Hallo, mein Name ist Paul Bühre, und ich werde Sie heute durch den für Eltern und Außenstehende vollkommen unverständlichen Alltag eines Schülers der Klassenstufe neun auf einem herkömmlichen Gymnasium im Zeitalter des Internets führen. Dies ist das wahrscheinlich erste und letzte Mal, dass Ihnen ein derartiger Text vor die Augen kommt, also passen Sie gut auf, und los geht’s. Beginnen wir mit einer frühmorgendlichen Herausforderung, die Ihnen auch nicht ganz unbekannt sein dürfte, dem Aufstehen. Wobei der Schwierigkeitsgrad hierbei stark nach Schülertyp variiert, manche springen freudig auf und sind sofort wach und gut drauf, andere schlafen noch von zehn Minuten bis zu einer halben Stunde weiter.

Ich persönlich ziehe es vor, noch ein bisschen zu pennen, und stelle mich dann halbwach unter die Dusche. Die erste Entscheidung, die ein Schüler nach dem Frühstück treffen muss, ist die Wahl des Transportmittels. Die Frage ist: Will man vor allen als unselbstständig oder unfähig, sich selber zu organisieren, gelten? Dann lässt man sich von seinen Eltern fahren. Will man mit dem neuen Sportwagen von Superdad angeben, tue man dasselbe. Eine andere, aber weit weniger verlässliche Methode ist der öffentliche Nahverkehr, hier in Berlin die BVG. Ob U-Bahn, S-Bahn oder Bus, man sollte immer eine gute Ausrede fürs Zuspätkommen parat haben, wobei "Entschuldigen Sie, Herr Lehrer, mein Bus ist zu spät gekommen" sehr uneffektiv ist, vor allem deshalb, weil Lehrer meist kontern: "Ich muss dich trotzdem ins Klassenbuch eintragen, Tom." Tom (leicht erbost über solch unfaires Verhalten vonseiten des Lehrers): "Aber warum denn! Ich kann doch gar nichts dafür!!!"

Ganz schlechte Idee, Tom, jetzt kann der Lehrer seinen ultimativen K.-o.-Satz einsetzen: "Doch, Tom, du kannst etwas dafür, denn es ist deine Aufgabe, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, und mögliche Verspätungen musst du einberechnen, und hör jetzt endlich auf, mit mir zu diskutieren." Aber das war vermutlich schon vor hundert Jahren so. Hätte Tom jetzt etwas Lustiges gesagt wie: "Sorry, aber die U-Bahn hat sich verfahren", dann hätte der Lehrer eher ein Auge zugedrückt, und Tom hätte auch noch die ganze Klasse auf seiner Seite. Aber Tom ist halt nicht Paul, sondern eine fiktive Figur.

Dass wir nicht in Anzug und Krawatte zur Schule gehen, dürfte Ihnen bekannt sein. Also werde ich Ihnen jetzt den Kleidungskodex der Schüler ein wenig näher erklären. Nein, hier geht es nicht um Schuluniformen, sondern um den nie ausgesprochenen Coolness-, Beliebtheits-, Was-auch-immer-Kodex. Es gibt Leute, die dem Kodex folgen; Leute, die sehr genau von seiner Existenz wissen und mit aller Kraft gegen ihn ankämpfen, ihn ignorieren oder sich lustig über ihn machen, und natürlich die, die ihn gar nicht erst bemerken. Hier eine kleine Demo des Kodexes in freier Wildbahn: Pascal kommt neu in die Klasse, er ist unsicher und so weiter, weshalb er sich, um in der neuen Klasse akzeptiert zu werden, seine teuersten Sachen anzieht. Schuhe von Nike Air, Socken von Tommy Hilfiger und hoffentlich auch eine Unterhose von Hugo Boss. (Zu den Unterhosen kommen wir gleich noch ausführlicher, bitte Geduld.) Er kennt zwar den Kleidungskodex seiner neuen Schule noch nicht, kennt aber die allgemein gültige Regel: Leute, die Marken tragen, werden in der Gruppe akzeptiert. Was nicht heißen soll, dass Leute, die keine Marken tragen, nicht aufgenommen werden. Die müssen aber über so etwas wie einen Charakter verfügen oder nette/nützliche Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Hilfsbereitschaft.

Kommen wir zu der (kleinen) Anti-Marken-Fraktion: Georg ist neu ... er will sofort allen zeigen, dass er auf Marken scheißt oder ihm Bequemlichkeit wichtiger ist. Damit er bei dem kleinen Teil der Klasse, dem es genauso geht, als Anti-Mensch erkannt und in ihre Ränge aufgenommen wird, zieht er sich entsprechend an, das heißt, er trägt entweder unbekannte Marken oder solche, deren Logo klein oder nicht sichtbar ist. Damit unterscheidet er sich von dem Typen, der von der Existenz des Kodexes nicht den blassesten Schimmer hat und wahllos irgendwas anzieht, zum Beispiel einen schönen Pullunder, den Mama für ihn ausgesucht hat, oder jede andere Form von Kleidung, bei der klar ist, dass kein normaler 15-Jähriger sich diese freiwillig oder sogar auf eigenen Wunsch anziehen würde. In der Oberstufe kann derselbe Pullunder dann von einem Tag auf den anderen von einem No-go zu einem Must-have mutieren, da er zum eigenen Stil gehört und bewusst gekauft oder gewählt wurde. Das Problem ist bloß, dass wir nicht in der Oberstufe sind, sondern in der Neunten! Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, was mit jemandem passiert, der aussieht, als hätte Mama bei der Klamottenwahl noch ihre Finger im Spiel. Und wenn nicht, sage ich es Ihnen: Hackfleisch! Und danach gesellt er sich zum restlichen Hackfleisch. (Hackfleisch: hier kein grob gehacktes Muskelfleisch, sondern Kinder, die zu Außenseitern werden, meistens weil sie ihrem Alter ein wenig hinterherhinken.) Ja, das Leben ist kein Kinderspiel, und alles hat Konsequenzen. Womit wir dann bei den Unterhosen wären. Sie erinnern sich bestimmt noch an die Zeit vor ungefähr zwei Jahren, als alle männlichen Jugendlichen ihre Unterhosen frei zur Schau stellten und ihre Haare ins Gesicht kämmten, wobei ihr Kopf immer so spastisch zuckte? Sie wissen hoffentlich, dass das jetzt vorbei ist und man wieder aus seinem Versteck kriechen kann. Dieses Zurückwerfen des Ponys wurde durch ein Mit-den-Fingern-in-die-Haare-Fahren ersetzt. Die Haare sollen jetzt nicht mehr ins Gesicht, sondern nach oben. Gucken Sie mal bei Justin, oder machen Sie in der S-Bahn die Augen auf, dann wissen Sie, was gemeint ist. Und was die Unterhose betrifft, befindet sie sich heute wieder dort, wo sie hingehört, nämlich unter der Hose. Das hört sich jetzt ein bisschen konservativ an, aber, um ehrlich zu sein, ich habe dieses ganze Unterhosen-Business nie kapiert. Eine Ewigkeit lang lugte die Unterhose, genauer, lugten karierte Boxershorts aus jeder Hose hervor – bis sie plötzlich verschwanden. Die Leute, die immer noch nicht verstanden haben, dass die Zeit des karierten Unterhöschens vorbei ist, laufen nun Gefahr, von ihren Klassenkameraden an der Unterhose in die Höhe gehoben zu werden. Wobei die Folgen je nach Gewicht mehr oder weniger schwer zu ertragen sind. Also versteckt man seine Unterhose lieber.

Der Kodex der Mädchen

Nach unserer kleinen Exkursion zum Aufstieg und Fall der Unterhose zurück zum Kodex, genauer gesagt, dem Kodex der Mädchen. Soweit ich das verstehe, ist es vielen Mädchen schon früh wichtig, besonders sexy und erwachsen rüberzukommen, was ich ja nachvollziehen kann, weil, wer will das nicht. Und außerdem sind Mädchen nun mal viel weiter als Jungs und so. Das führt dann dazu, dass viele mit zwölf, dreizehn anfangen, sich zu schminken (nichts gegen Schminke, Schminke ist toll – nur, mit zwölf?), Leggins tragen, Hotpants, T-Shirts mit Ausschnitt, T-Shirts mit Löchern ... Finde ich alles toll, aber soll ich das toll finden, soll ich da hingucken?

NEIN!!! Natürlich nicht, du Vollidiot!

Okay, sorry, nur so eine Frage. Aber warum zieht ihr dann so was an?

Dumme Frage!

Ist die Frage wirklich so dumm? Ich meine, die meisten Jungs wollen doch irgendwie Aufmerksamkeit und dass jemand hinguckt, wenn sie sich in so ein ultraenges T-Shirt quetschen, wo man jeden Muskel begutachten kann. Bei Mädchen scheint das ein bisschen anders zu sein. Sie haben keinen Sixpack, zumindest normalerweise nicht, sondern Titten und einen Po, wenn ich das mal so sagen darf. Und da soll aber nur einer hingucken, nämlich der, in den man verknallt ist. Hier endet das rationale Denken, und das Chaos beginnt. Haben die Mädchen denn alle anderen Jungs vergessen, oder haben sie einfach keinen Plan, was so etwas bei Jungs auslöst? Was sehr merkwürdig wäre, da sie ja auch Bio haben und daher wissen sollten, was die Scheiße bewirkt. Sich dann auch noch zu wundern, wenn Jungs, die gerade erst in die Pubertät gekommen sind und die ganze Zeit perverse Witze machen, ihnen auf den Arsch gucken, finde ich nicht gerade superlogisch. Spricht man sie darauf an, schlagen einem Beschimpfungen entgegen, und man wird gefragt, was man denn machen solle, etwa was anderes anziehen?!?!

Ja! Genau!

Nö, so wichtig sei es dann doch nicht.

Was ich dann aber gar nicht verstehe, sind diese Porno-Taschen, die manche Mädchen in meiner Schule mit sich herumschleppen. Da sind dann diese Jungs ohne T-Shirt drauf, die ihre Hände in der Schamgegend ihrer Jeans vergraben haben. Wieder nichts gegen schöne halbnackte Männer, nur, würde ein Junge mit einer Tüte rumlaufen, auf der schöne halbnackte Frauen abgebildet sind, würde er sofort als Perverser abgestempelt werden. Diese schönen Taschen bekommt man beim Kauf eines Kleidungsstückes in einer Abercrombie-&-Fitch- oder in einer Hollister-Filiale. (Wir sehen großzügig darüber hinweg, dass schon das Betreten eines solchen Ladens moralisch nicht tragbar ist, da der Besitzer beider Ketten ein hochprozentiges Arschloch ist, der seine Mode nur an schöne, dünne und reiche Menschen verkaufen will, wie er vor ein paar Jahren in einem Interview verlauten ließ. Und dann sind da noch die Arbeiter, die völlig ausgebeutet werden.)

Hat man den Schultag überstanden, fährt man wieder nach Hause und macht ... was? Genau, Hausaufgaben! Nein! Spaß beiseite, dafür haben wir ja noch heute Abend, morgen früh und den halben morgigen Tag Zeit. Zeit ist ein gutes Stichwort. Eigentlich haben wir viel zu wenig Zeit. Die haben uns doch das 13. Jahr geklaut, was nicht nur unsere Noten, sondern vor allem unser Auslandsjahr in Gefahr bringt. In der Zehnten kann man es nicht mehr machen, da ist Mittlerer Schulabschluss, und Elfte und Zwölfte sind Abi-Vorbereitung. Etwa schon in der Neunten? Darauf verzichten will auch keiner, schließlich gehört das Auslandsjahr heute zum Schülerdasein wie das Klingeln des Handys und die darauf folgende Beschlagnahmung durch den Lehrer. Doch wie findet man den richtigen Aufenthaltsort? Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Erstens: Deine Eltern haben genug oder zu viel Geld, dann kommst du wahrscheinlich auf ein Internat in Schottland oder England. Weil die Lehrer dort unglaublich gut sind und weil man Disziplin lernt, sagen deine Eltern. Natürlich erhoffen sie sich auch, dass du danach ein so wunderschönes Englisch sprichst wie der Butler bei Batman und dass deiner Karriere in einem internationalen Konzern nichts mehr im Wege steht. Zweitens: Man lässt sich von seinen Eltern zu so einer Austauschmesse schleppen, wo man sich dann diese schönen Hefte angucken kann, auf denen immer dieselbe Konstellation von glücklichen Schülern zu sehen ist: ein asiatisches Mädchen, eine Europäerin und ein schwarzer Junge, alle in Schuluniform, die an einer Wand mit so Spinden vorbeilaufen und glücklich in die Kamera lächeln. Des Weiteren kann man sich auf so einer Messe mit netten Leuten unterhalten, die schon super Erfahrungen mit ihrem Austauschjahr gemacht haben. Findet man auch dort nichts, bleibt nur zu hoffen, dass deine Mutter eine weit gereiste Frau ist, die Freunde überall auf der Welt hat und gerade Chinesisch studiert, sodass dir die ganze Welt offensteht und du nur die Qual der Wahl hast. Ich träume von so einer Martial-Arts-Klosterschule wie in Batman Begins, falls jemand den geguckt hat. Wenn du von dort zurückkehrst, kann dir keiner mehr was.

Paul (Mitte), unterwegs mit seinen Freunden in der Berliner U-Bahn © Oscar Lebeck

Entschuldigt, wir waren gerade zu Hause angekommen. Wenn man die Hausaufgaben auf den Abend verschoben hat, guckt man erst mal bei Facebook, ob irgendwas Spannendes in den letzten fünf Minuten passiert ist. Insgesamt checkt man so ziemlich immer, wenn einem langweilig ist, sein Handy, oder man zockt einfach ein kleines Spiel. Selbst in den Hofpausen wird weniger Fußball gespielt als in der Grundschule, weil viele an ihrem Handy rumdaddeln, weil sie gerade Flappy Bird spielen oder Snapchat-Bilder verschicken. Mein Kumpel Bartholomäus (Name geändert, ist ein ganz schlimmer Fall) zum Beispiel. Mit dem kann man keine drei Minuten ungestört reden, ohne dass er piept, klingelt oder blinkt und auf irgendwelche Nachrichten auf WhatsApp antwortet. Das nervt. Kommen wir also zu dem Freizeitverhalten eines Jugendlichen, und beginnen wir mit Facebook, welches in meiner Klasse von neunzig Prozent der Schüler genutzt wird – dem Rest wird Facebook von den Eltern verboten. Ich werde jetzt erst mal versuchen, ein paar positive Aspekte von Facebook aufzuzählen, bevor ich mit den negativen Aspekten loslege. Man kann sich total einfach mit Freunden verabreden (anstatt sie einfach anzurufen), Facebook hilft dir, wieder Kontakt mit Leuten aufzunehmen, zu denen du ewig keinen Kontakt hattest (vielleicht wird einem dann langsam auch wieder klar, warum man den Kontakt verloren hat). Auf Facebook werden täglich kleine Videos hochgeladen, ein paar sind wirklich lustig, da ist zum Beispiel so ein kleines Baby, das Oh, hello motherfucker! sagt. Andere sind weniger lustig bis eklig. Ja, eklig, und zwar auf jede Weise eklig, die geht: pornografisch, brutal oder eine ungute Mischung aus beidem. Die werden aber recht schnell von Facebook gelöscht, keine Sorge. Man kann außerdem die ganze Welt wissen lassen, dass man jetzt in einer Beziehung mit Karla Knoblauch ist. Was auch praktisch an Facebook ist: dass man so einfach mit dem Mädchen seiner Träume in Kontakt kommen kann, selbst wenn man sich nicht wirklich kennt. Kurz eine Freundschaftsanfrage verschickt, mit einem Profilbild, das man vorher mit einem Tönungseffekt verschönert hat, und ganz unauffällig anfangen zu chatten.

Jungs posieren als Model, Mädchen machen Kussmünder

Junge: Hi.

Mädchen: Hi, kennen wir uns?

J: Jetzt schon, wie findest du Twilight?

M: Edward!!!

J: Oder? Voll geil ...

Zwar kenne ich keinen Jungen, der Twilight wirklich geil findet, weil es darin nur um zwei Traumboyfriends geht, die sich beide um dasselbe Mädchen prügeln. Sorry, aber für Jungs fehlt es da einfach an Identifikationsmöglichkeiten. Aber es ist nun mal der schnellste Weg, um sich beliebt zu machen, und per Chat kann man ja auch leichter lügen, als wenn man genau vor jemandem steht. Außerdem erfordert es viel weniger Mut, als jemanden offen zu fragen, und kommt am Ende sogar besser an. Die gleiche Situation in freier Wildbahn: Tom trifft auf das Mädchen, auf das er steht, sowie ihre acht weiblichen Bodyguards, ohne die sie das Klassenzimmer niemals verlässt.

Tom: "Hi, ich bin Tom."

Mädchen-Bodyguard 1: "Und?"

Mädchen der Träume: ... (schweigt – zu schüchtern wegen der Freundinnen oder keinen Bock auf Tom, der wahrscheinlich noch nicht mal Twilight mag)

Tom, in Richtung der Bodyguards: "Ich wollt mal mit Penelope alleine sprechen."

Bodyguard 8: "Sie will aber nicht, stimmt’s, Pene?"

Pene: "Genau, lass uns gehen." (eingeschüchtert von den Bodyguards)

Dann doch lieber Facebook. So, jetzt zur Schattenseite. Was wirklich nervt, sind Leute, die krampfhaft versuchen, Freunde zu finden, und wirklich jedem eine Freundschaftsanfrage senden, auch wenn sie ihn noch nie gesehen haben, um dann mit ihren 300 Freunden angeben zu können. Jungs posieren als Model, Mädchen machen Kussmünder, und dann sind da diese Leute, die immer irgendwelche bescheuerten Bilder von sich beim Rauchen machen oder sich Wasser über den Kopf kippen und das fotografieren und, als wäre das noch nicht schlimm genug, so einen philosophischen Spruch unter das Bild schreiben, den sie von Wikipedia rauskopiert haben. Wobei klar ist, dass sie von dem, was da steht, nicht das Geringste verstanden haben können, weil sie gerade erst zwölf sind. "Angenehm ist am Gegenwärtigen die Tätigkeit, am Künftigen die Hoffnung und am Vergangenen die Erinnerung" (Aristoteles), sag ich da nur. Insgesamt hat Facebook also ein hohes Nervpotenzial, weil alle versuchen, sich so toll und cool wie möglich zu präsentieren.

So. Nachdem wir unsere wichtigen privaten Angelegenheiten geklärt haben, gibt es viele Optionen für die restliche Freizeitgestaltung: Soll man jetzt Sport treiben oder einfach mit den Freunden online zocken oder vielleicht sogar ein ... BUCH LESEN?!? Ich muss sagen, dass nur noch wenige Freunde von mir sich die Mühe machen, ein Buch zu lesen, was ja irgendwie wirklich schade ist. Ich weiß bloß nicht, wieso und für wen. Geht es den Buchhandlungen und Schriftstellern so schlecht? Oder bemitleidet man die, die nicht lesen, weil sie den ganzen Spaß verpassen? Ist doch ihr Problem. Egal. Aus meiner Klasse, das sind so um die dreißig Kinder, lesen ungefähr sieben Leute. Ist jetzt nicht so, dass die anderen gar nicht lesen, nur halt nicht so gerne und sehr selten. Ein Minus für Bücher ist, dass man sich nicht wirklich zum Lesen treffen kann. Ein Plus ist, dass Bücher meistens weniger kosten als Spiele und dass man sie sich aus einer Bibliothek sogar kostenlos ausleihen kann. Für Leute mit viel Fantasie sind Bücher besser als der beste Film oder das beste Spiel. Sie schaffen Welten, Figuren und Stimmungen, die kein Spiel mit noch so guter Grafik nachahmen kann. Aber um das zu verstehen, muss man ein paar Bücher gelesen haben, und ich kenne tatsächlich Leute, die dieses Erlebnis noch nie hatten. Umgekehrt gibt es auch viele Leute, die selber noch kein einziges Spiel gespielt haben und dann fest davon überzeugt sind, dass Ego-Shooter-Games zum Amoklauf animieren würden.

Was viele Erwachsene nicht wissen, ist, dass ihr Kind, wenn es im Kinderzimmer am Computer versinkt, nicht unbedingt herumballert, sondern vielleicht gerade dabei ist, auf einen Bauernhof aufzupassen. Es spielt also ein sogenanntes Browsergame, das sind Spiele, die meist übers Internet gespielt werden und kostenlos sind. Du musst eine Farm vergrößern, eine Stadt aufbauen, mit Siedlern eine neue Welt erkunden. Das heißt, du musst dann jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit das Getreide ernten, die Kühe melken, Abgaben fordern. Das Problem ist bloß, dass du ab einem gewissen Zeitpunkt nicht besser wirst. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber meistens ist das wirklich so. Jetzt ist der Punkt gekommen, an dem du Geld für eine imaginäre Währung ausgeben musst, und das nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder. Das sind die Spiele, die einem das Geld richtig aus der Tasche ziehen und Leute richtig süchtig machen können. Natürlich fällt da nicht jeder drauf rein, aber ein paar wenige haben sie dann beim Wickel. Doch nur weil jemand Geld für ein Spiel ausgibt, ist er noch nicht süchtig, es ist, ehrlich gesagt, für die meisten Jugendlichen normal geworden, Geld für Spielewährungen auszugeben. Dabei handelt es sich meist um Summen von zehn Euro im Monat, was schon scheiße viel Geld für so ein paar Pixel ist. Ich selbst habe aufgehört, solche Spiele zu spielen, da es einfach ungeheuer frustrierend ist, über acht Monate zu spielen und nie eine Chance zu haben gegen die, die Geld ausgeben. Von meinen Freunden haben außerdem die meisten eine Playstation, da zahlt man einmal so um die fünfzig Euro für ein Spiel, und dafür kann man sich dann mit Freunden treffen und im Mehrspielermodus zocken. Das macht am meisten Bock und ist, wie ich finde, ein sehr positiver und sozialer Aspekt, den Spiele haben und der Büchern fehlt. (Am besten sind dann die Eltern, die ihrem Kind Playstation verbieten und sagen, es solle sich doch mal mit Freunden treffen. Sie haben nicht die geringste Ahnung, dass Kinder sich heute nicht mehr zum Legospielen treffen wollen oder zum Hausaufgabenmachen, sondern zum Zocken.) Übliche Szenarien bei Konsolenspielen sind allerdings tatsächlich meist Kriegsspiele, in denen man mit seinem Team gegen ein anderes Team kämpft, das heißt, man gibt sich Feuerschutz und entwickelt gemeinsam Strategien. Das kann man mit echtem Krieg nicht vergleichen und mit Amokläufern erst recht nicht, und ich kenne auch keinen, der das verwechselt, und es würde mich wirklich freuen, wenn es nie wieder eine Talkshow zu dem Thema gäbe. Rollenspiele hingegen sind meist unglaublich komplexe Welten, in denen man sich mit seinem Charakter den Weg irgendwohin erkämpft und dabei mittelalterliche oder sogar antike Schauplätze und Fantasy-Welten im Tolkien-Stil erkunden kann. Diese Spiele sind dem Lesen sehr ähnlich, da man mit seinem Helden Abenteuer erlebt und Aufgaben lösen muss. In diesen Welten kann man sich fast so verlieren wie in Büchern.

So, wir haben jetzt gute drei Stunden gezockt, Sport getrieben oder Bücher gelesen. Was jetzt?

Deine Eltern: Sie sind schuld daran, dass du jetzt auf der Erde wandelst

Wenn heute Freitag oder Samstag wäre, könnte man auf eine Home-Party gehen, um Mädchen kennenzulernen, sich zu besaufen und zu kiffen. Home-Party heißt, dass irgendein armes Schwein sein Haus der totalen Vernichtung preisgibt. Bier dauert zu lange, also Wodka her, und natürlich kennt jeder sein Limit, auch wenn er zu Hause nur Apfelsaft trinken darf (Cola ist zu süß). Mich selber ergriff noch nie die Lust, besoffen durch die Straßen zu ziehen oder in meiner eigenen Kotze aufzuwachen, Zigaretten finde ich auch weitgehend uninteressant, da sie scheiße schmecken und man am nächsten Morgen Halsschmerzen hat. Ein schlechte Alternative zur Zigarette ist die Shisha, die ja so unglaublich gesund sein soll, zumindest sagen das alle, die eine Shisha haben, obwohl sie natürlich genauso kacke für die Lunge ist, nur dass sie halt nach Erdbeere oder so schmeckt. Ziemlich viele Jugendliche wollen auch so schnell wie möglich Gras ausprobieren, da es dieses völlig harmlose Image hat, grün und naturell, eine Biodroge aus Pflanzen und ganz ohne Chemie. Ich habe allerdings schon so ein paar Typen kennengelernt, bei denen man das Gefühl hat, dass sie sich das Hirn weggekifft haben. Woran man das merkt? Ganz einfach. Erstens: Sie erzählen dir meist, ohne dass du danach fragen musst, dass sie dauernd kiffen. Zweitens: Sie brauchen unglaublich lange, um irgendetwas zu sagen. Drittens: glasiger Blick und Antriebslosigkeit. Das Allerbeste ist, wenn man mit seinen Eltern über so was reden will, bieten sie einem sofort an, ob man nicht zusammen im Garten eine rauchen wolle.

Klar, super, Mama, gerne!

Im Ernst? Irgendwie nicht. Und da wären wir ja auch schon beim nächsten Thema: deine Eltern. Sie sind schuld daran, dass du jetzt auf der Erde wandelst, sie wollen immer nur das Beste für dich, und egal, was du tust, sie lieben dich immer noch. Das kann ganz schön nerven. Erst waren sie deine engsten Verbündeten und deine Vorbilder, doch seit der Pubertät ist alles anders. Plötzlich sind sie deine schlimmsten Gegenspieler, wenn es darum geht, cool zu sein, und auch sonst stehen sie immer im Weg. Sie wollen dauernd wissen, wo du hingehst, verbieten dir, die Filme zu gucken, die all deine Freunde gucken dürfen, und weigern sich, dir das neue Call of Duty-Spiel zu holen, das alle aus deiner Klasse spielen, das Spiel sei zu brutal. Und wo wir gerade davon reden, deine Computerzeit wird fortan auf eine Stunde verkürzt, weil Zocken angeblich die Aufmerksamkeitsspanne verkürzt, dabei schauen sie selber die ganze Zeit auf ihr Handy und versuchen, mit ihren großen, ungeschickten Fingern die Home-Taste von ihrem iPhone zu drücken. Aber egal. Beim neuen Saw- Film kannst du nicht mitreden, weil du ihn nicht sehen darfst, bei League of Legends wirst du nicht besser, weil du nur eine Stunde am Tag spielen darfst. Und du wirst nie erfahren, wie es bei The Big Bang Theory weitergeht, nur weil du Fernsehverbot hast. Die Konsequenzen, die solche Entscheidungen für ihre Kinder haben, sind Eltern meist nicht bewusst. In manchen Gruppen in der Schule kann man wegen so einem Scheiß schon als Außenseiter gelten, und das wollen die Eltern ja eigentlich auch nicht. Wenn das Kind sehr viel Pech hat, kommt es aus einem ganz strengen Haushalt und muss auch noch mithelfen und immer viel lernen. Belohnungen wie Filme gucken oder Computerspiele sind selten, außerdem muss das Kind immer pünktlich zu Hause sein. Kommt ein solches Kind in die Pubertät, gibt es meist richtig Stress. Es will mehr über sich bestimmen dürfen, Kleidung selber kaufen, einen eigenen Stil entwickeln, eigene Musik hören. Nicht immer diese langweiligen Nirvana oder Johnny Cash, richtige Mucke muss her, Bushido, Kollegah, Haftbefehl und so weiter. Aber keine Sorge, diese Phase sollte nicht lange andauern, da man die zehn Vokabeln, auf denen die Texte basieren, irgendwann mal kennt und satthat: Prada, Lambo (Lamborghini), Nutte, Hurensohn, Babo (Boss), reich, geil, verfickt und schließlich ficken, fick dich. Aus diesen paar Wörtern lassen sich erstaunlich viele Lieder kombinieren, aber spätestens mit 16, 17 kennt man die alle. Spätestens dann entwickelt sich normalerweise auch so etwas wie ein Schamgefühl, das es unmöglich macht, solche schönen Lieder laut zu hören. Aber davor kann die Situation sehr stark eskalieren. In der Pubertät wird das Kind zu einem selbst denkenden Menschen, und ohne Kampf funktioniert das nicht. Wie ein Land, das für seine Unabhängigkeit kämpft. Was dann besonders nett ist, wenn man dieses kleine blaue Buch auf dem Nachttisch seiner Eltern findet: Pubertät – wenn Erziehen nicht mehr geht. Darunter in klein: Gelassen durch stürmische Zeiten. Von Jesper Juul.

Vor dem inneren Auge das Bild: ein riesiges Bücherregal, so hoch wie das Empire State Building (Schwindel). Daneben auf einem Thron Jesper Juul und vor ihm eine riesige Menge an hilflosen Eltern, die alle von weit her gekommen sind, um seine Ratschläge zu hören. Der große Juul furcht seine Stirn und erhebt dann die Stimme: "Dies betrifft euch alle, woher ihr auch kamt, hört mir zu!" Das Gemurmel in der großen Bibliothek verstummt, alle Eltern schauen wie gebannt zu ihm auf: "Ich habe einen Weg gefunden, all euer Leid zu heilen ... Kauft alle meine Bücher, und studiert sie gut, denn sie sind der einzig wahre Weg."

Um ehrlich zu sein, habe ich mir das Buch dann doch noch angeguckt. Scheint ein ganz netter Typ zu sein, der unsere Eltern mit einfachem und effektivem Rat unterstützt: sich Zeit für seine Kinder zu nehmen. Sie ernst zu nehmen.

Das ist Winnerman, den Paul erfunden hat – er will Comiczeichner werden © Paul Bühre

Andererseits ist das Buch auch ein gutes Zeichen, denn anscheinend sind die Eltern schon arg verzweifelt, und man steht kurz vor dem Sieg. Es ist jetzt schon spätabends, und der Durchschnittsschüler sitzt an seinem Tisch und müht sich mit den Mathe-Hausaufgaben ab. Mit Mathe ist nicht zu spaßen, es ist das einzige Fach, wo Abschreiben nichts hilft, da man, falls man die Hausaufgaben an der Tafel erklären muss, den Lösungsweg können muss. Das ganze Abschreiben hat sich übrigens sehr vereinfacht, da man einfach eine Gruppe bei WhatsApp aufmachen kann, und einer fotografiert seine Hausaufgaben, und alle schreiben ab. Was natürlich zu unangenehmen Situationen führen kann, wenn alle in Deutsch dieselbe Geschichte vorlesen müssen. Das perfekte Fach zum Abschreiben ist Latein, es gibt unzählige Seiten mit Übersetzungen im Internet. Viel helfen in der Lateinarbeit tut es einem natürlich nicht, wenn man immer nur abgeschrieben hat. Egal, es ist zehn Uhr abends, und die Zeit ist zu knapp, um jetzt noch irgendeine Übersetzung zu machen. Völlig verwirrt, erschöpft und müde fällt der Schüler in sein Bett, doch morgen beginnt das Grauen von Neuem.