DIE ZEIT: Herr Röttgen, droht in der Ukraine ein Krieg?

Norbert Röttgen: Es gibt eine eindeutig völkerrechtswidrige militärische Aggression der Russischen Föderation gegen die Ukraine. Und Putin hat die Drohung erneuert, dass die Gewalt nicht endet, sondern noch zunehmen wird. Das ist der Stand der Dinge.

ZEIT: "Zunehmen" heißt, es besteht die Gefahr, dass der Konflikt sich auf die gesamte Ukraine ausweitet?

Röttgen: Dass es zudem noch militärisch erzwungene territoriale Ansprüche, Besetzungen oder Einverleibungen geben könnte. Durch die Umbrüche in der Ukraine hatte Putin den Einfluss auf das Land verloren. Schon vorher war Janukowitsch nach meiner Einschätzung nicht die Marionette, als die er beschrieben wurde. Aber mit dem Umsturz ist Putin die Lage völlig entglitten. Meine Analyse ist, dass er durch militärische Gewaltanwendung wieder zum politischen Akteur werden wollte. Das hat er zunächst auch erreicht. Und jetzt ist die große Frage: Bleibt es bei diesem Machtspiel – was für sich schon schlimm genug und nicht hinnehmbar ist –, oder strebt er sogar eine weiter gehende territoriale Erweiterung an?

ZEIT: Zeigt sich jetzt der wahre Putin, der den Zerfall der Sowjetunion als Schmach empfindet und die Gelegenheit sieht, dies rückgängig zu machen, oder hat er möglicherweise wirklich eine andere Einschätzung der Vorgänge, wenn er sich darauf beruft, russische Bürger seien bedroht?

Röttgen: Natürlich muss man Putins Handeln aus seiner Perspektive heraus betrachten: Die Ukraine und die Krim haben eine besondere Bedeutung in der russischen Geschichte. In Putins Wahrnehmung war das 20. Jahrhundert ungerecht gegenüber Russland. Aber er ist auch ein taktisch versierter Machtpolitiker, der die Ukraine als Einflussgebiet sieht, um in Zentraleuropa mitreden zu können. Putin möchte Russland als globalen Akteur akzeptiert wissen.

ZEIT: Ist es das wichtigste Ziel, einen Zerfall der Ukraine zu verhindern?

Röttgen: Das wichtigste Ziel muss es sein, dass die völkerrechtlich verankerte Souveränität von Staaten auch respektiert wird. Dazu gehört, dass es alleine dem ukrainischen Volk obliegt, über seine territoriale Integrität zu entscheiden. Inakzeptabel wäre es, mit Russland über die Ukraine zu verhandeln – was nach meiner Einschätzung das eigentliche diplomatische Ziel von Putin ist.

ZEIT: Wie realistisch ist es, dass das ukrainische Volk alleine entscheidet, wenn Putin die Möglichkeit hat, massiven Einfluss im Land zu nehmen und Proteste zu steuern?

Röttgen: Der Westen muss politisch und wirtschaftlich an der Seite der Ukraine stehen, und wir müssen mit Russland darüber reden, dass gute Nachbarschaft für alle von Vorteil ist. Das ist jedoch ein sehr westliches Denken und sehr weit weg von Putins Denken.

ZEIT: Der Einmarsch auf der Krim kam überraschend. Viele dachten, Putin werde seinen Einfluss anders geltend machen.

Röttgen: Das zeigt die Skrupellosigkeit und auch Kühnheit – ich sage das ohne einen Funken von Bewunderung. Er hat analysiert: Wie komme ich da wieder rein? Er war ja völlig draußen. Und richtigerweise zieht der Westen es nicht in Erwägung, militärisch zu reagieren. Dieses Vakuum hat Putin erkannt und ist vorgestoßen. Dem Westen stehen in so einem Fall "nur" Diplomatie und Politik zur Verfügung. Beides muss jetzt aber auch ganz eindeutig und vor allem einheitlich sein.