An einem Januarnachmittag, warme Sonne im Gesicht, sitze ich im Dorf Profitis Ilias ziemlich in der Inselmitte Kretas vor dem Haus eines fremden Mannes, starre ihm auf die Beine und denke: Etwas Schöneres als diese Stiefel habe ich noch selten gesehen. Handgenäht aus Ziegenleder, mit grober, schwerer Sohle, der Schaft knalleng und vom jahrelangen Tragen auf Knöchelhöhe zu Falten gestaucht. Ich möchte sie anfassen, so lockend handschuhweich sieht das Leder aus. Ob Dimitris das missverstehen würde?

Er sieht mich lange an, dann seinen Mandarinenbaum, dreht sich eine Zigarette, krault den brustlangen Bart, trommelt mit den Fingern den Rhythmus eines Liedes aus dem Radio auf der Stuhllehne mit und sagt: "Du bist erst bereit zu tanzen, wenn du von der Musik eine Gänsehaut bekommst." Dann schenkt er uns Tee aus den Blüten der Diktamnos-Pflanze nach, der er heilende und beschwingende und aphrodisierende Wirkung nachsagt. Und ich denke, großartig, endlich fängt mein Abenteuer an.

Dazu muss man wissen, dass ich noch nie vor Leuten getanzt habe. Besuchte ich früher Tanzlokale, stellte ich mich mit dem Rücken an die Wand und blieb dort stehen, bis ich ging. Alle anderen stürmten auf die Tanzfläche, sie beugten die Knie und hoben die Arme, sie waren leicht und fröhlich, und mich nannten sie "die Säule". Ich hätte gern mitgemacht, traute mich aber nicht. Weil ich jedoch glaube, dass gerade im Spätherbst des Lebens die letzten Ängste abgestreift werden müssen, nehme ich eine Expedition in Angriff und buche Unterricht in einer Tanzschule. Nicht in meiner Stadt, da wohnen ja auch meine Hemmungen.

Aber ich sah einmal diesen Film über einen anderen schüchternen Stadtmenschen, dem ein viriler Brocken von Kerl am Strand einer Mittelmeerinsel die Angst vorm Stolpern nimmt und ihn das Tanzen lehrt. Das sah so sagenhaft losgelöst aus. Ich las zwar auch, dass es den Sirtaki aus dem Film Alexis Sorbas gar nicht wirklich gibt: Er wurde aus den einfachsten Schritten mehrerer Tänze zusammengebastelt, weil Anthony Quinn die echten Schrittfolgen nicht in die Füße bekam. Aber das ist sogar noch besser: Wenn Anthony Quinn sich schwertat, darf ich das auch, und bei einem Tanz, den es eigentlich gar nicht gibt, kann man auch nichts falsch machen. Also fliege ich nach Kreta, wo Alexis Sorbas vor fünfzig Jahren gedreht wurde, und lande in Chania.

Die engen Gassen, der venezianische Hafen, von der Außenmole der Blick über die Moschee und die Altstadt hinweg auf die Lefka Ori, die Weißen Berge: Chania ist wirklich hübsch. Aber als ich ihm mein Vorhaben erklärte, fand selbst der Hotelwirt: "Wenn du tanzen lernen willst wie ein Kreter, musst du über die Insel fahren und in die Dörfer gehen und in den Kneipen bei den Leuten essen."

Kurz darauf saß ich bei einem mir unbekannten Mann im Auto, der mich für die Tage bis zu meinem Tanzschultermin zu Dimitris brachte. Von ihm soll ich alles über den Tanz lernen, was in einer Woche zu lernen ist. Dimitris fragt nichts, er sagt nicht viel, er bringt Salat und Oliven, Käse und Brot, Joghurt und Honig, Wein und Raki, der auf Kreta wie Grappa ist. Wir essen und trinken, dann gehen wir spazieren.

"Dort liegt Zeus begraben"

Im Kafenion sitzen die alten Männer wie angeschraubt, nur die Hälse biegen sich uns hinterher. Dimitris nimmt den Weg hinauf zum Berg über dem Dorf, der Schritt ruhig und stetig, ein Mann, der offensichtlich schon viel Zeit in den Bergen verbracht hat. An seinem Gürtel hängt eine Plastiktüte. In die sammelt er Thymian, Salbei, Löwenzahn. Und immer noch redet er nicht viel. Oben gibt es zwei Gipfel. Auf dem südlichen steht die Ruine einer byzantinischen Festung, auf dem dorfnäheren eine kleine weiß gekalkte Kapelle. Der Weihrauch glimmt, im Norden taucht die untergehende Sonne die Ausläufer des Ida-Gebirges in Weichzeichnerlicht. Dimitris zeigt auf einen Berg, den er Jouchtas nennt. "Dort liegt Zeus begraben, von Iráklion aus kannst du sein Gesicht erkennen."

Zurück im Haus, macht Dimitris Abendbrot. Zum Salat und zu den selbst gemachten und in Olivenöl frittierten Pommes frites gibt es eine Wurst, so grob, als hätte man das Schwein komplett in den Darm gestopft und darin erst zerkloppt. Beim Ausmaß dieser Fettstücke müsste ich mich eigentlich winden vor Ekel. Aber man kann ja nicht den ganzen Tag auf Berge schauen und stundenlang schweigen und Selbstgedrehte mitatmen und kännchenweise Raki trinken, ohne dass das was mit einem macht. Die Wurst schmeckt dann auch grandios, so üppig kräuterwürzig, wie die Luft riecht. Im Hintergrund läuft das Radio, zu einer rasend schnellen Geige zieht ein Sänger klagend die Laute in die Länge. "Ich lasse meine Lyra singen und lachen und hüpfen, doch niemand tanzt", übersetzt Dimitris. Die Musik ist großartig, schlicht, rau, treibend.

Eine alte Frau kommt in die Küche. Sie setzt sich grußlos auf die Eckbank, Dimitris bringt ihr einen Teller, lädt auf, sie isst zahnlos und verschwindet wieder. "Meine Nachbarin", sagt mein Gastgeber. "Sie hat keine Rente." In Dimitris’ Haus gibt es keine Heizung. Zur Nacht machen wir ein Feuer im Kamin. Der steht mitten im Erdgeschoss, das nur aus einem Raum besteht. Eine schmale Treppe führt nach oben, zu einer Computerarbeitsecke und ins Schlafzimmer mit riesigem Ganzwandfenster und Blick auf die Berge. Das Radio läuft, die Lyra singt, und wenn es Dimitris mitreißt, klatscht er rhythmisch in die Hände, abwechselnd mit den Fingern der einen Hand in den anderen Handteller und mit beiden Handflächen gegeneinander.

Fast den ganzen Tag ist diese Musik in mich eingesickert, nun will sie wieder raus, wenigstens an den Füßen. Ich wippe ein bisschen, aber die Musik drinnen wird nicht weniger, als würde die Lyra dort tiefe Saiten anspielen, die ewig nachvibrieren, und so schaukelt sie mich in einen satten Schlaf, unter einer Wolldecke auf der Bank vor dem Kamin, die Luft zieht kalt und klar von draußen durch die Türritzen.