Russlands Präsident Wladimir Putin am 5. März während eines Treffens der Regierung © Alexei Druzhinin/ITAR-TASS/dpa

DIE ZEIT: Herr Ryklin, Sie haben einmal gesagt, das Einzige, was Russland noch zusammenhalte, sei das Gefühl der militärischen Macht, das Nachgefühl von Stalins Sieg im Zweiten Weltkrieg. Erklärt das Putins jetziges Verhalten auf der Krim?

Michail Ryklin: Darauf beruht die Putinsche Propagandamaschine. Alle Versuche, über den Krieg wissenschaftlich zu reden, werden kriminalisiert. Jede Abweichung von der offiziellen Sprachregelung ist Ketzerei. Putin hat jetzt zum zweiten Mal in der Ukraine eine schwere politische Niederlage erlitten; bei der Orangenen Revolution hatte er auf Janukowitsch gesetzt – und verloren. Und nun wieder. Und Putin ist ein Mann, der Mühe hat, den anderen seine eigenen Fehler zu verzeihen. Die anderen sollen büßen.

ZEIT: In welcher Lage ist Putin?

Ryklin: Er steckt in einer Falle, die er sich selbst gebaut hat.

ZEIT: Inwiefern?

Ryklin: Er hat jahrelang das Bild des starken Mannes von sich aufgebaut, und tatsächlich ist die Aggression gegen die ukrainische Staatlichkeit ja schon im Gang – ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht. Die Frage ist nur, wie weit Putin gehen wird. Er ist ein rachsüchtiger Mann, aber er ist auch ein Pragmatiker. Durch ein Blutvergießen auf der Krim könnte er zu viel verlieren.

ZEIT: Was erwarten die Russen von ihm?

Ryklin: Das Land gefällt sich in dem Glauben: Wir haben einen starken Präsidenten. Und 80 Prozent der Russen halten die neue Kiewer Regierung für nicht legitim. Sie erwarten, dass Putin weitermarschiert und triumphiert. Er ist im Zugzwang.

ZEIT: In der russischen Öffentlichkeit gibt es starke, von der Regierung geschürte Vorbehalte gegen den Westen, das verweichlichte, liberale "Homo-Europa". Wie sehr ist Putins Handeln sexuell konnotiert? Geht es darum, keinesfalls ein "Homo" zu sein?

Ryklin: Europa gilt als das Paradies der Schwachen und Schwulen – es ist schwer zu glauben, dass ein einst so gebildetes Volk wie das russische so weit kommen konnte. Putin ist ein physisch absolut fitter Mann; er taucht, er reitet, er fliegt mit den Kranichen – ein Superman. Und dann gibt er sich diese Blöße in der armen Ukraine. Sein Macho-Image steht auf dem Spiel. Er erträgt nicht, als schwacher Mann dazustehen. Er erlebt gerade einen wirklich schicksalhaften Moment.

ZEIT: Die Stimmung in der russischen Bevölkerung ist siegesgewiss?

Ryklin: Die Leute sind sehr chauvinistisch. Sie glauben, die russischen Soldaten werden auf der Krim mit offenen Armen empfangen. Sie verstehen nicht, dass Russland sich zum Aggressor machen wird, dass die russische Wirtschaft leiden wird, dass es Sanktionen geben wird. Es ist jetzt schon ein schwarzer Montag für Russland: Die russischen Aktien sind um 12 Prozent gefallen, überdies hat der Rubel im letzten halben Jahr 20 Prozent seines Wertes verloren.

ZEIT: Wird Putin dennoch die Krim besetzen?

Ryklin: Ich fürchte, man kann die Geschehnisse nicht zurückdrehen. Es gibt eine Volksabstimmung darüber, ob die Krim sich Russland anschließen soll. Die Mehrheit wird dafür stimmen, denn 60 Prozent der Bewohner der Halbinsel sind russischer Abstammung. Dieses Votum wartet Putin noch ab.