Ohne eine Hebamme hätte Priska Jungeilges vielleicht keine Kinder bekommen können. "Ich habe panische Angst vor Spritzen und Krankenhäusern, für mich wäre eine Geburt in der Klinik ein Albtraum gewesen", erzählt die 29-jährige Rechtsreferendarin. Sie hat ihre Tochter und ihren Sohn in einem Geburtshaus in Bielefeld geboren, für sie war es ein wunderbares Erlebnis. Jungeilges musste keine Schmerzmittel nehmen, und nach der Geburt half ihr eine Hebamme stundenlang beim Stillen. "Wenn es keine Hebammen mehr gibt, bekomme ich auch keine Kinder mehr."

Hebammen bringen Leben zur Welt, und doch scheinen sie nun selbst dem beruflichen Tod nahe zu sein. Steigende Versicherungsprämien machen den Beruf nahezu unmöglich. Es ist ein Systemfehler: Schwangere Frauen zieht es mehr und mehr in die von Hebammen geführten Geburtshäuser, die allermeisten wünschen sich, von Hebammen vor und nach der Entbindung betreut zu werden. Zudem ist das Metier der Geburtshelferin noch immer beliebt unter Schulabgängerinnen, auf einen Ausbildungsplatz bewerben sich durchschnittlich zehn Kandidatinnen.

Und doch können sich viele der 3.500 freiberuflichen Hebammen in Deutschland von 2015 an ihren Beruf nicht mehr leisten. Denn nicht nur die Versicherungspolicen erhöhen sich, mit der Nürnberger Versicherung steigt im kommenden Jahr der letzte große Konzern aus einem Konsortium aus, der den Geburtshelferinnen noch ihre obligatorische Haftpflicht gewährt. "Viele Menschen können nicht glauben, dass wir Existenznot leiden", sagt Ruth Pinno, Vorsitzende des Bundes freiberuflicher Hebammen. "Aber es ist wahr: Das System für Geburtshelferinnen wird kollabieren."

Viele Geburtshäuser stünden vor dem Aus, und Krankenhäuser, die aus Kostengründen nur noch freiberufliche Hebammen beschäftigten wie etwa in Bayern, müssten ihre Neugeborenenstationen schließen. Die generelle Absage der Versicherungen besiegelt ein schleichendes Ausbluten dieses Berufes. Zahlte eine Hebamme vor elf Jahren noch 1.400 Euro jährlich an die Versicherung, sind es in diesem Jahr schon mehr als 5.000 Euro. Für Geburtshelferinnen mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von rund 18.000 Euro und einem Stundenlohn von 8,50 Euro eine kaum aufzubringende Summe.

"Es ist ein wunderschöner Beruf, aber sehr hart", sagt Katja Salatzki, die ein Geburtshaus in Berlin leitet. Sie und ihre acht Kolleginnen sind jederzeit ansprechbar, falls eine betreute Schwangere schon früher ihr Kind bekommt oder falls es nach der Geburt nur schwer mit dem Stillen klappt, falls der Nabel des Babys nicht verheilt oder die Mutter in eine Depression fällt. "Ein Kind zu gebären ist eine existenzielle Erfahrung, für die Familien Hilfe benötigen", sagt Salatzki. Niemand könne die Frauen so kompetent während und nach der Schwangerschaft betreuen wie Hebammen. "Sollen die Frauen mit entzündeten Brustwarzen künftig zum Kinderarzt gehen? Kann ihnen der Stationsgynäkologe beim Abstillen helfen? Das sind doch absurde Ideen."

Auch rechtlich sind Hebammen unverzichtbar. Ein Arzt darf eine Niederkunft nicht ohne Hebamme leiten, nicht einmal bei einem Kaiserschnitt. Eine Hebamme kann aber sehr wohl ohne einen Mediziner eine Geburt betreuen. Ihre Relevanz wurde jedoch in den vergangenen Jahren von der Politik ignoriert.

Die Situation ist grotesk. Die hohen Versicherungssummen haben die Hebammen nicht verschuldet. Heute gibt es sogar weniger verletzte Neugeborene als vor ein paar Jahren, aber die Höhe der Entschädigungen ist gestiegen. Laut dem Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) beläuft sich die durchschnittliche Summe für bei der Geburt schwer geschädigte Kinder auf 2,6 Millionen Euro. "Die positive Entwicklung, betroffenen Kindern heute mit viel besseren Heil- und Therapiemöglichkeiten helfen zu können, geht mit steigenden Kosten einher", sagt Kathrin Jarosch vom GDV. Ein Leben lang würden Verdienstausfälle, Pflegeversicherungen und Rente bezahlt.