Hallo, mein Name ist Paul Bühre, und ich werde Sie heute durch den für Eltern und Außenstehende vollkommen unverständlichen Alltag eines Schülers der Klassenstufe neun auf einem herkömmlichen Gymnasium im Zeitalter des Internets führen. Dies ist das wahrscheinlich erste und letzte Mal, dass Ihnen ein derartiger Text vor die Augen kommt, also passen Sie gut auf, und los geht’s. Beginnen wir mit einer frühmorgendlichen Herausforderung, die Ihnen auch nicht ganz unbekannt sein dürfte, dem Aufstehen. Wobei der Schwierigkeitsgrad hierbei stark nach Schülertyp variiert, manche springen freudig auf und sind sofort wach und gut drauf, andere schlafen noch von zehn Minuten bis zu einer halben Stunde weiter.

Ich persönlich ziehe es vor, noch ein bisschen zu pennen, und stelle mich dann halbwach unter die Dusche. Die erste Entscheidung, die ein Schüler nach dem Frühstück treffen muss, ist die Wahl des Transportmittels. Die Frage ist: Will man vor allen als unselbstständig oder unfähig, sich selber zu organisieren, gelten? Dann lässt man sich von seinen Eltern fahren. Will man mit dem neuen Sportwagen von Superdad angeben, tue man dasselbe. Eine andere, aber weit weniger verlässliche Methode ist der öffentliche Nahverkehr, hier in Berlin die BVG. Ob U-Bahn, S-Bahn oder Bus, man sollte immer eine gute Ausrede fürs Zuspätkommen parat haben, wobei "Entschuldigen Sie, Herr Lehrer, mein Bus ist zu spät gekommen" sehr uneffektiv ist, vor allem deshalb, weil Lehrer meist kontern: "Ich muss dich trotzdem ins Klassenbuch eintragen, Tom." Tom (leicht erbost über solch unfaires Verhalten vonseiten des Lehrers): "Aber warum denn! Ich kann doch gar nichts dafür!!!"

Ganz schlechte Idee, Tom, jetzt kann der Lehrer seinen ultimativen K.-o.-Satz einsetzen: "Doch, Tom, du kannst etwas dafür, denn es ist deine Aufgabe, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, und mögliche Verspätungen musst du einberechnen, und hör jetzt endlich auf, mit mir zu diskutieren." Aber das war vermutlich schon vor hundert Jahren so. Hätte Tom jetzt etwas Lustiges gesagt wie: "Sorry, aber die U-Bahn hat sich verfahren", dann hätte der Lehrer eher ein Auge zugedrückt, und Tom hätte auch noch die ganze Klasse auf seiner Seite. Aber Tom ist halt nicht Paul, sondern eine fiktive Figur.

Dass wir nicht in Anzug und Krawatte zur Schule gehen, dürfte Ihnen bekannt sein. Also werde ich Ihnen jetzt den Kleidungskodex der Schüler ein wenig näher erklären. Nein, hier geht es nicht um Schuluniformen, sondern um den nie ausgesprochenen Coolness-, Beliebtheits-, Was-auch-immer-Kodex. Es gibt Leute, die dem Kodex folgen; Leute, die sehr genau von seiner Existenz wissen und mit aller Kraft gegen ihn ankämpfen, ihn ignorieren oder sich lustig über ihn machen, und natürlich die, die ihn gar nicht erst bemerken. Hier eine kleine Demo des Kodexes in freier Wildbahn: Pascal kommt neu in die Klasse, er ist unsicher und so weiter, weshalb er sich, um in der neuen Klasse akzeptiert zu werden, seine teuersten Sachen anzieht. Schuhe von Nike Air, Socken von Tommy Hilfiger und hoffentlich auch eine Unterhose von Hugo Boss. (Zu den Unterhosen kommen wir gleich noch ausführlicher, bitte Geduld.) Er kennt zwar den Kleidungskodex seiner neuen Schule noch nicht, kennt aber die allgemein gültige Regel: Leute, die Marken tragen, werden in der Gruppe akzeptiert. Was nicht heißen soll, dass Leute, die keine Marken tragen, nicht aufgenommen werden. Die müssen aber über so etwas wie einen Charakter verfügen oder nette/nützliche Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Hilfsbereitschaft.

Kommen wir zu der (kleinen) Anti-Marken-Fraktion: Georg ist neu ... er will sofort allen zeigen, dass er auf Marken scheißt oder ihm Bequemlichkeit wichtiger ist. Damit er bei dem kleinen Teil der Klasse, dem es genauso geht, als Anti-Mensch erkannt und in ihre Ränge aufgenommen wird, zieht er sich entsprechend an, das heißt, er trägt entweder unbekannte Marken oder solche, deren Logo klein oder nicht sichtbar ist. Damit unterscheidet er sich von dem Typen, der von der Existenz des Kodexes nicht den blassesten Schimmer hat und wahllos irgendwas anzieht, zum Beispiel einen schönen Pullunder, den Mama für ihn ausgesucht hat, oder jede andere Form von Kleidung, bei der klar ist, dass kein normaler 15-Jähriger sich diese freiwillig oder sogar auf eigenen Wunsch anziehen würde. In der Oberstufe kann derselbe Pullunder dann von einem Tag auf den anderen von einem No-go zu einem Must-have mutieren, da er zum eigenen Stil gehört und bewusst gekauft oder gewählt wurde. Das Problem ist bloß, dass wir nicht in der Oberstufe sind, sondern in der Neunten! Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, was mit jemandem passiert, der aussieht, als hätte Mama bei der Klamottenwahl noch ihre Finger im Spiel. Und wenn nicht, sage ich es Ihnen: Hackfleisch! Und danach gesellt er sich zum restlichen Hackfleisch. (Hackfleisch: hier kein grob gehacktes Muskelfleisch, sondern Kinder, die zu Außenseitern werden, meistens weil sie ihrem Alter ein wenig hinterherhinken.) Ja, das Leben ist kein Kinderspiel, und alles hat Konsequenzen. Womit wir dann bei den Unterhosen wären. Sie erinnern sich bestimmt noch an die Zeit vor ungefähr zwei Jahren, als alle männlichen Jugendlichen ihre Unterhosen frei zur Schau stellten und ihre Haare ins Gesicht kämmten, wobei ihr Kopf immer so spastisch zuckte? Sie wissen hoffentlich, dass das jetzt vorbei ist und man wieder aus seinem Versteck kriechen kann. Dieses Zurückwerfen des Ponys wurde durch ein Mit-den-Fingern-in-die-Haare-Fahren ersetzt. Die Haare sollen jetzt nicht mehr ins Gesicht, sondern nach oben. Gucken Sie mal bei Justin, oder machen Sie in der S-Bahn die Augen auf, dann wissen Sie, was gemeint ist. Und was die Unterhose betrifft, befindet sie sich heute wieder dort, wo sie hingehört, nämlich unter der Hose. Das hört sich jetzt ein bisschen konservativ an, aber, um ehrlich zu sein, ich habe dieses ganze Unterhosen-Business nie kapiert. Eine Ewigkeit lang lugte die Unterhose, genauer, lugten karierte Boxershorts aus jeder Hose hervor – bis sie plötzlich verschwanden. Die Leute, die immer noch nicht verstanden haben, dass die Zeit des karierten Unterhöschens vorbei ist, laufen nun Gefahr, von ihren Klassenkameraden an der Unterhose in die Höhe gehoben zu werden. Wobei die Folgen je nach Gewicht mehr oder weniger schwer zu ertragen sind. Also versteckt man seine Unterhose lieber.