Der Ort trägt zwei Namen. Den einen haben sich Größenwahnsinnige ausgedacht: "Grandhotel Cosmopolis". Natürlich ist "Grandhotel" ein Witz. Es handelt sich um einen schmucklosen, hellgelben Sechziger-Jahre-Bau, ein ehemaliges Pflegeheim in der Augsburger Altstadt. Aber am Eingang schreiten die Gäste über einen roten Teppich und werden respektvoll von Concierges in rot-goldenen Anzügen begrüßt. An der Wand neben der Rezeption: Weltzeituhren. Nicht New York, London, Paris, sondern Gaza, Port-au-Prince, Lampedusa.

In der Lobby spielt ein Popsänger aus Afghanistan Klavier, auf der Couch hat es sich ein Christ aus dem Iran gemütlich gemacht. An der Bar bedienen zwei Mazedonier, vor der Theke toben tschetschenische Kinder.

Der Asylbewerber als willkommener Gast, die Flucht als Urlaub, in dem man Bekanntschaften schließt, Erholung findet, Inspiration – das ist die Vision.

Die Bürokraten vom Regierungsbezirk Schwaben, die die Vision verwalten, nennen den Ort GU XV. Die 15. Gemeinschaftsunterkunft in Augsburg, ein Asylbewerberheim des Freistaats Bayern, des Bundeslands mit der restriktivsten Asylpolitik.

Seit Monaten protestieren Flüchtlinge in Deutschland gegen menschenunwürdige Behandlung. Sie marschieren quer durch die Republik, nähen sich die Lippen zu, hungern sich bewusstlos. In Augsburg haben Bürger ihnen ein Hotel gebaut, mit Rosengarten im Innenhof und Domblick vom Balkon.

Im Grandhotel gibt es 27 Flüchtlingszimmer und 18 Zimmer für ganz normale Hotelgäste, elf Künstler-Ateliers, einen Seminarraum, ein Café, ein Restaurant und, wenn die Laien-Bauarbeiter irgendwann fertig werden, eine Galerie.

Gerade wurde das Grandhotel Cosmopolis beim Bundeswettbewerb "Deutschland – Land der Ideen" als Sieger geehrt. Jürgen Fitschen, der Co-Chef der Deutschen Bank, sagte in seiner Laudatio: "Die Bundessieger liefern mit ihren Ideen moderne Lösungen für die Zukunft unserer Städte. Sie sind Vorbilder, denn sie setzen ihre Visionen mit Leidenschaft, Engagement und Kreativität in die Tat um." Aber taugt dieses eigenartige Hotel, in dem man Gäste, Künstler und Flüchtlinge kaum auseinanderhalten kann, für mehr als einen Applaus bei einer Preisverleihung? Taugt es für ein modernes Märchen?

Das Hotel als soziale Skulptur

Eine Weile lang müssen die Macher des Grandhotels sich tatsächlich wie Figuren in einem Märchen vorgekommen sein. Ihr Hotel war der Palast. Sie hatten ihn selbst gebaut.

Vor einem Jahr, im Februar 2013, ist das Grandhotel noch eine Baustelle. Von den Flüchtlingen, die hier mal wohnen sollen, keine Spur. Dafür gibt es zwei Dutzend Freiwillige, die das ehemalige Altenheim sanieren. Sechs Etagen, 66 Zimmer, 2630 Quadratmeter. Die Freiwilligen nennen sich "Hoteliers" und tragen bei offiziellen Anlässen Concierge-Mützen und rot-goldene Jacken aus dem Theater. Sie haben zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, für wen sie da schuften. Die Behörden werden ihnen die Flüchtlinge erst zuteilen, wenn alles fertig ist. Im Augenblick haben die Hoteliers bloß eine Überzeugung, eine Idee und sehr viel Energie.

Da ist Johannes, ein Student der Konfliktforschung, der bewegende Reden schreibt und meistens barfuß läuft, es sei denn, er trifft den Chef der Ausländerbehörde.

Da ist Lauritz, ein fleißiger Chirurg, der mit medizinischer Sorgfalt Kabelkanäle verlegt und Schaltkreise studiert und nur ab und zu den falschen Draht kappt.

Da ist Stef, ein leiser Musiker, der sich im dritten Stock ein Tonstudio eingerichtet hat, aber die meiste Zeit damit verbringt, sich ins Asylrecht einzulesen.

Da ist Berni, ein bärtiger Schweiger, der hier die 3000 Sozialstunden abbrummt, zu denen er verknackt wurde, weil er die Stadt mit so vielen schwarzen Blumen verzierte, dass manche sie für das Augsburger Stadtwappen halten.

Und da ist Georg Heber. Die Hoteliers betonen bei jeder Gelegenheit, dass sie keinen Anführer haben. Das Grandhotel sei ein Gemeinschaftsprojekt, eine "soziale Skulptur", an der alle gleichberechtigt mitarbeiteten. Doch wenn das Grandhotel eine Skulptur ist, hat Heber den Steinblock aufgetrieben, die Leute zusammengetrommelt und die Meißel verteilt.

Beim ersten Treffen sitzt der 33-Jährige auf einem Sessel in seinem Baustellenbüro im zweiten Stock. Heber, Bob-Marley-Strickmütze auf der Mähne, hat seine typische Pose eingenommen, die Beine eng übereinandergeschlagen, einen Ellbogen auf dem Knie, in der Hand eine Selbstgedrehte.

"Die Wörter Flüchtling und Asylbewerber nehmen wir nicht in den Mund", sagt er. "Hier gibt es nur Gäste." Auch das Wort "Ehrenamt" sei verboten – weil es im Grandhotel weder um Ehre noch um Ämter gehe. Zu diesem Zeitpunkt glaubt Heber noch fest daran: Man ändert die Gesellschaft schon, indem man die alten Begriffe tilgt.

Georg Heber gehört zur alternativen Kulturszene Augsburgs. Bevor er auf die Idee kam, ein Flüchtlingshotel zu eröffnen, hatte er mit ein paar Freunden eine stillgelegte Brauerei ins "Jean Stein" verwandelt, eine Art Kulturzentrum, das bald zur In-Location wurde. Heber wollte die alte Brauerei vor dem Abriss retten, doch als die Bagger anrollten, war keiner mehr da, der mit ihm protestieren wollte. Heber war sauer auf seine Freunde, er hatte ihre sinnlosen Partys satt. Sein nächstes Projekt sollte die Welt verändern.

Das mit der sozialen Skulptur hat Heber vom Aktionskünstler Joseph Beuys. "Jeder Mensch ist ein Künstler", sagte der, und das war von Anfang an der Grundgedanke des Grandhotels.

Die Brauerei wurde abgerissen, Heber suchte nach einem neuen Ort für seine Träume. Im Sommer 2011 fiel ihm das heruntergekommene Altenheim im Domviertel auf. Es gehörte dem Diakonischen Werk Augsburg und stand seit vier Jahren leer. Heber erfuhr, dass die Regierung von Schwaben das Gebäude mieten wollte, um Asylbewerber darin unterzubringen.

Das brachte ihn auf eine Idee: Was, wenn Künstler und Asylbewerber gemeinsam einzögen, und mit ihnen Touristen aus aller Welt? Wenn sie die Flüchtlinge ins kulturelle Zentrum der Stadt holen und damit die Asylpolitik auf den Kopf stellen würden?

Gemeinsam mit acht Freunden schrieb Heber das "Konzept für eine soziale Skulptur im Herzen Augsburgs", das Grandhotel Cosmopolis: Die Asylbewerber können sich in den Hotelbetrieb einbringen, in der Wäscherei, im Café, am Empfang. Gemeinsam mit den Künstlern können sie ihre Zimmer einrichten, Wände streichen, Musik machen. Ein Flüchtlingsheim als Begegnungsstätte mit internationalem Flair, nach dem Vorbild der alten Grandhotels.

Pfarrer Fritz Graßmann, der theologische Vorstand der Diakonie, war begeistert. Er fragte sich schon lange, was aus dem Haus werden sollte. Die Diakonie hat ihren Sitz gleich neben dem ehemaligen Pflegeheim. Manchmal ging der Pfarrer durch die Verbindungstür, die von seinem Büro nach nebenan führte, und lief durch die gespenstisch leeren Flure, die verlassenen Schwesternwohnungen unterm Dach, die grün gekachelte Großküche im Keller.

Am 1. September 2011 übergab der Pfarrer dem Sozialkünstler Heber den Hausschlüssel. Mit einer Handvoll Freunden renovierte Heber zuerst die Lobby. Den Fünfziger-Jahre-Tresen überließ ihnen ein Fotogeschäft; eine Brauerei spendete ein Spülbecken, einen Kühlschrank und etliche Kästen Bier. Im Dezember gab es die ersten Partys und Konzerte, in den folgenden Monaten veranstalteten sie Lesungen, Ausstellungen, Gesprächsabende – mehr als anderthalb Jahre bevor die ersten Flüchtlinge und Hotelgäste einzogen. Und lange bevor Deutschland begriff, dass es sich auf einen neuen Zustrom von Flüchtlingen einstellen musste.

Das verlassene Altenheim wurde schnell zum neuen Hotspot der alternativen Szene. Viele, die kamen, wollten mitmeißeln an der sozialen Skulptur.

Anderthalb Jahre nach der Schlüsselübergabe ist das gesellschaftliche Kunstwerk kaum noch zu überblicken. Fast täglich sieht man neue Gesichter auf der Baustelle: Studenten, die hier ein Praktikum machen; Verurteilte, die ihre Sozialstunden ableisten; Flüchtlinge, die in Heimen in der Umgebung untergebracht sind und die vor der Öde in das unfertige Hotel fliehen.

Keine Hierarchien, jeder Mensch ein Künstler

Die Baupläne hängen im Fahrstuhl, die Bauleiterin hat blaue Haare und studiert im ersten Semester Architektur, niemand hört auf sie. Bei einer Sitzung streiten sie stundenlang über ein rosafarbenes Waschbecken, und niemand ist befugt, den Spuk zu beenden. Keine Hierarchien, jeder Mensch ein Künstler – frei nach Joseph Beuys.

Viele arbeiten Vollzeit als unbezahlte Laienhandwerker, an manchen Tagen von morgens um zehn bis nachts um vier. Der Student der Konfliktforschung zieht seine Schuhe an und reißt Wände ein; ein Illustrator pinselt Vögel ins Treppenhaus; ein junger Klempner, Widerstand gegen die Staatsgewalt, verbüßt seine Strafe mit einem Presslufthammer im Keller. Manchmal stehen sie dort in der Scheiße, weil einer das falsche Rohr rausgerissen hat.

Heber ist täglich auf der Baustelle, 80 Stunden die Woche. Während der Sanierung haust er in einer Schwesternwohnung unterm Dach, raucht viel und isst wenig. Zehn Kilo hat er abgenommen, sein Bart ist verwildert, seine Wangen sind blass. Seine Mutter, die mittags in der Gemeinschaftsküche für alle kocht, sagt, er müsse mal wieder an die frische Luft. Er selbst sagt, er brauche dringend Urlaub, allein schon, um seine Beziehung zu retten. Während des Sommers in der Brauerei hat er eine Theaterschauspielerin kennengelernt und geheiratet. Nun aber hat er kaum noch Zeit für sie.

Heber hat ein erstaunliches Talent, Menschen zu gewinnen. Stößt jemand zur Gruppe, gibt er ihm vom ersten Augenblick an das Gefühl, dazuzugehören. Sofort lullt er einen mit seiner sanften Stimme ein. Im Gespräch kommt er manchmal so nah heran, dass man die Wärme seines Atems spürt.

Heber kann spontan für 30 Leute kochen und am Ende seine eigene Portion hergeben; und kurz darauf schreit er herum, weil einer über die frisch gewischten Fliesen im Bad läuft.

"Er spielt mit den Menschen", sagt einer der Hoteliers. "Ein bisschen wie ein Sektenführer."

Heber sagt dauernd, dass er nicht zum Chef stilisiert werden möchte. Doch wenn die Presse da ist, redet er immer etwas lauter als sonst. Während er versucht, den Gemeinschaftsgedanken zu formulieren, spricht er ständig von sich. Die häufig beschworene Basisdemokratie im Grandhotel Cosmopolis wirkt zuweilen wie eine gewaltlose Alleinherrschaft.

"Georg ist ein unglaublicher Motivator", sagt einer der Hoteliers, der seine Bachelorarbeit über die Gruppendynamik des Projekts schreibt – das Grandhotel ist schon ein Forschungsobjekt, noch bevor es überhaupt fertig ist. "Wenn er anzieht, ziehen alle mit. Und wenn er es schleifen lässt, macht keiner was. Ich bin mir sicher, dass er in der freien Wirtschaft steinreich werden würde."

In der Baustellenküche stehen jeden Morgen zwei große Körbe mit Brötchen, Brezeln, Croissants, Quarktaschen, Nussschnecken, gespendet von einer Bäckerei. Im Baumarkt bekommen die Hoteliers Mosaikfliesen geschenkt, eine Schubkarre und eine Bohrmaschine. Ein Versicherungsportal überlässt ihnen 15 Computer. Als der Bayerische Rundfunk dem Projekt den "Miteinander-Preis" verleiht, tönen Concierges vor laufender Kamera, man solle noch eine Null an das Preisgeld von 10.000 Euro dranhängen, weil allein die Feuerleiter ein Heidengeld koste. Da fällt einem Alpenbauern vor dem Fernseher ein, dass er noch eine in seinem Schuppen liegen hat. Die Kalksteinwerke Südbayern spenden 1000 Euro, die Reinigungsfirma mega-rein überweist 3000 Euro. Die Robert-Bosch-Stiftung lässt 50.000 Euro springen.

Irgendwann bemerkt Heber, dass der Begriff Skulptur es eigentlich doch nicht so gut trifft, weil man bei Skulpturen etwas abschlägt, wegnimmt, reduziert. Also nennt er das Grandhotel fortan "soziale Plastik", weil ständig etwas hinzukommt.

Der wichtigste Verbündete des Grandhotels ist das Diakonische Werk Augsburg. Es nimmt einen Baukredit über 340.000 Euro auf, für Sanitäranlagen, Heizungsarbeiten, Brandschutz, es beauftragt Hebers Schwager als Architekt und vergibt sechs Praktikumsplätze an Heber und fünf seiner Freunde, 300 Euro im Monat, damit sie irgendwie über die Runden kommen. Viele wohnen während des Umbaus wie Heber im Haus – die Diakonie kommt für Heizung, Strom und Wasser auf.

Im Gegenzug renovieren die Hoteliers die drei Stockwerke, die die Diakonie später an die Regierung vermieten wird. Und die Hoteliers polieren das Image des Wohlfahrtsverbands auf. Erneuerung, sagt Pfarrer Graßmann, komme in der Diakonie gut an. Dass die Hoteliers, vorsichtig gesagt, weltanschaulich neutral sind, ist für Graßmann kein Problem.

Nur das provokante Auftreten seiner neuen Nachbarn macht dem Geistlichen manchmal zu schaffen. Im Oktober 2012 zum Beispiel, als er sie ins Bauamt begleitet, um die endlich genehmigte Nutzungsänderung des Gebäudes abzuholen: Singend, klatschend und tanzend zieht eine Horde sektseliger Concierges in die Behörde, angeführt von einem Hotelier, der sich als Gehirn verkleidet hat. Das Gehirn schreit immerzu: "Benutz mich!"

Spätestens jetzt dürfte dem Letzten klar sein, dass das Grandhotel nicht nur eine kreative Idee ist, sondern vor allem: Protest. Ein Dauerprotest in einem bayerischen Asylbewerberheim. Bayern gehört zu den wenigen Bundesländern, in denen Asylbewerber in GUs wohnen müssen – einer der Hauptgründe für die deutschlandweiten Proteste gegen das Asylrecht.

Die Heimleiterin sieht nur den fehlenden Duschvorhang

Man könnte sich fragen, warum die Regierung von Schwaben sich darauf eingelassen hat. Sie richtet eine Gemeinschaftsunterkunft in einem Hotel ein, das umgebaut wurde, um gegen die Gesetze zu protestieren, die sie durchsetzen muss. Aber in Schwaben fehlen Plätze für Asylbewerber, und es gibt nicht viele Vermieter, die sich gern Flüchtlinge ins Haus holen.

Ursprünglich wollten die Hoteliers, dass Künstler, Hotelgäste und Flüchtlinge im Grandhotel Cosmopolis Tür an Tür wohnen. Doch die Regierung bestand darauf, abgeschlossene Bereiche auf drei Stockwerken zu mieten, mit Bädern, Küchen und Gemeinschaftsräumen nur für die Flüchtlinge. Für die Hoteliers war das der erste große Kompromiss. Sie ahnten nicht, was noch kommen würde.

Am 12. Juni 2013, einen Monat bevor die ersten Flüchtlinge einziehen, besucht eine Delegation der Regierung von Schwaben das Grandhotel, um sich ein Bild vom Zustand des Gebäudes zu machen. Unter den vier Besuchern ist auch die Heimleiterin Stefanie Jungbeck. Sie wird in der GU XV für die Stockwerke der Flüchtlinge zuständig sein.

Jungbeck führt in Unterwittelsbach noch eine weitere Gemeinschaftsunterkunft, mit 70 Asylbewerbern. Dort laufe es hervorragend, sagen ihre Vorgesetzten. Sie nennen Jungbeck "unsere Senkrechtstarterin". Die Hoteliers sind gespannt auf ihre Heimleiterin. Sie wissen, dass von einem guten Verhältnis zu ihr viel abhängen wird.

Es ist ein sonniger Morgen, Stefanie Jungbeck trägt von Kopf bis Fuß Pink: Lippenstift und Lidschatten, Halstuch und Strickjacke, Nagellack und Ballerinas. Vor ihr steht ein halbes Dutzend Hoteliers, barfuß und unrasiert, mit Farbflecken auf den zerrissenen Hosen.

Heber kommt zu spät, er sieht verschlafen aus. Jungbeck sieht ihn an: Baseballmütze schief auf der Mähne, Wollpulli mit grünen Elefanten, eine Damenhandtasche aus Kunstleder. Sie sagt nichts. Heber, der bisher noch jeden rumgekriegt hat, fragt: "Wie wird man eigentlich Heimleiterin? Ich meine, was lernt man da?" – "Verwaltungsfachangestellte", sagt Jungbeck, nur dieses eine Wort.

Die Hoteliers führen die Besucher durch die Stockwerke der Asylbewerber. Die Badezimmer haben sie mit Mosaikfliesen verziert, auf einer Wand hat ein italienischer Hotelier die Wörter libertà und umanità eingearbeitet, Freiheit und Menschlichkeit. Doch die Delegation sieht nur, dass ein Duschvorhang fehlt. "So geht das nicht!", sagt die Heimleiterin.

In einem der langen Flure hängt ein buntes Sortiment gespendeter Lampen, an den Türen haben sie die ehemaligen Schwesternleuchten mit LEDs reaktiviert. Die Heimleiterin bemängelt eine nackte Glühbirne in einer der Küchen.

Die Zimmer der Flüchtlinge sind nicht nach deutschem Asylstandard eingerichtet – Metallspinde und Stockbetten –, sondern mit gespendeten Schränken und Betten. "Die Matratzen sind gebraucht", sagt Jungbeck, "die können wir unmöglich verwenden." Sie blickt zu Heber. "Auch wenn das für Sie vielleicht in Ordnung wäre."

Heber hat Mühe, sich zu beherrschen. Manchmal schiebt ihn einer der anderen aus dem Raum. Sie dürfen es sich nicht mit Stefanie Jungbeck verscherzen. Die lässt keinen Zweifel daran, wer auf den Etagen der Flüchtlinge das Sagen haben wird. "Die Heimleiterin bin immer noch ich", sagt sie.

Wie ihre Vorgesetzten legt Jungbeck großen Wert darauf, dass die GU XV eine "ganz normale Gemeinschaftsunterkunft" ist. Das heißt: Die Flüchtlinge – zumindest die Erstbewohner – sollen auf neuen Matratzen schlafen. Es heißt aber auch: Sie brauchen eine schriftliche Genehmigung der Ausländerbehörde, wenn sie den Regierungsbezirk verlassen wollen. Sie bekommen kein Geld, um einzukaufen oder ins Hotelrestaurant zu gehen, sondern müssen zweimal in der Woche für Verpflegungspakete anstehen. Sie können am Empfang, im Café oder in der Wäscherei helfen, aber sie dürfen dabei nichts verdienen. Sie haben Internetanschlüsse auf den Zimmern – Lauritz, der Chirurg, hat wochenlang LAN-Kabel verlegt –, aber sie dürfen sie nicht benutzen. Im Grandhotel sollen keine Präzedenzfälle geschaffen werden. Weder mit gebrauchten Matratzen noch mit frei verfügbarem Internet.

Als einer der Hoteliers die Heimleiterin am Ende der Führung fragt, was sie eigentlich von dem Konzept halte, sagt sie: "Ich finde die Idee gar nicht so dumm. Aber ob die Asylbewerber da mitmachen? Vereinzelte vielleicht. Aber die meisten lachen Sie aus, die fragen: Was krieg ich dafür?"

Am 18. Juli 2013 kommen die ersten Flüchtlinge. Ein Reisebus bringt sie vom überfüllten Erstaufnahmelager in Zirndorf nach Augsburg. Der Bus passt nicht durch die engen Gassen. Also setzt der Fahrer die Flüchtlinge am Dom ab und meldet der Heimleiterin per Handy, dass sie nun da seien: drei tschetschenische Familien – sechs Erwachsene, zehn Kinder, acht davon Mädchen. Jungbeck verkündet im Hotel: "Ihr Gepäck tragen sie selbst!" Doch Heber greift sich einen Gepäckwagen – einen Lagerwagen aus dem Supermarkt – und macht sich mit vier anderen Hoteliers und ohne Heimleiterin auf den Weg zum Dom. Die Mädchen, in rosa T-Shirts und lila Sommerkleidern, ein Bein auf dem Tretroller, sehen skeptisch zu, wie die freundlich nickenden Männer die Reisetaschen und Plastiktüten auf den Wagen hieven.

Die Hoteliers haben den Teegarten hergerichtet, im Schatten einer Ulme stehen Tische mit Kaffee und Croissants, Kirschen und Gummifröschen. Gesprochen wird an diesem ersten Tag wenig. Wie auch, die Tschetschenen verstehen kein Deutsch und die Hoteliers kein Tschetschenisch oder Russisch. Die Flüchtlinge wissen nicht, wo sie gelandet sind. Die Hoteliers müssen sich daran gewöhnen, dass ihre Idee nun keine Idee mehr ist, sondern Wirklichkeit.

Werden sie etwas miteinander anfangen können, die Flüchtlinge und die bayerischen Lebenskünstler? Hat der Kommentator womöglich recht, der im Hotel-Blog schrieb, es werde zu einem Kulturschock kommen? Oder der andere, der formulierte, die Asylbewerber würden "auf scheinheilige art und weise" für "dilettantische ›kunstprojekte‹ regelrecht missbraucht"?

"Wir sind wie Brüder und Schwestern"

Die Kinder lösen die Spannung. Sie toben durch die Flure, klimpern zu dritt auf dem Klavier im Foyer. Im Spielzimmer zeigt Heber ihnen Hula-Hoop-Reifen und eine Kiste mit bunten Kostümen. Er lernt ihre Namen, Laura, Marta, Iman, Amina, und knetet ihnen einen Hasen. "Hase! Wie heißt das bei euch?" – "Saitschik."

Ein paar Wochen später sind alle Zimmer der Asylbewerber belegt, 55 Personen. Sie mischen sich mit Künstlern und neugierigen Besuchern. Im Keller bügeln drei tschetschenische Frauen Bettwäsche, nebenan mauert einer ihrer Männer eine Wand aus Glasbausteinen. Ein äthiopischer Kriegsdienstverweigerer feudelt das Foyer und wischt die Tische im Café ab. Am Empfangstresen lächelt eine Musikerin aus Japan, an der Bar bedient der bärtige Augsburger, der gerne schwarze Blumen malt. Eine Berliner Künstlerin trinkt mit einem afghanischen Kalligrafen Kaffee, muslimische Tschetscheninnen geben atheistischen Bayern zur Begrüßung Wangenküsschen. "Wir sind wie Brüder und Schwestern", sagt ein Mazedonier.

Für einen Augenblick scheint es egal, wer Flüchtling ist und wer Hotelier. Im Grandhotel Cosmopolis sind sie eine wahrhaft kosmopolitische Gemeinschaft.

Draußen in der Stadt zeigen die Hoteliers den Flüchtlingen Kirchen und Moscheen, begleiten sie zum Arzt, zur Schule – und zur Ausländerbehörde. Dort sitzen die Flüchtlinge vor einer Glasscheibe und bekommen Papiere, die sie nicht verstehen, durch einen Schlitz geschoben. Weil Johannes, dem Konfliktforscher, nicht in den Kopf gehen will, warum die Briefe nicht wenigstens auf Englisch übersetzt werden, zieht er seine Schuhe an und besucht den Chef der Ausländerbehörde. Und als Michi, der Soziologiestudent, von einem gefürchteten Sachbearbeiter erfährt, macht er ein Praktikum bei ihm, um gegenseitiges Verständnis zu schaffen.

Am 8. Oktober feiert das Grandhotel Cosmopolis offiziell Eröffnung – nun sollen endlich auch die Touristen kommen. Der Konfliktforscher, wieder barfuß, hält die Begrüßungsrede: "Die höchste Form der Kunst ist die soziale Interaktion." Künstler präsentieren die Hotelzimmer, die sie gestaltet haben: das "Frauenzimmer", Raum 407, pink und plüschig, wo der Tisch Mädchenschuhe trägt und Kamasutrabücher aufgeschlagen liegen. Das "Spiegelzimmer", Raum 408, alufolientapeziert, in dessen Kunstwerken man sich selbst sieht und liest: You are the one – but not the only. Das Zimmer "Innen/Außen", Raum 502, wo rechts ein weißer Mann aus Gips durch die Wand geht und man links durch einen Maschendraht in eine Gefängniszelle blickt.

In der Lobby feiern sie bis spät in die Nacht. Der afghanische Kalligraf tanzt mit der Schöpferin des plüschig-pinken Frauenzimmers, und der ganze Laden klatscht im Takt.

Dann wird es still, zu hören sind nur ein paar Gitarrenzupfer und die sanfte Stimme von Farhad, einem afghanischen Popsänger, der schon während der Bauarbeiten zum Grandhotel gestoßen ist. Er hat das Lied für seine afghanische Liebe geschrieben. Produziert und aufgenommen hat Farhad das Lied im dritten Stock, im Tonstudio von Stef. In der Lobby werden die Augen feucht. In den afghanischen Charts steht der Song auf Platz zwei. Ein Hit aus dem Grandhotel.

In den folgenden Wochen ist das Hotel oft ausgebucht. Viele Gäste stammen aus dem Freundeskreis der Hoteliers, Bekannte von Bekannten, Künstler, Musiker, Theaterschauspieler. Doch immer öfter kommen auch Gäste, die das Grandhotel im Fernsehen gesehen oder davon gelesen haben: eine Augsburger Hochzeitsgesellschaft, eine fränkische Verwaltungsangestellte, eine Schweizer Tourismus-Unternehmerin. Ein chinesisches Industriellenpaar reist auf Empfehlung des Rotary-Clubs an.

Bis heute hat es im Grandhotel niemand geschafft, ein Buchungssystem einzuführen. Anfragen per E-Mail und Telefon bearbeitet Micha, erst hochschwanger, nun mit einem Säugling auf dem Arm. Viele Gäste wundern sich darüber, dass sie gefragt werden, wie viel sie zahlen wollen: Es gibt keine festen Preise, nur Empfehlungen, 58 Euro für ein Doppelzimmer.

Anfangs beschweren sich manche Gäste noch über den mangelnden Komfort, die Bäder auf den Fluren, klappernde Türen, fehlende Papierkörbe. Doch am Abend, wenn sie in der Lobby sitzen und Farhad Klavier spielt, sind sie alle versöhnt. Die Atmosphäre, sagen sie einhellig, diese Atmosphäre!

An dieser Stelle würde man gerne aufhören und schreiben: Die soziale Plastik ist fertig, das Grandhotel Cosmopolis ist ein voller Erfolg, ein Modell für Deutschland. Doch so einfach ist es nicht.

Mitte Dezember. An den Infotafeln auf den Fluren der Asylbewerber hängen Fotokopien des Dienstausweises von Frau Jungbeck. Daneben steht auf Deutsch, Englisch, Russisch und Persisch: "Entscheidungen u. Belange, die Unterkunft betreffend, werden ausschließlich von der Reg. v. Schwaben, vertreten durch die Heimleiterin Fr. Jungbeck u. durch den Hausmeister Herr Molent getroffen und umgesetzt. Fr. Jungbeck u. Herr Molent handeln immer im Rahmen ihrer Dienstanweisungen."

Die meisten Flüchtlinge wollen lieber nicht über die Heimleitung sprechen.

"Miss Jungbeck?", sagt eine Mazedoniern, die nicht will, dass man ihren Namen schreibt. "She is the big boss."

Krisensitzung im Hotelbüro

Bis vor ein paar Wochen, erzählt die Frau, habe sie in der Wäscherei geholfen. Bis die Heimleiterin sie eines Morgens um sieben aus dem Bett geholt und gesagt habe, dass es illegal sei, im Hotel zu arbeiten. Seitdem hält die Mazedonierin sich von der Wäscherei fern.

Hasibullah, ein junger Afghane, erzählt, dass drei Mal die Woche der Hausmeister an seine Tür klopft, um zu kontrollieren, ob der richtige Schrank im Zimmer steht. Hasibullah wohnt mit seiner Frau und seinem sechs Monate alten Sohn in einem kleinen, schlecht belüfteten Raum. Als Wassertropfen an seinem Metallspind herunterrannen, holte er einen Holzschrank vom Sperrmüll. Doch der Hausmeister bestand darauf, dass Hasibullah ihn wieder gegen den Metallspind austauschte. Seinen Hilfsjob in der Essensausgabe, für die der Hausmeister verantwortlich ist, ist Hasibullah seit dem Vorfall los.

Befragt man den Hausmeister dazu, sagt er, er dürfe nicht mit Journalisten reden, und verweist an Herrn Meyer, den Pressesprecher der Regierung von Schwaben.

Bittet man Frau Jungbeck um ein Gespräch, antwortet Herr Meyer per Mail, dass "Auskünfte gegenüber Medienvertretern in unserem Haus grundsätzlich über die Pressestelle erfolgen".

Auf Anfrage bei Herrn Meyer schreibt seine Stellvertreterin: "Die Bewohner des Grandhotels Cosmopolis können ihre Zimmer so gestalten, wie sie es wünschen. Wir stellen dafür ggf. auch Wandfarbe zur Verfügung. (...) Für Aktivitäten in der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit brauchen die Bewohner auch keine Erlaubnis von uns."

Doch woher sollen Hasibullah und die Mazedonierin das wissen? An den Infotafeln steht: "Fr. Jungbeck u. Herr Molent handeln immer im Rahmen ihrer Dienstanweisungen." Die Flüchtlinge wollen sich nicht mit der Regierung anlegen, aus Angst, es könnte sich auf ihr Asylverfahren auswirken.

Am 16. Dezember, einem Montag, sitzt eine weinende Tschetschenin in der Lobby. Heber umarmt sie lange, streichelt ihren Kopf, doch er kann sie nicht trösten. Am Morgen waren zwei Polizeibeamte da. Am Mittwoch, morgens um halb sechs, werden sie wiederkommen. Die Frau und ihre Familie sollen nach Polen abgeschoben werden. In das Land, über das sie in die EU eingereist sind – dorthin, wo sie nach der Dublin-Verordnung Asyl beantragen müssen. Dorthin, wo man sie in den Tagen nach der Flucht aus Tschetschenien in ein Auffanglager an der Grenze gesperrt hat. Dorthin, wo sie von Wachen mit Schlagstöcken in die Zimmer getrieben wurden.

Krisensitzung im Hotelbüro noch am selben Tag. Es ist nicht die erste: Der Abschiebebescheid lag, wie viele andere, schon wenige Wochen nach dem Einzug in der Post. Die Hoteliers haben eine Anwältin engagiert, Widersprüche geschrieben, waren mit den tschetschenischen Mädchen im Rathaus. Sie haben eine Resolution formuliert und eine Petition beim Bayerischen Landtag eingereicht – doch die liegt seit zwei Wochen unbearbeitet im Innenministerium.

Sonst rauchen sie nur auf dem Balkon, aber jetzt qualmt ein halbes Dutzend Hoteliers die Bude voll. Heber läuft auf und ab wie ein Panther im Käfig. Seit die Familie im Sommer am Domplatz stand, hatte er sie fast jeden Tag um sich, Hunderte Male hat er die Namen der Kinder gerufen, seit er ihnen am ersten Tag den Hasen knetete.

Iman. Amina. Zurück ins polnische Auffanglager. "Mir steht der Sinn nach zivilem Ungehorsam!", ruft Heber.

"Darauf warten die doch nur", sagt Stef, der Musiker, "damit sie uns den Laden dichtmachen können."

Immer wieder greift Heber zum Telefon. Er will den Chef der Ausländerbehörde sprechen. Den Oberbürgermeister. Den Innenminister. Er erreicht niemanden. Am Ende will er den Bundespräsidenten anrufen. "Gauck boykottiert Sotschi, aber Deutschland schiebt Iman und Amina ab!"

Für Heber ist der Moment gekommen, um mit den Mächtigen Grundsätzliches zu besprechen.

Irgendwann, nach Stunden, hat Heber einen Staatssekretär der CSU am Apparat. Der ruft den Chef der Ausländerbehörde an, der wiederum meldet sich bei der Anwältin des Grandhotels und diktiert, was die Familie unterschreiben muss, um der Abschiebung doch noch zu entkommen: Sie muss ihren Asylantrag zurückziehen und freiwillig nach Russland ausreisen, sobald die Pässe aus Moskau da sind. Die Familie unterschreibt, Hauptsache, nicht zurück nach Polen.

Die Hoteliers haben die Abschiebung gerade noch verhindert. Doch das Grandhotel verliert seine ersten Gäste. Für Heber war das immer ein Tabu. Im Grandhotel Cosmopolis sollte jeder selbst entscheiden, wann er auscheckt. "Wenn die Flüchtlinge keine Chance bekommen, hierzubleiben, ist das Konzept gescheitert", sagt er.

Der Pfarrer Fritz Graßmann sagt: "Herr Heber, haben Sie wirklich geglaubt, dass es im Grandhotel keine Abschiebungen gibt? Wir können doch von hier nicht das Dublin-Abkommen aushebeln."

Mitte Februar haben auch viele andere tschetschenische Familien des Grandhotels unterschrieben, freiwillig auszureisen. Aber nicht alle. Wieder versammeln sich die Hoteliers zur Krisensitzung, doch diesmal hat die Stimmung etwas Euphorisches. Ihnen ist etwas eingefallen, worauf sie bisher nicht gekommen waren.

Es geht um eine 38-jährige Tschetschenin und ihre vier Kinder. Auch sie sollen nach Polen abgeschoben werden. Die Frau und ihre Kinder gehören zu den ersten Gästen des Grandhotels. Die Jüngste, vier Jahre alt, saß bei der offiziellen Eröffnungsfeier des Hotels auf Hebers Schultern. Sie trug seinen Hut, er hielt ihre Hände.

Georg Hebers soziale Plastik zerbröselt

Zwei Tage vor dem Abschiebetermin bringen Heber und Stef die Familie in die Pfarrei St. Peter und Paul. Der katholische Pfarrer Karl Mair gewährt ihr Kirchenasyl, weil er in der Abschiebung einen humanitären Härtefall sieht: Die Mutter, so hat sie es den Dolmetschern des Grandhotels erzählt, war seit Jahren auf der Flucht – vor dem Krieg in Tschetschenien, vor ihrem gewalttätigen Mann, vor Rechtsradikalen im polnischen Białystok, die die Wohnung ihrer tschetschenischen Nachbarin abfackelten.

"Sie hat uns ein paarmal gesagt, dass ihre Kinder der einzige Grund sind, warum sie nicht aus dem Fenster springt", sagt Heber.

Ein Augsburger Arzt hat der Frau eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert: In einer Abschiebung sah er eine "unzumutbare traumatisierende Belastung mit unabsehbaren Folgen für sie und für die Kinder". Die Petition, die die Hoteliers für sie eingereicht hatten, ist vor dem Bayerischen Landtag gescheitert. Die Kirche ist die letzte, aber eine gute Chance für die Familie. Die Abschiebung ist auf den 18. Februar um fünf Uhr morgens festgesetzt. Am 24. Februar läuft die Frist für die Abschiebung nach Polen ab, danach bekäme die Frau ein Asylverfahren in Deutschland. Eine Woche im Pfarrhaus – und die Familie dürfte vorerst bleiben. Die Gesetze mit einem kleinen Trick umgehen – ganz nach dem Geschmack der Hoteliers.

Am 18. Februar um fünf Uhr morgens warten Heber und Stef in der Hotellobby. Bis halb sechs harren sie aus, aber es lässt sich kein Beamter blicken. Sie gehen zurück nach Hause. Heber hat sich gerade wieder ins Bett gelegt, als ihn die tschetschenische Mutter aus dem Pfarrhaus anruft: "Horge, Horge, Polizei!"

Heber springt auf und ruft ein Taxi, doch als er gegen sechs Uhr beim Pfarrhaus ankommt, sind die Beamten bereits drin. Dem Pfarrer ist es nicht gelungen, die Polizisten von der Festnahme abzubringen. Heber versucht, zur Familie zu gelangen, doch die vier Beamten lassen ihn nicht in die Pfarrwohnung. Heber organisiert einen Dolmetscher – doch die Polizisten lehnen ab. Eine Verständigung, erklärt die Polizei später gegenüber der ZEIT, sei "auch ohne fundierte Russischkenntnisse durchaus möglich" gewesen und "auch nicht erforderlich", da die Familie auf die Abschiebung vorbereitet gewesen sei. Noch am selben Tag bringen die Polizisten die Frau und die vier Kinder zur polnischen Grenze.

Die SPD und die Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl sind empört, der Bischof von Augsburg sagt, dass ihn der Vorfall traurig mache.

Georg Hebers soziale Plastik, sie zerbröselt.

Die Woche, in der dieser Artikel erscheint, verbringt Heber im polnischen Białystok, wo die Familie nach der Abschiebung gelandet ist. Er will ihr Geld bringen und sehen, wie es ihr geht. Außerdem sucht er in Białystok Räume für ein neues Projekt. Nachdem er sich so lange mit der Bürokratie herumgeschlagen habe, sagt er, müsse er wieder künstlerisch tätig werden, einen neuen Ort der Partizipation schaffen. Schon am Tag der Eröffnung in Augsburg hat er gesagt: "Ich sehe das Grandhotel Cosmopolis auf dem Weg zum globalen Unternehmen."

Aber weil Heber noch immer so blass und überarbeitet ist wie im Jahr zuvor, geht es in ein paar Tagen erst mal in den Urlaub, allein schon um seine Ehe zu retten. Eigentlich wollte er mit seiner Frau nach Südostasien. Doch jetzt hat er herausgefunden, dass Tschetschenen problemlos nach Brasilien reisen können – also auch die Bewohner des Grandhotels.

Einer der Hoteliers besitzt auf der Halbinsel Maraú ein großes Grundstück an einer Lagune. Er ist begeistert von Hebers Idee: Unter Palmen, fernab der EU-Flüchtlingspolitik, könnten sie gemeinsam ein Resort für Flüchtlinge und Touristen aufziehen, mit Strandhütten, Lehmhäusern und Fischerbooten. Georg Heber hat es schon vor Augen.