Die Mächtigen darf man nicht berühren, denn Macht braucht Abstand. Doch was, wenn ein Mächtiger selber die Nähe der Menschen sucht? Machiavelli, der große Philosoph der Macht, hätte die Methode des neuen Papstes politischen Selbstmord genannt: Wer sich den Massen annähert, verliert die Aura der Unberührbarkeit. Franziskus widerlegt die machiavellistische Logik: Sein Ansehen wächst mit zunehmender Nähe, seine Autorität beruht auf seiner Berührbarkeit.

Nähe aber heißt mehr als öffentliches Abküssen kleiner Kinder, wie es für Päpste im Medienzeitalter obligatorisch ist. Kürzlich hat Franziskus Sicherheitsmaßnahmen im Vatikan verboten, die seinem persönlichen Schutz dienen sollten, aber ihn auch von den Mitarbeitern abschirmen würden. Das Problem: Franziskus geht zu Fuß vom Gästehaus Santa Marta, wo er wohnt, in den Apostolischen Palast oder in die Audienzhalle. Es sind nur wenige Hundert Meter, aber sein Arzt hat ihm das Gehen empfohlen gegen eine schmerzhafte Arthrose. Die Nebenwirkung ist nun, dass jeder innerhalb der vatikanischen Mauern den Papst treffen kann. Der Polizeipräfekt, der angeordnet hatte, die Straßen von Autos und Menschen frei zu räumen, sobald der Chef losspaziert, musste seinen Befehl zähneknirschend zurücknehmen.

Franziskus will ansprechbar sein – nicht nur auf der Straße, auch im Amt. Das ist eine der wichtigsten Neuerungen seines Pontifikats. Unter Benedikt musste man schon einen Staatssekretär oder Erzpriester kennen, um ein dringendes Anliegen an den Papst zu bringen. Wenn ein Bischof einen Termin bei Benedikt wollte, war das nach Auskunft langgedienter Vatikanmitarbeiter "eine Aventüre". Der persönliche Sekretär Georg Gänswein hatte Benedikt abgeschirmt, am Ende war dieser fast unerreichbar. Franziskus hat deshalb gleich erklärt, er wolle nicht wie andere Päpste als Gefangener seiner Sekretäre enden. Wen er treffe, das entscheide er selbst.

Vielleicht ist er deshalb so gut informiert. Er hat sich eine professionelle Büromannschaft unter Leitung des Italoargentiniers Fabián Pedacchio Leaniz zugelegt, der eigentlich als zweiter Sekretär hinter dem Malteser Alfred Xuereb steht. Der einst mächtige Sekretär Georg Gänswein trägt zwar den pompösen Titel Präfekt des Päpstlichen Hauses, hat aber keine politische Entscheidungsgewalt mehr. Die liegt nun wieder beim Papst, doch der teilt sie sich mit neuen Beratern und eigens geschaffenen Gremien.

Es heißt, er könne zuhören und vertrage Widerspruch. Und er ermuntert noch die verschwiegensten Kardinäle zum offenen Meinungsstreit. Ende Februar beim Konsistorium gab es die erste echte Debatte im Kardinalskollegiums, das sonst nur mit Koreferaten die Meinung des Papstes bestätigte. "Wie der Heilige Vater schon sagte ...", "Wie der Heilige Vater schon schrieb ...", so war es in den letzten Jahren üblich. Dass es diesmal anders war, hatte der Papst selbst organisiert, indem er bei dem emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper eine kontroverse Rede zu den sogenannten Familienfragen in Auftrag gab. Zuvor hatte Franziskus einen Fragebogen an die Katholiken in aller Welt versendet. Von ihm selbst hört man, er sei bei Ehe, Familie und Sexualmoral der Meinung: "Wenn eine Ampel auf Rot steht, bleiben die Leute stehen. Aber wenn sie nie auf Grün schaltet, gehen irgendwann alle drüber."

So geht friedliche Revolution. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio hat in seinem ersten Jahr in Rom das wohl heikelste Kapitel der katholischen Doktrin in der Moderne angepackt. Außerdem mischte er sich in die Arbeitsweise der Kurie, des Heiligen Stuhls und des Vatikanstaats ein. Er inthronisierte nicht nur neue "Minister", sondern regierte auch an alten Strukturen vorbei. Der lächelnde Antimachiavellist machte harte Innenpolitik: Neben der Reformkommission aus acht internationalen Kardinälen holte er sich auch eine Beratergruppe aus Laien, ausgerechnet für die Skandalthemen Finanzen und Kommunikation. Er verabschiedete den Machtpolitiker Tarcisio Bertone aus dem Amt des Kardinalstaatssekretärs und holte dafür den bescheidenen Pietro Parolin. Daneben versucht er die vatikanische Diplomatie wiederzubeleben.

Sein neuer Stil ist Politikstil und Führungsstil, nicht bloß, wie Kritiker behaupten, eine Kleidermode. Die äußere Abrüstung der Gewänder geht einher mit der inneren Abrüstung des klerikalen Herrschaftsanspruchs. Wenn die Traditionalisten in der Kurie jetzt über die billigen Chormäntel des Papstes spotten, dann schwingt die Angst vorm eigenen Machtverlust mit.

Seine Macht ist eine andere Art von Macht. Sie soll nicht bewahren, sondern bewirken. Sie dient nicht der Kirche, sondern der Welt. Bergoglio hatte die Wahl zum Papst mit einer Reformrede gewonnen, die den Zustand der Kirche betraf, aber dann machte er klar, dass es ihm um mehr als innerkirchliche Renovierung geht: "Die Kraft der Kirche liegt nicht in ihr selbst und ihrer organisatorischen Fähigkeit. Ein authentischer Glaube schließt den Wunsch ein, die Welt zu verändern. Haben wir große Visionen? Haben wir Träume? Sind wir mutig?"

Der neue Papst will also die Kirche ändern, um die Welt zu ändern. Dass er nicht bei der Welt, sondern bei der Kirche anfängt, macht ihn sympathisch. Anders als seine Vorgänger sorgt er sich weniger um den schlechten Einfluss der Welt auf seine Kirche als um den mangelnden Einfluss der Kirche auf die Welt. Dabei geht es ihm nicht zuerst um Bekehrung, sondern um Befriedung. Nach dem Motto: Was nützt die schönste Kirche in einer hässlichen Welt? Ein langjähriges Mitglied der Kurie hat es so ausgedrückt: "Er will heraus aus dem Mief einer auf sich selbst bezogenen, um sich selbst kreisenden, an sich selbst leidenden und sich selbst bejammernden Kirche. Er will eine Kirche im Aufbruch."