Die Vergangenheit stand sofort vor ihm, als Siegfried Däschler-Seiler im Sommer an die Odenwaldschule kam. Der neue Schulleiter fühlte sich, als sei die Zeit stehen geblieben, als er Gerold Becker über das Schulgelände wandeln sah. Doch es war nur der Schauspieler Ulrich Tukur, der in die Rolle des pädophilen Reformpädagogen geschlüpft war. Im Film Die Auserwählten spielt er den Hauptbeschuldigten im Missbrauchsskandal der Odenwaldschule. "Hier hatte man das Büro von Becker eingerichtet", sagt Däschler-Seiler und führt in ein achteckiges Zimmer im Goethe-Haus, dem ältesten Gebäude der Odenwaldschule. Viel mehr weiß er aber auch nicht. Die Entscheidung, den Film am Originalschauplatz drehen zu lassen, fiel lange bevor er Schulleiter wurde. Ins Drehbuch ließen die Filmemacher niemanden schauen. "Ich bin gespannt auf den Film, aber ein mulmiges Gefühl habe ich trotzdem", sagt Däschler-Seiler. Wenn der Film im Oktober zur Hauptsendezeit in der ARD zu sehen sein wird, werde noch einmal alles hochkommen. "Dann heißt es wieder: die Missbrauchsschule. Obwohl wir das doch schon lange nicht mehr sind."

Aber die Vergangenheit lauert überall. Egal, was Däschler-Seiler vorhat, egal, was er anpackt. Normalität. Alltag. Zukunft. Lässt sich das an einem traumatisierten, von vielen für tot erklärten Ort wie diesem jemals erreichen? Ist er als Schulleiter in einer solchen Einrichtung nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Weitab von Großstadt, Konsum und Ablenkung vergingen sich hier über Jahre hinweg Erwachsene an Kindern und Jugendlichen. Der sexuelle Missbrauch wurde verschwiegen, vertuscht und von vielen gedeckt. Heute geht man von 137 Opfern und 19 Tätern aus. Doch dieses monströse Ausmaß des Skandals kam erst vor vier Jahren, im Frühjahr 2010, ans Licht. Seitdem kehrt keine Ruhe an der Schule ein, und die Sehnsucht nach einem, der ihr ein Stück des alten Glanzes zurückgeben könnte und keinerlei Verbindungen zur Vergangenheit hat, ist groß. Aber wer tut sich das freiwillig an?

Als Siegfried Däschler-Seiler sein neues Büro bezog, kam auch Juliana Volkmar an die Odenwaldschule – als Internatsleiterin. Mit dem neuen Führungsteam wollte der Trägerverein der Odenwaldschule ein Signal des Aufbruchs setzen, weit über das Hambachtal hinaus. Für einen unbelasteten Neuanfang sollte es stehen, für die endgültige und klare Trennung von Schule und Internat. Noch bis zum Sommer 2011 war die damalige Schulleiterin Margarita Kaufmann für beides verantwortlich und zudem sogenanntes Familienhaupt in einem der zwölf Wohnhäuser, in denen die Schüler an der Odenwaldschule untergebracht sind. Diese "Oso-Familien" waren und sind bis heute eine Art Markenzeichen der Odenwaldschule. Schüler leben gemeinsam mit Lehrern in den weit über das Gelände verstreuten Häusern. In den siebziger und achtziger Jahren hatte sich Gerold Becker mit der allumfassenden Macht des Schul- und Internatsleiters ausgestattet, war zugleich viele Jahre Vorsitzender des Trägervereins und bestimmte im Alleingang die Regeln. Er wählte die Jungen aus, die in seiner "Familie" lebten und seine Opfer wurden. Bis heute leiden viele Ehemalige unter Beckers Taten. Nicht wenige sind daran zerbrochen.

Ein so akribisches Auswahlverfahren, wie es Juliana Volkmar und Siegfried Däschler-Seiler durchliefen, hatte es an der Odenwaldschule also lange nicht gegeben. In einem Assessmentcenter hatte jeder Kandidat einen theoretischen Fall von sexueller Grenzverletzung zu analysieren, es gab Fragen zum Verhältnis von Nähe und Distanz, zur Rolle von Lehrern und Erziehern. Nun, nach einigen Monaten im Amt, wissen beide nur zu gut, dass alle großen Konflikte, die sie zu lösen haben, eng mit der Missbrauchsgeschichte der Schule verknüpft sind: Wie steht es um die Aussöhnung mit den Opfern, um die Wiedergutmachung des Leids? Wie kann die Geschichte der Odenwaldschule aufgearbeitet und in die Gegenwart integriert werden? Wie gut funktionieren die Präventionskonzepte, und wird man überhaupt am Familienprinzip in den Wohnhäusern festhalten können?

Aber Siegfried Däschler-Seiler ist auch gekommen, weil er will, dass man endlich wieder jenseits all dessen über die Odenwaldschule spricht: Weil es hier guten Unterricht gibt, die Schüler neben dem Abitur eine Lehre zum Schlosser, Schreiner, Mediengestalter oder chemisch-technischen Assistenten machen können und "weil man sich hier auch um all jene Schüler kümmert, die im staatlichen Schulsystem nicht zurechtkommen".

Der 61-Jährige, ein gemütlicher Schwabe, dem jegliche Form von "schicker Rhetorik" zuwider ist, hat noch fünf Jahre bis zur Pensionierung. Er hat es nicht mehr nötig, sich zu profilieren, es muss nicht jedem gefallen, was er sagt, er könnte etwas riskieren.

Auch für Juliana Volkmar war das Konzept der Schule ein Grund, sich als Internatsleiterin zu bewerben. Volkmar ist eine kleine, eher unauffällige Frau, aber ihr Ton ist klar und bestimmt. Sie glaubt, "dass gerade Schüler, die woanders gescheitert sind, hier andere Möglichkeiten bekommen, sich zu entwickeln". Den ganzen Tag lang ist sie unterwegs auf den schmalen Wegen und ausgetretenen Treppen, zu Gesprächen mit Schülern und Lehrern. Vorbei an Werkstätten, Zeichensaal, Schlosserei und Laborgebäude, an den Wohnhäusern, die alle Namen berühmter Dichter, Philosophen oder Pädagogen tragen.

Das Herder-Haus, in dem die "Familie" Gerold Beckers lebte, steht seit vier Jahren leer. Es sei von Grund auf saniert worden, sagt Volkmar. Nun müsse man sehen, wie man es in Zukunft nutzen wird. Steil führt der Berg hinauf zum Klimek-Haus. Von hier oben sieht man, wie verstreut und abgeschieden die Häuser auf den Wiesen und am Waldrand sitzen.

Juliana Volkmar klopft an die Tür von Katharina Mitgau. Seit fast 20 Jahren lebt und arbeitet die Lehrerin an der Odenwaldschule. In ihrer Wohngruppe leben drei Jungen und fünf Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Die Verantwortung als Familienhaupt teilt sie sich mit einer zweiten Kollegin, die auch Lehrerin ist. Mitgau weckt die Schüler morgens, sonntags frühstücken alle gemeinsam in ihrer Küche. An allen anderen Tagen treffen sie sich zu den Mahlzeiten im Speisesaal. Die Familien haben ihre festen Tische, es wird gequatscht, gelacht und gestritten. Die Familienhäupter bekommen ein Gespür für die Stimmung in der Gruppe, wer hat Angst vor der nächsten Mathearbeit, wer hat Liebeskummer? Dann ziehen sie selbst wieder weiter zum Unterrichten. "Die Doppelbelastung als Lehrer und Erzieher ist für viele schon sehr groß", sagt Juliana Volkmar. Doch das Vertrauen, das man in den Wohngruppen zu den Kindern aufbaue, wirke sich positiv im Unterricht aus, sagt Katharina Mitgau. Sie glaubt, man könne die ganze Diskussion um das Zusammenleben von Lehrern und Schülern entschärfen, wenn man weg käme vom missverständlichen Begriff der "Familie". "Daran könnte ich mich eher gewöhnen, als auf das Du mit den Schülern zu verzichten."