Der ukrainische Oberst Mamchur, gefangen im eigenen Stützpunkt © Sebastian Bolesch

Als der Oberst endlich die Tür seiner Kaserne öffnet, tritt er hinaus in ein Land, in dem seine Truppen nichts mehr zu sagen haben. Unter den Augen von Igor Wadimowich Mamchur zeichnen sich tiefe Ringe ab, seine Wangen glühen. Wenn er über die Ukraine spricht, das Land, dem er sein halbes Leben gedient hat, blickt er verloren zu Boden. Mamchur ist Oberst der ukrainischen Kaserne A2542 in Simferopol auf der Krim. Seit 1986 sei er hier stationiert, sagt der Oberst, aber so etwas wie diese gespenstische Invasion habe er in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt.

Mamchur macht ein paar Schritte auf die Treppe des Kaserneneingangs, dann bleibt er stehen. Hinter ihm bauen sich drei junge Soldaten mit Kalaschnikows auf. Er lässt seinen Blick nervös die Straße entlanggleiten. Nur 150 Meter entfernt stehen seit einigen Tagen Armeetrucks. Sie haben keine Kennzeichen, und die Soldaten, die sie bewachen, tragen keine Abzeichen, kein Wappen, keinen erkennbaren Dienstgrad. Aber sie sprechen Russisch.

Am Sonntag seien die Männer wieder aufgetaucht und hätten die Kaserne des Oberst einzunehmen versucht. "Sie haben uns aufgefordert, die Waffen niederzulegen und unter ihren Schutz zu treten", sagt Mamchur. "Wir haben uns geweigert. Wir haben ihnen gesagt, dass wir unseren Eid auf die Ukraine abgelegt haben." Nun wird es eng für den Oberst. Kiew kündigt die Mobilmachung an, schickt aber keine Soldaten auf die Krim. Andere ukrainische Streitkräfte haben bereits die Seiten gewechselt. "Sie sind überrascht worden", sagt Mamchur entschuldigend. "Sie haben den Druck nicht ausgehalten."

Mamchur sitzt mit seinen Soldaten in Simferopol fest, rund eine Stunde Autofahrt von der Schwarzmeerküste entfernt, in einem Ort mit rund 330.000 Einwohnern, in dem sich das Parlament und der Ministerrat der Krim befinden. Bewaffnete Männer besetzten vor knapp einer Woche die Gebäude und stürzten die Regierung der autonomen Region. Seitdem ist der 41-jährige Sergej Aksjonow der neue Chef der Krim, ein gebürtiger Moldawier mit zwielichtiger Vergangenheit. Dem Unternehmer werden Verbindungen zu einer kriminellen Bande nachgesagt, die in Waffenhandel verwickelt war. Ein Politiker warf ihm vor, für den Mord an einem Wachmann und schwere Körperverletzung verantwortlich zu sein. Aksjonow klagte, doch der Mann wurde freigesprochen. Eine der ersten Amtshandlungen Aksjonows war es jetzt, Moskau um Schutz der russischen Bürger zu bitten.

Oberst Mamchur kann nur zuschauen, wie fremde Soldaten seine Kaserne umzingelt halten. 800 Kilometer entfernt in Kiew geben sie ihm Befehle, dass seine Truppe Blutvergießen vermeiden soll und ihre Waffen auf keinen Fall in fremde Hände fallen dürfen. Nur sagt ihnen in Kiew keiner, wie sie das tun sollen, wenn aus der Hauptstadt keine Verstärkung kommt.

Mamchur sagt, er kenne die Soldaten ohne Abzeichen, die vor seiner Kaserne lauern. Wenn sie bei ihm auftauchten, dann stellten sie sich als Russen vor, mit Namen und Dienstgrad. Mittlerweile sei ihnen egal, dass ihre Identität bekannt sei. Einige Tausend seien allein in der Umgebung von Simferopol angekommen. "Infanterie, Luftlandetruppe, die 22. Speznas-Brigade, die 98. Luftlandebrigade. Das hier ist eine Besatzung", sagt Mamchur, und die Besatzer wollten bleiben. "Sie haben uns gesagt, dass sie für immer gekommen sind."

Auch im Süden und im Osten der Ukraine, mit ihren Stahlwerken und Kohleminen, gibt es Menschen, die beunruhigt sind über die neuen Machthaber in Kiew und froh darüber, dass nun russische Truppen zu Hilfe kommen. Tatsächlich macht die Revolutionsregierung Fehler, und viele dieser Fehler schüren Ängste: Mitglieder der rechtsextremen Swoboda-Partei haben Ministerposten bekommen und stellen den Generalstaatsanwalt. Und vor wenigen Tagen stimmten die Parlamentsabgeordneten in Kiew für ein Gesetz, das neben dem Ukrainischen weitere Amtssprachen verbietet, auch Russisch. Das Gesetz löste massenhaft Proteste aus, auf der Krim, im Osten der Ukraine und im Ausland. Der Interimspräsident hat fast erschrocken seine Unterschrift verweigert, das Gesetz ist nie in Kraft getreten. Aber wenn man in diesen Tagen auf der Krim Menschen aufgeregt in Fußgängerzonen diskutieren sieht, geht es fast immer um das vermeintliche Sprachverbot – darum, dass die neuen Machthaber mit der russischen Geschichte des Landes abrechnen wollen.