drei Reaktorkerne schmolzen und große Mengen Radioaktivität in die Umwelt entwichen, verlor Frau Furuuchi auch ihre Nachbarschaft, ihr Viertel, ihren Alltag. Denn ihre Heimatstadt Minamisoma liegt nur 20 Kilometer nördlich der Kraftwerksruine.

Seit drei Jahren lebt Furuuchi in einer der Containersiedlungen außerhalb der Stadt, am Rand der früheren Sperrzone. Ihre Bleibe spottet jeder deutschen Studentenbude, ist selbst für japanische Verhältnisse klein. Die Witwe wohnt allein, nur im Gemeinschaftsraum findet sie jemanden zum Reden. Ihre Schwiegertochter muss die eigenen Eltern versorgen. Ihre verbliebene Tochter lebt mit Furuuchis Enkeln in Tokio und meidet die Nähe zu Fukushima. Furuuchi will nicht zu ihnen ziehen. "In der Großstadt saust alles kreuz und quer. Kurz nach dem Beben habe ich versucht, dort zu leben, aber das ist für jemanden wie mich zu viel", sagt sie: "Ich bin hier geboren, habe hier gelebt und möchte hier sterben."

Kimie Furuuchi, 85 ©Haluka Maier-Borst

Schlägereien und Alkoholprobleme gehören zum Alltag

Drei Jahre nach dem Beben erholen sich die meisten vom Tsunami zerstörten Städte. Jetzt stehen wieder Häuser dort, wo lange nur Trümmer übrig waren. Neue Dämme und Wehre werden gebaut, um der nächsten Naturkatastrophe standzuhalten. Aber in der Präfektur Fukushima verhindert die radioaktive Belastung vieler Gebiete einen zügigen Wiederaufbau. Schon wo und wie kontaminierte Erde und Schrott entsorgt werden sollten, blieb lange unklar.

Es ist eine anhaltende Ausnahmesituation, die vor allem die alten Menschen in den Notunterkünften aufreibt. Senioren wie Kimie Furuuchi leben dicht an dicht mit Wildfremden, aus ihrer gewohnten Gemeinschaft herausgerissen. In Minamisoma berichtet ein Beamter, dass Streitereien, Handgreiflichkeiten und der Griff zum Alkohol in vielen Containerdörfern an der Tagesordnung seien. Ende November vergangenen Jahres überstieg in der Präfektur Fukushima die Zahl der Toten durch Spätfolgen der Katastrophe die Zahl derer, die direkt durch das Erdbeben und den Tsunami umgekommen waren. Während unmittelbar nach den Schreckenstagen im März 2011 genau 1.603 Tote zu beklagen waren, zählte die japanische Wiederaufbaubehörde Ende vergangenen Jahres 1.605 Todesfälle, die sich vor allem mit den psychischen Folgen der Katastrophe in Verbindung bringen lassen.

Wohl auch deshalb heben die japanischen Behörden nach und nach dort die Sperrzone auf, wo sie das Risiko für vertretbar halten. Am 1. April dürfen die rund 300 Bewohner des Dorfes Tamura zurückkehren. In der Stadt Minamisoma, die innerhalb der Präfektur Fukushima mit bislang 437 Todesfällen die meisten Opfer aufgrund psychischer Spätfolgen zu beklagen hat, treibt die Stadtverwaltung nun die Wiederbesiedlung des Viertels Odaka voran, aus dem Frau Furuuchi stammt. Es liegt innerhalb der kreisrunden Evakuierungszone, die am Tag nach dem Tsunami mit einem Radius von 20 Kilometern um das Kernkraftwerk gezogen worden war. Dieser Zirkel trennte Odaka vom Rest Minamisomas. Die Heimat von rund 13.000 Menschen wurde zum nuklearen Niemandsland. Wollte einer von ihnen sein Zuhause betreten, und sei es für einige Stunden, musste er Anträge stellen, Kontrollen über sich ergehen lassen und schließlich mit weißem Schutzanzug und Dosimeter die Sperrzone betreten.

Normalität von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang

Mehr als ein Jahr lang dauerte das an. Dann plötzlich konnte es den Behörden mit der Öffnung nicht schnell genug gehen. Obwohl die Dekontamination des Stadtbezirks gerade erst angefangen hatte, durfte jeder nach Belieben Odaka betreten – tagsüber. Es blieb lediglich verboten, über Nacht zu bleiben. So ist es bis heute, ansonsten aber soll täglich für rund zehn Stunden die Normalität in die einstige Sperrzone einziehen. Nur tut sie das nicht.

Während Truckfahrer und Baggerführer aus allen Ecken Japans nach Odaka kommen, um für gutes Geld Trümmer wegzuräumen und die Stadt aufzubauen, bleiben die fern, die einst hier zu Hause waren. Frau Furuuchi mag auf Heimaterde in Frieden sterben wollen. Aber leben kann sie hier kaum: Es mangelt an Ärzten, an Pflegern, an Krankenschwestern. Es fehlen Menschen, die Supermarkt und Tankstelle betreiben. Es fehlt eine ganze Generation. Weil immer noch rund ein Drittel der einst 70.000 Einwohner von Minamisoma fern der Heimat lebt, weil die Jungen wegziehen und wohl nie mehr zurückkehren werden.