Ich stelle mir vor, der russische Außenminister Lawrow wäre, sagen wir während der Unruhen in Los Angeles 1992, nach Kalifornien geflogen und hätte zum Sturz des Gouverneurs aufgerufen.

Das hätten Sie seltsam gefunden?

Und wie fanden Sie es, dass der deutsche und der US-Außenminister nach Kiew reisten, um in öffentlichen Reden den Aufruhr gegen den dortigen Präsidenten zu unterstützen?

Ich bin in Sibirien geboren, weil mein Vater im Arbeitslager war. Mir ist die gegenwärtige Restalinisierung Russlands durchaus suspekt. Ich bin alles andere als ein Freund von Putin, schon gar nicht von Janukowitsch – auch wenn man mir das vorwerfen wird, denn in dieser Republik findet sich immer jemand, der einen aus dem ehemaligen Osten kommenden Frager reflexmäßig mit dem Dann-geh-doch-rüber-Argument abwatscht.

Und doch empfinde ich die Berichterstattung in unserem Land im Augenblick als äußerst einseitig. Wo sind die Fragen? Wo sind die Zweifel? Wo sind die Maßstäbe für die Bewertung politischer Handlungen?

Vor wenigen Tagen wurde Janukowitsch in einer führenden deutschen Zeitung mit Gaddafi verglichen. Ja, geht es noch? Jeder weiß, dass Janukowitsch vor gerade drei Jahren demokratisch zum Präsidenten der Ukraine gewählt worden ist. Gewiss kann man gegen einen Präsidenten protestieren, zum Beispiel wenn man meint, er hätte ein Assoziierungsabkommen unterzeichnen müssen, von dem allerdings selbst der ehemalige Vizepräsident der EU, Günter Verheugen, meint, dass es "keine klare Perspektive für dieses Land eröffnet". Aber woher wissen wir eigentlich, dass die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung tatsächlich für dieses Abkommen in dieser Form ist? Und selbst wenn das der Fall wäre: Seit wann akzeptieren die Westeuropäer diese Art des Plebiszits, das nicht einmal nach Zahlen fragt, sondern nach Präsenz auf der Straße?

Oder wird akzeptiert, was den wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen Westeuropas dient?

Wenn sich die Bevölkerung einer autonomen Republik von Russland abzuspalten wünscht – wie im Falle Tschetscheniens –, findet dies den ungeteilten Zuspruch der westlichen Politik. Wenn aber die Mehrheit der Bevölkerung einer autonomen Republik sich mit Russland zu vereinigen wünscht, dann wird das als Katastrophe angesehen?

Die Bevölkerung der Krim besteht zu 58 Prozent aus Russen. Einer der ersten Pläne der neuen – nicht gewählten – ukrainischen Regierung war, Russisch als zweite Amtssprache abzuschaffen. Ist es wirklich unvorstellbar, dass die Bevölkerung der Krim dies mehrheitlich als feindlichen Akt ansieht?

Der Internationale Währungsfonds fordert von der Ukraine eine drastische Erhöhung der kommunalen Tarife und ein Einfrieren der Löhne. Gleichzeitig sollten diverse Subventionen für Industrie und Landwirtschaft sowie soziale Leistungen für die Bürger gestrichen werden. Das hat der neue Ministerpräsident auch bereits zugesagt. Ist es wirklich so unglaublich, dass es Teile der Bevölkerung gibt, die das nicht wünschen?

Weder Russland noch der Westen dürfen tun, was sie wollen

Die Schenkung der ursprünglich russischen Krim an die Ukraine erfolgte unter den Bedingungen der Sowjetunion. Diese Schenkung war ein Willkürakt, der im Grunde von jedem Demokraten abgelehnt werden müsste. Wie kann man ein Land samt seiner Bevölkerung verschenken! In allen Fällen, da Völker in Europa ihre durch kommunistische Regime aufgedrängten Staatszugehörigkeiten loswerden wollten, waren die Westeuropäer eilig dabei, diesen Prozess zu fördern und zu unterstützen. Und nun heißt das "russische Invasion", und zwar schon bevor eine solche begonnen hat?

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ihre "vitalen Interessen" schon oft verteidigt: in Kuba, in Vietnam, in Afghanistan, im Irak, mit Agent Orange, mit Hightechbomben, mit Drohnen – und sie tun dies bis heute. Wieso kommt niemand auf die Idee, die USA aus der G 8 auszuschließen?

Wer wirklich unsere vitalen Interessen verteidigen will, der sollte sich Folgendes vor Augen führen: Russland ist eine Großmacht auf dem Rückzug. Es hat in den letzten Jahren gefährlich an Einfluss und Macht verloren. Ohnehin seit Langem von amerikanischen Militärstützpunkten eingekreist, ist es nun auch von Militärbasen in ehemals sozialistischen Ländern umgeben, neuerdings sogar in einstigen Sowjetrepubliken. Gehört wirklich so viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie schwierig es für viele Russen – in der Regierung und in der Bevölkerung – ist, damit umzugehen?

Die Menschheit vergisst schnell. Wir sind der atomaren Katastrophe mehrmals um Haaresbreite entkommen. Eine Neuauflage des Kalten Krieges, in der eine in die Defensive geratene Großmacht, die noch immer die Fähigkeit hat, den Planeten zu vernichten, eine Hauptrolle spielt, wäre ein Szenario, das man – mein Rat – lieber nicht durchspielen sollte. Das heißt nicht, dass die Russen tun dürfen, was sie wollen. Aber es heißt auch nicht, dass der Westen tun darf, was er will. Man muss ja nicht gleich den Drohnenkrieg einstellen.

Änderung vom 11. März: Auf Wunsch des Autors haben wir die Überschrift "Verständnis für Russland, bitte!" geändert.