Knapp 20 aufgebrachte Arbeitslose haben sich an diesem Mittwochnachmittag im Café Müller am Wiener Yppenplatz versammelt. Sie sind wütend und fühlen sich vom Arbeitsmarktservice (AMS) erniedrigt. Ob sie sich weigern könne, einen AMS-Kurs zu belegen, will eine Dame um die vierzig wissen. Warum er seinen "unfähigen Betreuer" nicht wechseln könne, fragt ein Mann im schwarzen Trainingsanzug. Die Blicke im Raum richten sich auf Martin Mair, der jede Frage beantworten wird.

Seit der Jahrtausendwende ist der 49-Jährige erwerbslos und findet, dass Arbeitslose in Österreich "zu rechtlosen Objekten degradiert werden" und eine öffentliche Stimme brauchten. Vor vier Jahren hat der studierte Publizist den Verein Aktive Arbeitslose gegründet. Inzwischen ist er ein gefragter Mann, die erste Auflage seines im Eigenverlag erschienen Buches Erste Hilfe: Handbuch für Arbeitslose ist vergriffen, die Medien wollen plötzlich Interviews mit ihm. "Wir haben täglich mehr Anhänger, und allmählich hat das AMS Angst vor uns", sagt er. Am Ende der Versammlung im Café Müller wird das Programm der kommenden Wochen festgelegt: Ein Treffen mit Stadtpolitikern und ein Flashmob vor dem Sozialministerium sind geplant. Die Arbeitslosen ziehen in die Schlacht gegen das System.

Für Österreichs Arbeitsmarktservice kommen solche öffentlichkeitswirksamen Aktionen zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Für 2014 ist eine landesweite Rekordarbeitslosigkeit von 7,6 Prozent prognostiziert. Im Februar waren 440.843 Personen ohne Job – fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr, rund 84.000 besuchten eine der zahllosen Schulungen. Die Kritik an der Qualität dieser Kurse wird indes immer größer.

Nun hat sich die Volksanwaltschaft in die Debatte eingeschaltet. Ihr Vorstand Günther Kräuter (SPÖ) leitete ein "amtliches Prüfungsverfahren" ein, das in den kommenden Tagen abgeschlossen wird. "Viele Angebote sind völlig überteuert und helfen den Arbeitslosen überhaupt nicht", resümiert Kräuter seine Untersuchung. Er berichtet von Computerfachleuten, die einen EDV-Grundkurs belegen sollen; von einer Frau, die mit einem Briten verheiratet ist und in einen Englisch-Anfängerkurs gesteckt wird; bis hin zu einem älteren Herrn, der kurz vor der Pensionierung ein Karriereplanungs-Training absolvieren soll.

Auf der Webseite soned.at befindet sich ein ganzes Archiv an Erfahrungsberichten, in denen Jobsuchende über "sinnlose Fortbildungskurse", "vertrottelte Trainer" und "Zwangsrekrutierungen" schimpfen. Was läuft bei diesen Kursen dermaßen schief?

Mehr als 500 Millionen Euro bekommt das Arbeitsmarktservice im Jahr für seine Aus- und Weiterbildungsprogramme vom Staat überwiesen und beauftragt damit ausschließlich externe Bildungsinstitute. Ein Großteil dieser Einrichtungen steht den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP nahe. Das sorgt bei den Kritikern für zusätzliche Verstimmung. "Die größten Auftragnehmer sind das Berufsförderungsinstitut BFI, das Wirtschaftsförderungsinstitut Wifi und die österreichischen Volkshochschulen", sagt der Arbeitslosen-Lobbyist Martin Mair. "Bei der Vergabe geht es oft nicht um Qualität, sondern um Gefälligkeiten."

Und letztlich geht es darum, genügend Teilnehmer für ein Trainingsangebot zu finden. Wenn eine Bildungseinrichtung den Zuschlag für einen Kurs bekommen hat, dann soll der auch unbedingt stattfinden und nicht leer bleiben. So kann es passieren, dass etwa einer jungen Frau mit Publizistikabschluss von ihrem Betreuer empfohlen wird, den Gabelstaplerführerschein zu machen.

In der Bundeszentrale des AMS im 20. Wiener Gemeindebezirk verwehrt man sich gegen die Kritik an den Kursen und verweist auf die Erfolgsquote: 60 Prozent der Erwerbslosen in Österreich finden innerhalb eines halben Jahres wieder einen Job. Bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt sei Österreich damit im europäischen Vergleich nach Belgien Spitzenreiter. Die Zahl der Kursteilnehmer liegt österreichweit bei knapp 300.000 im Jahr – Tendenz steigend. "Dass bei so vielen Kunden manchmal auch Fehler passieren, wollen wir gar nicht leugnen", sagt AMS-Vorstand Johannes Kopf, ehemaliger Arbeitsmarkt-Experte im Kabinett des früheren ÖVP-Wirtschaftsministers Martin Bartenstein. Der Fokus liege aber bei älteren Arbeitslosen und Kunden, die lediglich einen Pflichtschulabschluss hätten.