Wie gut, dass Autoren tun und lassen, was sie wollen. Reisen und schreiben, sehen und schweigen. Wie gut, dass sie die Welt und ihre Sprachen kennenlernen, ihre Muttersprache durch neue Sprachen erweitern und Ideen ausbrüten, auf die kein einheimischer Nesthocker kommt. Beim Lesen eines amerikanischen Südstaatenautors kam dem 1978 im bosnischen Višegrad geborenen Saša Stanišić die Idee, ein ostdeutsches Dorf als Dreh- und Angelpunkt für seinen neuen Roman zu suchen. Er wusste genau, wie es aussehen sollte. Landschaftlich schön, von zwei Seen eingerahmt, wirtschaftlich kaum der Rede wert. Er fand es und pirschte sich in vier Jahren Arbeit an Fürstenfelde und seine Bewohner heran. Die Uckermark ist durchzogen von unzähligen Seen, belebt mit Inseln wie aus der Krombacher-Werbung, eine Landschaft, die sich den Luxus leistet, den Tieren und nicht den Menschen zu gehören. Den Rudeln von Rehen, Hirschen, Füchsen, Kranichen, Schwänen, Störchen und Wildschweinen. Nachts röhrt, zischt, faucht und knistert es unter Aufsicht eisern leuchtender Sterne. Ein Eldorado am flachen Saum des Wohlstands.

Hier hat das suchende Herz des Schriftstellers Saša Stanišić mit dem geschärften Bewusstsein für die Konturen des Ruins ausgeschlagen. Im letzten Zipfel Brandenburgs fand er die ideale Kulisse für seinen an Fremdheit und Unzeitgemäßem trainierten Verstand. Er wollte durch Befragen, Beobachten und Erfinden vom alten Leben retten, was zu retten ist.

Eine Hauptstraße prallt in Fürstenfelde kerzengerade auf ein weißes Haus. Rechts führt der Weg zum tollsten Laden der Welt, Mausefallen, Gummistiefel und Überlebensmode aller Art, links zur Felssteinkirche und zum Landmetzger, und prächtig in der Mitte das "Haus der Heimat". "Heimat", in bunten Farben handgemalt, wer da nicht mehrmals Luft holen muss. Der junge Mann, der als Flüchtling des Bosnienkriegs 1992 nach Deutschland kam und dem 2006 mit Wie der Soldat das Grammofon reparierte ein in dreißig Sprachen übersetzter Weltbestseller gelang, klopfte an glasverspiegelte Portas-Türen und wolkig verhangene Fenster. "Erzählt mir euer Leben", soll der Wildfremde gerufen haben, "hier ist manches wie damals bei mir zu Hause. In Višegrad im östlichen Bosnien floss unter der Brücke die Drina, ihr habt den Tiefen See. Bei mir zu Hause gab es Marx, bei euch auch, bei mir zu Hause brach vor zweiundzwanzig Jahren Krieg aus. Ihr wisst, wovon ich spreche."

Vor dem Fest ist ein Roman über die letzten nicht globalisierten Deutschen. Saša Stanišićs Debüt Wie der Soldat das Grammofon repariert war ein Roman über die letzten Vorkriegsbewohner von Bosnien Herzegowina. Beide Bücher widmen sich den Erinnerungen und dem Abschied. Vor dem Fest beginnt wie eine Elegie. "Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr." Auch sein erster Roman über eine Kindheit vor dem Bosnienkrieg begann mit dem Sterben. Opa Slavko war tot, doch er hatte einen Zauberstab hinterlassen. Statt eines Zauberstabs steckt in Vor dem Fest ein Kühlschrank mit Thunfischdosen im uckermärkischen Matsch. Hier fand Saša Stanišić eine vernachlässigte deutsche Gegenwart, die in den Städten niemand für möglich hält. Exemplarische Geschichte im kleinsten Maßstab. Der Erzähler mischt sich ein und gehört dazu. Er sagt "uns" und ruft laut "wir", wie zuletzt der große Gert Hoffmann. Für Stanišić ist das ostdeutsche Dorf, an der die Stadtmoderne vorbeiflitzt, eine Fundgrube.

"Vor dem Fest" ist ein Geschichtsbuch

Fürstenfelde ist ein Ort ohne Tankstelle, aber mit einem Zigarettenautomaten. Als real existierendes Fürstenwerder ist es nach Stanišićs Angaben leicht zu finden. Fürstenfelde ist zwar einzigartig, aber nicht singulär. Wie Marthalers östlicher Schüler sammelt Stanišić ein prototypisches Personal, zeigt seine Tätigkeiten und Gewohnheiten, seine Sprache und Gefühlswelt: Herr Schramm, erst NVA, jetzt Rentner, Anna Kranz, eine steinalte Malerin, die sich mit Tee und Schnaps auf den Beinen hält und "immer nur das malt, was sie weiß". Frau Schwermuth ist die Chronistin und Archivarin, sie hütet im "Haus der Heimat" das historische Material. Johann, ihr 16-jähriger Sohn, Azubi im Einzelhandel, die Musik der Streets im Ohr, läutet nebenher die Kirchenglocken, die der alte Glöckner kaum noch bewegen kann. Herr Ditzsche züchtet Rassehühner, ein Bäcker und der Buchhändler treten auf, ein paar Nebenfiguren sitzen auf Autoreifen, reden und trinken, eineinhalb Neonazis verschlafen den richtigen Augenblick, eine Frau von einer Partnervermittlung besucht Herrn Schramm, ein urkomisches Treffen, und der Fährmann ist tot. "Es gehen", ein typischer Stanišić-Satz, in dieser Gegend "mehr tot, als geboren werden." Und noch eine Feststellung dieses an Sozialanalysen reichen Buchs: die "hübschen Worte fehlen". Das macht nichts, denn spannender ist sowieso, was hier die Leute verschweigen.

Der Autor mischt sich unter die letzten Überlebenden, die sich in "Tätigkeiten beweisen, die keinen Nutzen haben", die im Heimatmuseum die Chronik behüten wie den Schatz im Silbersee und für Atheisten die Kirchenglocken läuten. Der Autor ist der ethnologisch geschulte Sympathisant. Interessiert an den Mythen, Ritualen, Verwandtschaftsbeziehungen, an der Wiederkehr der Geschichte und am Witz, der in der Wirklichkeit steckt. Saša Stanišić bindet seine Erzählung locker an die Vorbereitungen zum jährlichen Annenfest. "Anna" wird verbrannt, wie es schon Mitte des 16. Jahrhunderts in der Dorfchronik steht.

Vor dem Fest ist ein Geschichtsbuch, vom Mittelalter bis heute, durchsetzt mit Fabeln und Berichten aus der Chronik. Ein Buch über Krieg, Plünderungen, "Herkunft, Heimat, Hobby, Hitler, Hoffnung, Hartz IV", über Helden, die nicht immer Helden sein können, weil es anderes zu tun gibt. Saša Stanišić, der erfahrene Geschichtenbewahrer, erweckt einen verschlossenen Ort zum Leben, beschreibt dessen Schönheit, Tragik, Leere und Kraft. Ein Buch wie wenige andere. Politisch versiert und stilistisch ein Kunststück. Vor dem Fest ist Mensch, Tier und Natur zugewandt, vollkommen illusionslos und trotz mutmaßlicher Übertreibung vollkommen wahr.